Erwerbsabsichten internationaler Studierender in Deutschland
Der Fachkräftemangel ist in aller Munde. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge verlassen den Arbeitsmarkt und aufgrund des Geburtenrückgangs rücken weniger junge Beschäftigte nach. Infolge dieses demografischen Wandels wird die Zahl der Erwerbstätigen bis zum Jahr 2035 um über sieben Millionen sinken, also um circa 35 % (Fuchs et al., 2021).
10.03.2026 Bundesweit Artikel Deutsches Zentrum für Hochschul- und WissenschaftsforschungZuwanderung wird neben der ansteigenden Erwerbsquote von Frauen und Älteren von der Arbeitsmarktforschung als eine der möglichen Strategien zur Bewältigung des Fachkräftemangels betrachtet. Demnach müssten jährlich rund 400.000 Menschen zuwandern, um die Engpässe auf dem Arbeits-markt auszugleichen (Fuchs et al., 2021).
Fachkräftezuwanderung nach Deutschland findet trotz verbesserter rechtlicher Rahmenbedingungen auf sehr niedrigem Niveau statt. Der Bedarf an beruflich und akademisch qualifizierten Fachkräften in Deutschland bleibt daher weiterhin hoch. Arbeitnehmer*innen mit Hochschulabschluss fehlen vor allem in den Bereichen Medizin, Lehramt und vielen MINT-Fächern (Anger et al., 2023; Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2024; BMWK, 2024). Der Arbeitsmarktzugang zu der Mehrheit dieser akademischen Mangelberufe unterliegt zudem staatlichen Regularien, die eng an die im deutschen Bildungssystem erworbenen Qualifikationen gebunden sind, über die hoch qualifizierte Zuwandernde nicht oder nur zum Teil verfügen.
Die Diskrepanz von im Ausland erworbenen Qualifikationen und inländischen Ansprüchen rückt internationale Studierende in den Fokus des arbeitsmarktpolitischen Interesses – in Deutschland, aber auch in der Europäischen Union (SVR, 2012, 2019). Denn ihr Qualifikationsprofil ist bereits zu Anfang ihrer Berufskarriere besser an die hiesigen Bedarfe angepasst als das von hochgebildeten Zuwandernden (BMAS, 2022). Um das Potenzial von internationalen Studierenden für den deutschen Arbeitsmarkt zu nutzen, ist es entscheidend, dass sie nicht nur ihren Abschluss in einem Mangelberuf anstreben, sondern auch mittel- bis langfristig in Deutschland bleiben möchten. Denn internationale Studierende gelten als „mobile Talente“, die eine hohe Bereitschaft zeigen, grenzüberschreitend den Ort zu wechseln, ohne an einen regionalen Arbeitsmarkt gebunden zu sein (SVR, 2019).
Im vorliegenden DZHW Brief zeichnen wir ein Bild der internationalen Studierenden in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung ihrer Absicht, nach dem Studium in Deutschland erwerbstätig zu werden. Die Studierendenbefragung in Deutschland (2021) ermöglicht einen umfassenden Einblick in die herkunftslandspezifischen Abschluss- und Erwerbsintentionen der internationalen Studierenden im Sommersemester 2021 und zeigt, wie sich diese abhängig von ihrem Studienfach unterscheiden. Da internationale Studierende jedoch seltener und selektiver an der Befragung teilnehmen, stellen unsere Aussagen über die Erwerbsintention ein Schlaglicht dar, das wir mit Daten aus der amtlichen Statistik ergänzen.
Infobox 1: Definition „Internationale Studierende“
Im Fokus stehen internationale Studierende, die ihren Abschluss in Deutsch-land erwerben wollen (sogenannte Programmstudierende). Studierende, die nur für ein oder zwei Semester als Austauschstudierende (z. B. im Rahmen des EU-Programms Erasmus+) oder als „Freemover“ für ein eigenständig or-ganisiertes Auslandssemester ohne Bindung an eine Hochschulpartnerschaft nach Deutschland kommen, werden in den Analysen nicht berücksichtigt. In wissenschaftlichen Publikationen werden unterschiedliche, leicht voneinan-der abweichende Definitionen internationaler Studierender verwendet, die den Variablen Staatsbürgerschaft, Ort des Erwerbs der Hochschulzugangs-berechtigung und Studierendenstatus unterschiedliches Gewicht geben und von der hier vorgenommenen Definition abweichen können.
Die Studierendenbefragung in Deutschland definiert internationale Stu-dierende über die im Ausland erworbene Hochschulzugangsberechtigung (Kroher et al., 2023). Diese Definition richtet den Fokus auf Migrationsver-läufe statt auf das formale Kriterium der Staatsangehörigkeit. Wer seine Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben hat, hat in der Regel auch dort die Schule besucht und ist ein Teil der jeweiligen Gesellschaft – un-abhängig davon, welchen Pass sie oder er besitzt. Außerdem ist davon aus-zugehen, dass der Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung im Ausland ein Indikator dafür ist, dass diese Personen zum Zweck des Studiums einen Wohnortwechsel nach Deutschland vollziehen. Vor allem in Bezug auf das Thema Fachkräftegewinnung ist diese Definition deshalb ausschlaggebender als die Staatsbürgerschaft.
Internationale Studierende
Internationale Studierende tragen zur Vielfalt an deutschen Hochschulen bei. In den letzten Jahren ist die Anzahl internationaler Studierender gestiegen – im Wintersemester 2024/2025 kommt etwa ein Sechstel aller Studierenden für ihre akademische Ausbildung aus dem Ausland (Destatis, 2025). Deutschland erweist sich damit im weltweiten Vergleich als wichtigstes Gastland für internationale Studierende nach den USA, Großbritannien und Australien (Heublein et al., 2024).
Gleichzeitig sind internationale Studierende keine homogene Gruppe. Eine wichtige Differenzierung innerhalb dieser Population bezieht sich auf die Herkunft und unterscheidet Studierende aus Ländern der EU von Studierenden aus anderen Ländern. Dies betrifft insbesondere die rechtlichen Regelungen der Zuwanderung und die Möglichkeiten, langfristig in Deutschland zu bleiben. Die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union ermöglicht es Bürger*innen aus Mitgliedsstaaten, ohne aufenthaltsrechtliche Einschränkungen in jedem Land zu studieren und im Anschluss auch zu arbeiten. Studierende aus anderen Ländern haben dagegen höhere rechtliche Hürden für ein Studium und eine anschließende Arbeitstätigkeit zu überwinden. Beispielsweise muss ein Aufenthaltstitel für ein Studium – je nach Herkunftsland vor oder nach der Zusage für einen Studienplatz – in der zuständigen deutschen Auslandsvertretung beantragt werden.
Die meisten internationalen Studierenden in Deutschland kommen aus entfernten Ländern wie Indien und China (siehe Abb. 1). Im Wintersemester 2024/25 kamen 97.413 Studierende, also gut ein Viertel aller internationalen Studierenden, aus diesen beiden Ländern. Studierende aus der EU kommen vorwiegend aus Österreich und Italien. Als erstes EU-Land steht Österreich an fünfter Stelle der wichtigsten Herkunftsländer. Neben den klassischen Herkunftsländern Indien, China und Türkei finden sich im Wintersemester 2024/25 auch Syrien und die Ukraine unter den Top 10. Auffällig dabei ist, dass die Gründe hier weniger mit klassischer Bildungsmigration zum Studium oder zur Ausbildung zusammenhängen als mit den Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen.
Die Abschlussabsichten von internationalen Studierenden sind jedoch unterschiedlich: Während Studierende aus Westeuropa und Nordamerika vor allem für einen befristeten Studienaufenthalt nach Deutschland kommen, planen Studierende aus anderen Weltregionen häufiger einen Studienabschluss an deutschen Hochschulen (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2024). So strebten im Wintersemester 2022/23 fast 93 % der internationalen Studierenden einen Studienabschluss in Deutschland an (Heublein et al., 2024).
Der Anteil der internationalen Studierenden mit Abschlussabsicht spiegelt sich auch in den tatsächlichen Abschlüssen wider: Mehr als 10 % aller Hochschulabsolvent*innen kommt aus dem Ausland (Heublein et al., 2024). Es zeigt sich, dass 6 % aller Erst- und 19 % aller Folgeabschlüsse von internationalen Studierenden erworben werden (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2024). In den Studienbereichen Kunst, Geisteswissenschaften und den MINT-Fächern ist der Anteil der Hochschulabschlüsse internationaler Studierender überdurchschnittlich hoch (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2024). Hinsichtlich des hohen Fachkräftebedarfs am deutschen Arbeitsmarkt, vor allem in technischen Berufsgruppen, zeigen sich hier große Beschäftigungspotenziale (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2024; BMAS, 2022).
Damit internationale Studierende für den deutschen Arbeitsmarkt relevant werden, ist es wichtig, dass sie nicht nur die Absicht haben, ihr Studium in Deutschland abzuschließen. Sie müssen sich auch vorstellen können, im Anschluss daran ein Leben mit Erwerbstätigkeit in Deutschland aufzubauen. Im Folgenden soll deshalb ein Blick auf die Motive zur Studienaufnahme internationaler Studierender in Deutschland geworfen werden.
Infobox 2: Datenbasis Die Studierendenbefragung in Deutschland
Die Studierendenbefragung in Deutschland ist eine bundesweite reprä-sentative Befragung, die im Sommersemester 2021 erstmals durchgeführt wurde (Beuße et al., 2022). An der Onlineumfrage nahmen etwa 188.000 Studierende teil, darunter auch etwa 13.000 internationale Studierende. Um mit den Daten aus Die Studierendenbefragung in Deutschland repräsenta-tive Aussagen über die Studierenden in Deutschland zu treffen, wurden die Daten statistisch gewichtet. Somit können auch die Randverteilungen aus der amtlichen Statistik über internationale Studierende berücksichtigt werden (Becker et al., 2024). Zudem ist für diese Zielgruppe ein eigenes Teilmodul mit spezifischen Fragen zur Vorbildung (u. a. Sprachkenntnisse), zum Aus-landsaufenthalt (u. a. Gründe für ein Studium in Deutschland, Kontakte zu anderen Studierenden) sowie zukünftigen Berufs- und Arbeitsmarktchancen und -absichten entwickelt worden.
Warum studieren internationale Studierende in Deutschland?
Die Frage danach, warum sich internationale Studierende für ein Studium in Deutschland entscheiden, kann nicht mit den Daten der amtlichen Statistik, sondern ausschließlich mit Befragungs- oder Surveydaten beantwortet werden. In der Studierendenbefragung in Deutschland werden internationale Studierende danach gefragt, aus welchem Grund sie in Deutschland studieren. Unter Rückgriff auf eine bewährte Frage der möglichen Gründe für ein Studium in Deutschland zeigt sich, dass internationale Studierende durch ein Bündel vieler unterschiedlicher Motive bewegt werden. Sie rangieren von einem intrinsischen Interesse an Land oder Sprache bis zu den Erfahrungen von Familie und Freund*innen mit dem deutschen Hochschulsystem (Kroher et al., 2023). Die größte Zustimmung unter den Gründen für ein Studium in Deutschland erhält jedoch die Aussage „… um nach dem Studium in Deutschland zu arbeiten“. 37,1 % aller internationalen Studierenden geben in der Studierendenbefragung in Deutschland an, dass sie dieser Aussage „voll und ganz“ zustimmen.
Der Wunsch, in Deutschland zu arbeiten, variiert allerdings stark nach Herkunftsland. Studierende, die nicht aus der EU stammen, haben oftmals ein höheres Interesse, hier erwerbstätig zu werden (siehe Abb. 2). Internationale Studierende aus Indien (59,0 %) und der Türkei (46,8 %) wollen überdurchschnittlich häufig nach dem Studium in Deutschland arbeiten. Dies gilt auch für internationale Studierende aus Syrien und der Russischen Föderation (45,5 bzw. 44,9 %). Etwas seltener, aber immer noch häufiger als der Durchschnitt, haben Studierende aus dem Iran eine Erwerbsabsicht in Deutschland (41,8 %). Zudem geben 35,0 % der Studierenden aus Pakistan an, nach dem Studium in Deutschland arbeiten zu wollen. Schließlich möchten nur 11,8 % der Studierenden aus China nach dem Abschluss in Deutschland eine Erwerbstätigkeit aufnehmen, obwohl sie die zweitgrößte Gruppe an internationalen Studierenden darstellen (siehe Abb. 1).
Wirft man einen Blick auf die EU-Staaten Österreich und Italien, die zur Gruppe der zehn größten Herkunftsländer gehören, fallen die geringeren Erwerbsabsichten im Vergleich zu den Nicht-EU-Staaten auf. Während etwas mehr als ein Viertel der italienischen Studierenden (27,2 %) der Aussage, dass sie zum Studium nach Deutschland gekommen sind, um hier zu arbeiten, voll und ganz zustimmen, trifft dies bei Studierenden aus Österreich nur auf 4,4 % zu. Dieses Muster ist vermutlich auf die Freizügigkeit innerhalb der EU zurückzuführen, die es Unionsbürger*innen ermöglicht, in jedem Mitgliedstaat zu studieren und ohne weitere Auflagen zu arbeiten. Kombiniert mit der räumlichen Flexibilität der „mobilen Talente“ fördern die gesetzlichen Rahmenbedingungen die grenzüberschreitende Arbeitsmobilität, weshalb internationale Studierende aus der EU seltener planen, in Deutschland zu bleiben. Auch die gemeinsame Sprache ist offenbar kein relevanter Pull-Faktor für Deutschland als künftigen Arbeitsort, wie das Beispiel der österreichischen Studierenden zeigt. Vielmehr fließt auch die Wahrnehmung der spezifischen kulturellen und ökonomischen Kontexte der Herkunftsländer durch die internationalen Studierenden mit in die Entscheidung für oder gegen den Verbleib in Deutschland ein.
Studierende aus der Ukraine gehören im Wintersemester 2024/25 zu den zehn größten Herkunftsgruppen internationaler Studierender (siehe Abb. 1). Trotzdem werden hier keine detaillierten Auswertungen der Erwerbsabsichten ukrainischer Studierender aus der Studierendenbefragung in Deutschland präsentiert, da die Daten vor Russlands Krieg gegen die Ukraine erhoben wurden. Ergebnisse aus dem Jahr 2021 würden einen falschen Eindruck vermitteln, da bei diesen Studierenden eine stark veränderte Motivlage hinsichtlich der Gründe für ein Studium in Deutschland zu erwarten ist. Unsere Daten deuten jedoch darauf hin, dass internationale Studierende aus der Ukraine 2021 einen ausgeprägten Wunsch hatten, in Deutschland zu arbeiten. Neuere Erkenntnisse über geflüchtete internationale Studierende liegen noch nicht vor. Allerdings geben hochgebildete Ukrainer*innen eine geringere Bleibewahrscheinlichkeit in Deutschland an (Brücker et al., 2023).
Für welche Berufsbereiche können internationale Studierende relevant sein?
Ein genauerer Blick auf das Fachwahlverhalten internationaler Studierender zeigt ihr Potenzial für den deutschen Arbeitsmarkt. Denn nicht alle Berufszweige sind von aktuellem oder künftigem Fachkräftemangel betroffen. Tab. 1 zeigt die Verteilung von Studierenden aus Deutschland und internationalen Studierenden nach Fächergruppen auf Basis aktueller Daten des Statistischen Bundesamtes aus dem Wintersemester 2024/2025. Internationale Studierende sind überwiegend in den Ingenieurwissenschaften eingeschrieben – deutlich häufiger als Studierende aus Deutschland (45 vs. 26 %). An zweiter Stelle folgen die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften (18 %), die im Vergleich etwas seltener als von Studierenden aus Deutschland (21 %) gewählt werden. Deutlich seltener wählen internationale Studierende hingegen sozialwissenschaftliche Fächer (7 vs. 20 %). Unterschiede zeigen sich auch in medizinischen und gesundheitswissenschaftlichen Fächern, die von Studierenden aus Deutschland fast doppelt so häufig studiert werden (9 vs. 5 %).
Insgesamt möchte deutlich mehr als ein Drittel der internationalen Studierenden in Deutschland auf jeden Fall nach dem Studium in Deutschland arbeiten (siehe Abb. 2). Differenziert nach Fachrichtung unterscheiden sich diese Erwerbsabsichten jedoch erheblich (siehe Abb. 3). So liegt dieser Anteil in den Ingenieurwissenschaften, die größte Fächergruppe der internationalen Studierenden, bei fast 40 Prozent. Noch höher ist dieser Anteil bei den Studierenden aus den Wirtschafts- und Rechts-wissenschaften, die insgesamt aber quantitativ geringer besetzt sind. In den Fächergruppen Mathematik bzw. Naturwissenschaften sowie Geisteswissenschaften ist der Anteil der Studierenden mit Erwerbsabsicht leicht unterdurchschnittlich. Erkennbar selten geben die angehenden Sozialwissenschaftler*innen sowie Mediziner*innen bzw. Gesundheitswissenschaftler*innen an, nach ihrem Studienabschluss in Deutschland arbeiten zu wollen.
Wird zusätzlich unterschieden, ob die Studierenden aus einem EU- oder Nicht-EU-Land kommen, zeigt sich, dass die Erwerbsabsicht aller internationalen Studierenden aus Nicht-EU-Staaten deutlich höher ist als aus EU-Staaten (40,2 vs. 26,0 %), unabhängig von der Fächergruppe. Im Vergleich der Fächergruppen weisen Studierende mit Erwerbsabsicht aus Nicht-EU-Staaten in den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sowie in den Ingenieurwissenschaften die höchsten Anteile auf (44,9 bzw. 42,1 %). Im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften zeigt sich ein ähnlich hoher Anteil (39,3 %). Von den Geisteswissenschaftler*innen streben 35,1 % eine Erwerbstätigkeit nach ihrem Abschluss in Deutschland an. In den Fächergruppen Sozialwissenschaften sowie Medizin bzw. Gesundheitswissenschaften kommt dies noch etwas seltener vor – bei 29,1 bzw. 28,6 % der Studierenden.
Bei Studierenden aus der EU zeigt sich, dass vor allem angehende Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler*innen zum Arbeiten in Deutschland bleiben wollen (42,0 %), gefolgt von Studierenden der Geisteswissenschaften (31,5 %). Bei EU-Studierenden der Sozial- sowie der Ingenieurwissenschaften ist dieser Anteil mit 21,7 bzw. 21,2 % vergleichsweise niedrig. In Studiengängen der Mathematik bzw. Naturwissenschaften sowie der Medizin bzw. den Gesundheitswissenschaften berichten Studierende noch seltener, nach dem Studium in Deutschland arbeiten zu wollen (19,9 bzw. 15,7 %). Die größten Unterschiede in der Erwerbsabsicht zwischen den Fächergruppen und der Herkunftsregion liegen in mathematischen bzw. naturwissenschaftlichen Studiengängen. Hier liegt eine Differenz von 25 Prozentpunkten vor. In den Ingenieurwissenschaften beträgt die Differenz in der Erwerbsabsicht der Studierenden 21 Prozentpunkte. Beide Fächergruppen sind im Kontext des Fachkräftemangels besonders relevant.
Internationale Studierende – eine Option zur Eindämmung des Fachkräftemangels?
Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht können internationale Studierende dem Fachkräftemangel entgegenwirken: Hoch qualifiziert und mit relevanten Kompetenzen für den deutschen Arbeitsmarkt ausgestattet, bilden sie eine wachsende Studierendengruppe in Deutschland. Zudem ist weltweit das Interesse hoch, für ein Studium nach Deutschland zu kommen. Die überwiegende Mehrheit der internationalen Studierenden entscheidet sich für ein vollständiges Studium und nicht nur für einen kurzfristigen Auslandsaufenthalt in Deutschland und plant, auch eine Erwerbstätigkeit in Deutschland aufzunehmen. Internationale Studierende wählen zudem deutlich häufiger Studienfächer im vom Fachkräftemangel überdurchschnittlich betroffenen MINT-Bereich. Von diesen Studierenden beabsichtigt zudem ein großer Anteil, nach dem Studium in Deutschland zu arbeiten. Bei der Betrachtung der Erwerbsabsichten fällt auf, dass gerade diejenigen Studierenden, bei denen die Absicht, nach dem Studium in Deutschland zu arbeiten, am ausgeprägtesten ist, die größten aufenthaltsrechtlichen Hürden überwinden müssen, da sie aus Nicht-EU-Ländern stammen. Außerdem variiert die Erwerbsabsicht erheblich zwischen einzelnen Herkunftsländern. Studierende aus China planen nur selten eine Erwerbstätigkeit in Deutschland, und auch bei Studierenden aus manchen EU-Ländern (z. B. Österreich) ist das Interesse gering, nach dem Studium in Deutschland zu bleiben. Für migrations- und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, die sich an internationale Studierende richten, ist es deshalb entscheidend zu berücksichtigen, dass die Gruppe der internationalen Studierenden in ihren Bleibe- und Erwerbsabsichten keineswegs homogen ist.
Aus der Forschung ist zudem bekannt, dass internationale Studierende beim Übergang in den Arbeitsmarkt weniger erfolgreich sind als Studierende aus Deutschland (BMAS, 2022). Wichtig ist folglich, Unterstützungsangebote für diese Gruppe zu schaffen oder auszubauen und im Fall einer Erwerbsabsicht den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern (BMAS, 2022). Zusätzlich sehen sich internationale Studierende mit einer Vielzahl weiterer Herausforderungen konfrontiert, etwa finanziellen Belastungen oder sprachlichen Hürden (Falk et al., 2022). Auch Diskriminierungserfahrungen spielen eine Rolle (Pineda, 2018) und markieren ein weiteres mögliches Feld politischen Handelns, in dem die Potenziale internationaler Studierender gezielter gefördert werden könnten.
Von Daniel Völk, Julia Steinkühler und Jessica Ordemann
Erstveröffentlichung: DZHW-Brief 05 2025 (hier finden sich zugehörige Quellen und Abbildungen).
- Hochschul- und Studienfinanzierung in Deutschland
- Zahl der Studienberechtigten 2025 um 8 Prozent gesunken
- Studienabbruch vermeiden: kritische Eingangsphase im Fernstudium
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