Interview

„Suboptimale Lösungen“

Der Medizinsoziologe Holger Pfaff ist Mitglied einer interdisziplinären Expertengruppe, die sich kritisch-konstruktiv mit dem Pandemiekurs der Bundesregierung auseinandersetzt.

12.04.2021 Bundesweit Artikel DUZ - Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft
  • © Martin Stengel | die-journalisten.de GmbH

Herr Professor Pfaff, was war der Anstoß zur Bildung der Autorengruppe und wie kam es dazu, dass Sie Mitglied wurden?
Ich habe mit einigen Mitgliedern der Autorengruppe zuvor lange Jahre auf dem Gebiet der Versorgungsforschung zusammengearbeitet. Unsere Gruppe eint das Ziel, Präventions- und Versorgungsprobleme interdisziplinär zu betrachten, zu analysieren und zu lösen: die einen Mitglieder mehr aus Sicht der Medizin, die anderen mehr aus der Sicht der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die von C. P. Snow beschriebene Kluft zwischen Naturwissenschaften auf der einen Seite und Geistes- und Sozialwissenschaften auf der anderen Seite gilt es zu überbrücken, wenn man die modernen gesellschaftlichen Probleme verstehen und am Schluss lösen will. Ich befürchte nur, dass die Corona-Pandemie diese Kluft wieder vergrößert. Die Geistes- und Sozialwissenschaften werden vergleichsweise wenig gehört. Corona ist aber nicht nur eine biologische Krise, sondern auch eine soziale. Das gemeinsame Ziel war es daher, eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern und Praktikern zusammenzusetzen, die die Corona-Pandemie von verschiedenen Seiten aus betrachtet und einen offenen Diskurs in Gang setzt. Gemeinsam haben wir seit April letzten Jahres sieben Thesenpapiere zur Corona-Pandemie verfasst.

Prof. Dr. Holger Pfaff übernahm 1997 die Professur für Medizinische Soziologie an der Universität zu Köln. Seit 2009 ist er Direktor des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR) der Uni Köln und der Uniklinik Köln.

Die Argumentation der Thesenpapiere der Autorengruppe wirkt schlüssig. Woran liegt es, dass sie nicht breiter in der Öffentlichkeit, den „führenden“ Medien diskutiert werden?
Am Anfang der Pandemie war in der Tat eine gewisse Zurückhaltung zu verspüren. Inzwischen, seit November genau, hat sich das geändert. Zusätzlich wurde aufgrund unserer Kritik am mangelnden Schutz der Alten- und Pflegeheime die Pflegeexpertin unserer Gruppe von der Bundeskanzlerin Angela Merkel um Weihnachten eingeladen, am Plan zum Schutz der Pflegeheime mitzuarbeiten. Es hat uns überrascht, dass der Schutz der alten Menschen in Pflegeheimen nicht besser geplant wurde.

Wie ist das zu erklären?
Was jetzt um sich gegriffen hat, ist ein gewisses „Gruppendenken“, bei der die Gruppe der politischen Entscheidungsträger wichtige Informationen und Alternativvorschläge gar nicht erst in Betracht zieht, weil sie nicht in ihre Sicht der Dinge passen. Es gibt viele Untersuchungen, die zeigen: Auch hochintelligente Menschen machen Fehler, wenn sie unter Stress in die „Gruppendenkfalle“ geraten. Diese Falle ist gegeben, wenn die Gruppe sich gewissermaßen „einigelt“ und keine abweichenden Meinungen mehr zulässt. Man will Einmütigkeit herstellen und Stress reduzieren, indem man sagt, wir wissen jetzt, was zu tun ist. Alternativen zuzulassen und abzuwägen, bedeutet aber­ erneut Arbeit für die Entscheidungsträger. Der wissenschaftliche Terminus hierfür ist „Optionsstress“. Diesen Entscheidungsstress versuchen die Entscheidungsträger und deren Berater dadurch zu reduzieren, dass sie an einmal getroffenen Lösungen festhalten.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der aktuellen Ausgabe von „DUZ - Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft“.

Was ist so falsch daran?
Das geht solange gut, wie ihr Bild der Lage stimmt. Wenn sie jedoch eine falsche Sicht der Dinge haben und die Lage falsch einschätzen oder sich die Lage ändert, treffen sie die falschen Entscheidungen. Dabei ist das Gruppendenken nicht etwas, das bewusst geplant wird, es entsteht vielmehr unbewusst. Gruppendenken führt selten zu optimalen Lösungen, weil die Entscheidungsträger unter Entscheidungsdruck meist nicht alle Optionen durchspielen und zu schnell gute Optionswege verwerfen. Ich wünsche mir, dass es in einem führenden Industrieland wie Deutschland, das Milliarden Euro an Hilfen ausgibt, möglich sein muss, im politischen Entscheidungsprozess offener, systematischer und abwägender vorzugehen.

Im sechsten Thesenpapier der Autorengruppe wird ein Strategiewechsel in der Corona-Pandemiebekämpfung als unvermeidlich gesehen. Können Sie kurz skizzieren, wie der aussehen soll?
Wir haben alle dasselbe Ziel, Corona erfolgreich zu bewältigen. Wir wollen über die Mittel reden, mit denen wir zum gemeinsamen Ziel kommen können. Das bedeutet, dass neben den allgemeinen Hygieneregeln der systematische Schutz der verwundbaren Gruppen, also vor allem der alten Menschen, nicht fehlen darf. Strategiewechsel heißt also systematischer Schutz der alten Menschen und zwar zusätzlich zu den bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung. Dass die alten Menschen jetzt zuerst geimpft werden, stellt eine Umsetzung dieser Schutzidee dar. Darüber dürfen aber weitere Schutzmaßnahmen nicht vergessen werden, wie z. B. Schutzmaterialien und Schnelltests für Pflegeheime oder ambulante Pflegedienste.

Was ist über die aktuell verwendeten Kennzahlen und Grenzwerte zu sagen?
Bessere Kennzahlen gibt es nur, wenn man wissenschaftliche Studien durchführt. Zurzeit werden anlassbezogene Testungen durchgeführt. Besser ist es, stichprobenartige Tests in der Bevölkerung zu machen. Solche Tests zeigen dann das wahre Bild. Dies geschieht bei einer sogenannten „Kohortenstudie“. In diesem Fall werden per Zufallsverfahren beispielsweise 100 000 Menschen aus der deutschen Bevölkerung ausgewählt und untersucht. Diese zufällig ausgewählten Menschen werden dann in kurzen, regelmäßigen Abständen getestet und ärztlich untersucht. Auf diese Weise würden wir herausfinden, wie hoch der Prozentsatz der neuinfizierten Personen in Deutschland tatsächlich ist. Wir würden auch erfahren, wie hoch der Anteil der an COVID-19 erkrankten Personen ist und wie viele davon versterben. Dadurch würden wir messen können, wie sich das Virus in Deutschland tatsächlich verbreitet und welche Schäden es bei welchen Personen anrichtet. Auf dieser Basis kann dann die wahre Inzidenz ermittelt und das Problem der Dunkelziffer gelöst werden.

Da wir solche bundesweiten Studien noch nicht haben, müssen wir uns mit anderen, weniger aussagekräftigen Kennzahlen begnügen. So werden immer noch absolute Zahlen verwendet, wie etwa die Anzahl der Covid-19-Todesfälle pro Tag. Absolute Zahlen erlauben zwar abzulesen, ob das Infektionsgeschehen zu- oder abnimmt. Besser ist es jedoch, diese Zahl in Bezug zur Bevölkerungszahl zu setzen, wie es bei den jetzt geltenden Grenzwerten der 7-Tage-Inzidenz von 35, 50 und 100 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner der Fall ist. Es ist mir aber nicht bekannt, dass diese für Deutschland zurzeit geltenden Grenzwerte wissenschaftlich abgesichert sind. Es wird argumentiert, dass ab einer Überschreitung dieser Grenzwerte die Gesundheitsämter nicht mehr in der Lage sind, Infektionsketten nachzuverfolgen. Jetzt kommt das Argument hinzu, dass man die möglichen neuen Gefahren, die von SARS-COV-2-Mutationen ausgehen können, frühzeitig abwenden muss. Die Nutzung von Grenzwerten hat für die Politiker übrigens den nützlichen Effekt, dass ein Automatismus ausgelöst wird, wenn ein Grenzwert über- oder unterschritten wird. Aufwendige politische Diskussionen über den richtigen Weg finden dann weniger oft statt.

Ist das Beispiel der Stadt Tübingen mit ihren Maßnahmen ein gutes Beispiel?
Eindeutig ja. Was Tübingen gemacht hat, entspricht dem, was wir in unseren Thesenpapieren für die älteren Mitbürger gefordert haben, also Pflegeheime systematisch testen, FFP2-Masken für Ältere kostenlos verteilen, die Kosten der Taxinutzung auf das Niveau der Nutzungskosten des öffentlichen Nahverkehrs senken und besondere Einkaufszeiten einrichten usw. Also die alten Menschen besser schützen, ohne sie wegzusperren.

Sie haben im siebten Thesenpapier zum Thema Impfen Stellung bezogen. Wie ist die Impfstrategie der Bundesregierung zu bewerten?
Das ist erst mal ein guter Ansatz. Mit der eingeschlagenen Priorisierungsstrategie schützt sie vor allem zunächst die alten Menschen als besonders schutzbedürftige Gruppe. Wir wissen: Geimpfte werden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit geschützt. Die Lieferprobleme entstanden zum Teil dadurch, dass die Bundesregierung keinen Alleingang in Europa machen wollte. Ein Alleingang hätte uns europapolitisch vielleicht geschadet.

Die Impfstrategie muss allerdings in die allgemeine Prävention mit den AHA-Regeln eingebettet sein. Alle Erfahrung zeigt, dass man nicht davon ausgehen kann, dass die Impfung alles regeln wird. Sie ist ein gutes Mittel, aber kein Allheilmittel. Nicht alle Menschen werden sich zum Beispiel impfen lassen wollen. Das kann dazu führen, dass am Ende in der Bevölkerung trotz guter Impfkampagne nicht so viele immun sind, wie es notwendig ist, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Wir müssen also, so schwer dies auch fällt, erst mal bei den allgemeinen Vorsichtsmaßnahmen bleiben und sie durch die Impfung ergänzen, bis die Herdenimmunität gegeben ist.

Wie sieht es mit den Impfrisiken aus?
Zur Abschätzung der kurzfristigen Risiken liegen gute Zahlen vor. Diese zeigen, dass die kurzfristigen Risiken überschaubar sind. Für die Abschätzung der längerfristigen Risiken fehlen jedoch bisher notwendigerweise die Daten, weil man die geimpften Personen dazu mehrere Jahre beobachten muss, um ausschließen zu können, dass es langfristige Nebenwirkungen gibt.

Werden Sie und Ihre Kollegen der Autorengruppe für Ihre Thesenpapiere angegriffen? Mit den Corona-Leugnern in einen Topf geworfen? Gab es schon mal einen Shitstorm im Internet?
Verbal angegriffen wurden wir bisher nicht. Aber mit den Corona-Leugnern in einen Topf geworfen zu werden, diese Befürchtung hatten wir eine gewisse Zeit lang. Wir leugnen Corona definitiv nicht. Wir sind der Meinung, dass man darüber diskutieren soll und kann, ob es auch andere Lösungswege gibt als die Lösungen, die derzeit praktiziert werden. Wir erleben zurzeit eine starke Lagerbildung. Die Lager handeln nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Das große Problem dabei ist, dass dadurch eine wertschätzende und erkenntnisorientierte Diskussion über den richtigen Weg nicht mehr gut möglich ist. Das kann zu suboptimalen Lösungen führen, und das gilt es unbedingt zu vermeiden.

© duz.

Der Inhalt dieses Beitrags ist urheber- und leistungsschutzrechtlich geschützt. Jegliche Nutzung von Inhalten, außer zum persönlichen Gebrauch, ist ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung der duz unzulässig. Dies gilt insbesondere für ganze oder teilweise Veröffentlichung, Vervielfältigung, Weitergabe, Bearbeitung oder Einspeisung in elektronische Systeme (z.B. Unternehmensnetze oder Datenbanken). Derartige Verwendungen sind ohne gesonderte vertragliche Vereinbarung unzulässig und verstoßen gegen geltendes Recht. Alle Rechte bleiben vorbehalten. www.duz.de


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden