"Wir brauchen ein stärkeres BAföG"

Vor kurzem erst hat der Bundestag die Anhebung des BAföG um zehn Prozent ab dem Wintersemester 2008 beschlossen – die erste Erhöhung seit 2002. Ist damit und mit dem Angebot an Stipendien und Studienkrediten jetzt für alle Studierenden die Finanzierung des Studiums gesichert? Das wollten wir von Prof. Dr. Rolf Dobischat, Bildungsforscher an der Universität Duisburg-Essen und Präsident des Deutschen Studentenwerks, wissen.

13.12.2007 Artikel
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Studieren wird immer teurer. Zu den steigenden Lebenshaltungskosten kommen in vielen Bundesländern satte Studiengebühren. Reichen BAföG und Stipendien aus, um Kindern aus einkommensschwachen Elternhäusern ein Studium zu ermöglichen?

Rolf Dobischat: Ich würde es so formulieren: Dass an unseren Hochschulen überwiegend Akademikerkinder studieren, dass nicht nur das prozentuale Verhältnis der Studierenden aus niedrigen, sondern auch der mittleren sozialen Herkunftsgruppen abnimmt, dass einem Drittel der Studierenden weniger Geld zur Verfügung steht als die Unterhaltsgerichte in der Regel zubilligen, das alles sind starke Indizien dafür, dass wir ein noch stärkeres BAföG brauchen. Jeder, der geeignet und willens ist, muss die Möglichkeit erhalten, studieren zu können, unabhängig von der Bildungstradition und der finanziellen Situation im Elternhaus.

Stipendien fallen gar nicht so sehr ins Gewicht. Wir wissen aus unserer jüngsten Sozialerhebung, einer Studierenden-Befragung zu ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage: Nur zwei Prozent der Studierenden erhalten ein Stipendium, im Durchschnitt 328 Euro pro Monat. Das reicht sicher nicht. Wir sind sehr froh, dass Bundesbildungsministerin Schavan sich bei der Wirtschaft um eine erhebliche Ausweitung der Stipendien bemühen will. Immerhin gab es doch die Ankündigung der Wirtschaft nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil zu Studiengebühren, Milliardenbeträge für Stipendien zur Verfügung stellen zu wollen. Auch die Länder hatten vor dem Bundesverfassungsgericht Stipendien angekündigt. Passiert ist aber nichts.

Fast zwei Drittel aller Studierenden in Deutschland jobben neben dem Studium, so die aktuelle Erhebung des Deutschen Studentenwerks. Gleichzeitig lassen aber die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge den Studenten kaum Zeit, um nebenher zu arbeiten. Sind Studienabbrüche also vorprogrammiert?

Rolf Dobischat: Abbrüche hoffentlich nicht, aber sicher Zeitkonflikte. Obwohl im Sommer 2006, als wir unsere Erhebung durchgeführt haben, erst elf Prozent der zwei Millionen Studierenden in einem Bachelor-Studiengang eingeschrieben waren, wurde deutlich, dass die zeitlichen Anforderungen in den neuen Studiengängen tatsächlich erheblich steigen. Sie haben Recht, zum Jobben bleibt dann natürlich viel weniger Zeit – aber auch für politisches, soziales oder kulturelles Engagement. Die spannende Frage wird sein, auf welche Alternativen zum Jobben die Bachelor-Studierenden ausweichen können. Dazu können wir derzeit aber noch keine Aussagen machen. Bachelor und Master wurden ja unter anderem mit dem Argument begründet, mit einem rascheren und strukturierteren Studium die hohe Zahl von 25 Prozent Studienabbrechern zu reduzieren. Ich hoffe, diese Erwartung erfüllt sich!

Hochschulabsolventen haben nachweislich bessere Berufsaussichten als anders Qualifizierte. Ist es ihnen dann nicht auch zuzumuten, in ihre Bildung zu investieren und zum Beispiel einen Studienkredit aufnehmen?

Rolf Dobischat: Das Argument verfängt nicht. Die Bildungsrendite eines Studiums in Deutschland liegt zwischen sieben und zehn Prozent, Studienkredite sind in der derzeitigen Niedrigzinsphase ebenfalls mit sieben Prozent Zinsen zu haben – das wäre dann ein Nullsummenspiel und kein wirklicher Anreiz für ein Studium. Die durchschnittlichen Einstiegsgehälter vieler Absolventen liegen unter denen von Facharbeitern.

Ich halte es für fatal, die Bildungsfinanzierung in Deutschland stärker auf Kredite umstellen zu wollen. Bildung ist primär ein öffentliches Gut in öffentlicher Verantwortung. Studienkredite können allenfalls temporär und in begrenzter Höhe Finanzierungsspitzen ausgleichen. Wenn wir, wie es sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt hat, wirklich 40 Prozent eines Altersjahrgangs an den Hochschulen haben wollen, ist ein potentieller Schuldenberg von bis zu 120.000 Euro sicher kein mobilisierendes Argument.

Was müsste in Sachen Studienfinanzierung geschehen, um für mehr Chancengleichheit zu sorgen und sich den hehren Zielen der Politik - dass nämlich 40 Prozent der Schüler eines Jahrgangs studieren sollen - wenigstens zu nähern?

Rolf Dobischat: Wir brauchen für die jungen Menschen aus allen Schichten eine reelle Finanzierungsgrundlage für ihr Studium, und wir brauchen insbesondere ein solide, leistungsfähige staatliche Studienfinanzierung über das BAföG. Die Politik hat aber die notwendigen Erhöhungen beim BAföG viele Jahre hinausgezögert, ehe sie unter massivem politischen Druck jetzt endlich handelte und das BAföG erhöhte. Der nächste Schritt muss sein, dass auch die Studiengebühren, die sieben Bundesländer erheben, beim BAföG berücksichtigt werden, auch wenn das wegen der föderalen Zuständigkeiten nicht ganz einfach ist.


Wer bezahlt das Studium?

  • Studenten finanzieren ihr Studium aus mehreren Quellen: Eltern, BAföG, Nebenjobs, Studienkredite und Stipendien. Die meisten Studierenden - nämlich 90 Prozent - werden nach wie vor von den Eltern finanziell unterstützt. Im Durchschnitt bekommen sie dabei monatlich 448 Euro. Knapp 24 Prozent aller Studierenden erhalten BAföG und zwar durchschnittlich 363 Euro. Zu Studienkrediten, die sich im Laufe eines Studiums auf mehrere Zehntausend Euro belaufen können, greifen immer mehr Studierende. Allein den bundesweiten KfW-Studienkredit haben innerhalb eines Jahres nach seiner Einführung im April 2006 mehr als 23.000 Studenten in Anspruch genommen. Die Stipendien allerdings liegen weiterhin auf niedrigem Niveau. Obwohl die Wirtschaft im März 2005, kurz nachdem das Bundesverfassungsgericht Studiengebühren erlaubt hatte, vollmundig eine Aufstockung versprochen hatte, bekommen nach wie vor nur zwei Prozent der Studenten ein Stipendium.
    Quelle: 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, KfW

(Das Interview mit Prof. Dr. Rolf Dobischat ist abgedruckt im Themendienst 1 zur didacta 2008.)


Weiterführende Links

  • Homepage Deutsche Studentenwerke
  • Homepage didacta - die Bildungsmesse 2008

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