Interview

„In die Mathematik habe ich mich hineingeschlichen“

Nach rund 20 Jahren als Mathelehrer schwärmt Peter Leidinger noch immer über die Magie der Zahl Pi, die Stringenz der Mathematik und seine Zeit an der Deutschen Schule Genua. Mit Anna Petersen sprach er über die Frage, warum ihn die Mathematik begeistert – und wie man Schülerinnen und Schüler für das Fach gewinnen kann.

25.05.2020 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG
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Herr Leidinger, warum tun sich viele Schülerinnen und Schüler ausgerechnet mit dem Fach Mathematik so schwer?

Dass ihnen das Fach schwerer fällt, kann ich nicht unbedingt bestätigen. Aber offensichtlich polarisiert Mathematik mehr als andere Fächer. Das hat sicher viele Ursachen: Mathematik ist zum Beispiel weniger fehlertolerant. Im Alltag können wir in unklaren Situationen häufig herumlavieren, in der Mathematik funktioniert das nicht. Und: Mathematik erfordert ein Globalverständnis, sodass Lücken aus vergangenen Schuljahren den persönlichen Fortschritt erschweren – vielleicht mehr als in anderen Fächern.

Wie und wann haben Sie die Welt der Mathematik für sich entdeckt?

In die Mathematik habe ich mich eher hineingeschlichen. Erst zum Ende meiner Studienzeit fühlte ich mich im Riesenreich der Mathematik trotz meiner Wissenslücken nicht mehr ganz auf verlorenem Posten. Aber abgeschlossen ist dieser schleichende Einstieg wahrscheinlich immer noch nicht.

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Peter Leidinger unterrichtete von 1979 bis 2001 Mathematik und Physik, unter anderem an der DS Genua. Seit 18 Jahren arbeitet er im Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes, inzwischen leitet er das Referat Gymnasien. Seit 2008 vertritt er das Bundesland im Bund-Länder-Ausschuss für schulische Arbeit im Ausland.

Trotzdem hatten Sie sich schon zuvor für ein Studium der Mathematik entschieden …

Ich habe wohl einiges aus der Schule mitgenommen. Meine Lehrkräfte haben es geschafft, mir zu zeigen, dass es sich lohnt, Mathematik zu studieren und auch zu lehren. Sie haben mir verdeutlicht, dass ich mit dieser Wissenschaft in meinem Leben sehr viel anfangen und sogar ein persönliches Wertesystem entwickeln kann.

Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Mathematikkenntnisse Ihre Sicht auf die Welt verändern und bereichern, weil Sie Dinge anders durchdringen?

Selbstverständlich, und deswegen kann ich jedem nur empfehlen, sich mit Mathematik zu beschäftigen. In der Mathematik lernt man Maximen wie: Es gibt keine Halbwahrheiten. Wenn du etwas sagst, sei sicher, dass es stimmt. Wenn du etwas begründest, begründe es richtig. Mit solchen Grundsätzen lässt sich im Leben sehr viel anfangen.

Was macht eine gute Lehrkraft, speziell für das Fach Mathematik, aus?

Ein guter Lehrer begeistert sich für sein Fach, zeigt das immer wieder und überträgt diese Begeisterung auf möglichst viele Menschen – auch außerhalb von Schule. Ich glaube, dass es in allen Fächern Anknüpfungspunkte gibt, um Begeisterung zu wecken. In der Mathematik gibt es allerdings besonders viele tolle Beispiele. Um die Stärken von Mathematik aufzuzeigen, muss man kein überragender Schauspieler oder Unterhalter sein.

Was begeistert Sie besonders?

Dass es viele lose Enden gibt, die ich finden und zusammenführen kann. Dass ich Lücken füllen und feststellen kann, wie schön es ist, wenn die Zahl der Lücken kleiner wird. Dass ich Verbindungen finden kann, die ich vorher nicht gesehen habe. Dass ich feststellen kann: Das ist richtig. Das ist falsch. Manchmal dauert es ein paar Jahrhunderte, bis jemand das wirklich feststellt! Vielleicht spielt auch das Prinzip der Aufrichtigkeit eine Rolle: Ich bin sicher über das, was ich sage. Und dann gibt es natürlich spannende Einzelheiten wie Eigenschaften bestimmter Zahlen: Über Pi sind Bücher gefüllt worden. Pi gehört zu den „gewöhnlichen“ Zahlen. „Gewöhnlich“ heißen Zahlen, bei denen die Folge der Ziffern nach dem Komma überhaupt nichts Besonderes aufweist. Das hat aber zur Folge, dass Sie in dieser unendlichen Zahlenfolge in codierter Form jeden Namen, auch Ihren eigenen finden. Sie finden natürlich auch jeden Zeitungsartikel dort irgendwo oder sogar die Bibel. Wenn man über solche Dinge nachdenkt, kommt man ins Philosophieren.

Sie haben rund 20 Jahre als Mathelehrer gearbeitet. Welchen Schwierigkeiten sind Sie bei dem Versuch begegnet, Kindern und Jugendlichen die Welt der Mathematik zu erklären?

Das Fach beschäftigt sich mit abstrakten Begriffen, zu denen nicht alle Schülerinnen und Schüler gleich gut Zugang finden. Der Übergang vom Konkreten zum Abstrakten, der ja in einem bestimmten Alter stattfindet, ist für einige schwierig. Ein wichtiger anderer Punkt ist: Durchhaltevermögen. Man muss durchhalten können, wenn man nicht sofort Ergebnisse sieht oder es ums Einüben geht. Das sind Schwierigkeiten, denen man aber in jedem Lernprozess begegnet.

Ob Geometrie oder Stochastik – verfolgen Sie eine bestimmte Herangehensweise, um Inhalte zu veranschaulichen oder Begeisterung zu wecken?

Gute Beispiele zum Einstieg, die Neugier wecken, wirken Wunder. Auch wenn man an Bekanntes anknüpfen kann, hilft das. Repetitio est mater studiorum. (Anm. der Redaktion: Wiederholung ist die Mutter der Studien.) Also, immer wieder Altes mit Neuem verknüpfen, Querbezüge schaffen und die Struktur aufzeigen. Ein geläufiges Beispiel ist Bruchrechnen anhand einer Pizza.

Heutzutage wird oft moniert, Schülerinnen und Schüler könnten nicht mehr so viel wie früher. Sie kämen beispielsweise ohne notwendige Basismathekenntnisse an die Hochschulen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Ich glaube, dieses Phänomen kann man über die Jahrtausende verfolgen: Dass alles immer schlechter wird und die Moral der Jugend und ihre Kenntnisse abnehmen – das haben sicher die Griechen schon so gesehen und die Römer bestimmt auch. Man sollte nicht übertreiben. Ich glaube, die Summe der Kompetenzen ist gleichgeblieben: Wenn in der Bruchrechnung vielleicht weniger Kompetenzen vorhanden sind, können Schüler dafür heute besser Probleme lösen als früher. Ihre Hilfsmittel haben sich ja auch verändert, sie brauchen vielleicht einige Kompetenzen nicht mehr so sehr. Ein Problem ist aus meiner Sicht, dass unsere Welt schnelllebiger und hektischer geworden ist und wir mit einer Überfülle von sinnvollen und weniger sinnvollen Informationen bedrängt werden. Das beeinflusst die Konzentrationsfähigkeit und das Durchhaltevermögen unserer Schüler. Insofern haben es, glaube ich, alle Schüler, Lehrkräfte und Eltern schwerer als noch vor 30 Jahren.

Diese schnelllebige Welt wird auch durch fake news geprägt. Wie wichtig ist ein gutes Zahlenverständnis, um unseren Alltag zu durchdringen?

Der Alltag wimmelt von Zahlen: Stellen Sie sich vor, Sie wollten eine 5G-Lizenz kaufen. Dann müssten Sie 6,5 Milliarden Euro zahlen. Wenn Sie die in einzelnen Eurostücken auf den Tisch legen und es schaffen, in einer Sekunde ein Eurostück hinzulegen, brauchen Sie für diese Summe ungefähr 200 Jahre. So groß ist die Summe. Und alleine für die erste Million brauchen Sie schon elf Tage, wenn Sie Tag und Nacht Eurostücke hinlegen. Man braucht ein Zahlenverständnis, wenn man Summen, Ausmaße und Zusammenhänge einschätzen will. Wobei Zahlenverständnis natürlich nur ein Teil der Mathematik ist.

Ende des letzten Schuljahrs schwelte eine Diskussion über das Matheabitur. Der Vorwurf: Die Prüfungen seien zu schwer gewesen. Tatsächlich wurde, beispielsweise in Hamburg, nachbewertet. Wie stehen Sie dazu?

Die Schwierigkeit einer Arbeit ist immer relativ und betrifft den einzelnen Schüler. Ich glaube, dass die Aufgabenstellungen in einem ungewohnten Gewand daherkamen, mit dem sich viele Prüflinge schwergetan und daher mehr Zeit benötigt haben.

Meinen Sie, dass das Abitur durch den gemeinsamem Aufgabenpool der Länder fairer geworden ist?

Es ist vergleichbarer geworden und damit nach meiner Einschätzung auch fairer.

Sind Sie jemals einem Ausnahmetalent unter Ihren Matheschülerinnen und -schülern begegnet?

Das Wort ist hochgegriffen. Ich glaube, Ausnahmetalente sind Schüler, die für ihr Alter sehr viel mehr Kenntnisse zeigen, als erwartbar wäre. Ich bin auch Ausnahmetalenten begegnet, die zum Beispiel Preisträger bei der Mathematikolympiade oder Professoren geworden sind – zwei davon für Musik. Wenn man Ausnahmeleistungen erreichen will, muss man ein Talent haben. Das gilt nicht nur für Mathe. Gleichzeitig kann man mit Fleiß in nahezu allen Bereichen ein bestimmtes Mindestniveau erreichen.

Sie haben nicht nur im Inland gelehrt, sondern Ende der 80er Jahre auch an der Deutschen Schule Genua. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind Ihnen aufgefallen?

Im Ausland muss man natürlich den Umgang mit der deutschen Sprache beachten: Kennt die Klasse diese Vokabel? In Genua habe ich in der Regel keine Muttersprachler unterrichtet. Im Mathematikunterricht kommt es bei Fremdsprachlern besonders auf den eindeutigen Gebrauch der Fachsprache an. Man sollte zum Beispiel für ein Objekt nicht zwei unterschiedliche Namen verwenden und umgekehrt zwei verschiedene Objekte nicht mit dem gleichen Namen bezeichnen. Natürlich hilft auch im Mathematikunterricht bei deutschsprachigen Schülern die präzise Verwendung der Fachsprache, Missverständnisse zu vermeiden. Die Sprache ist das wesentliche Werkzeug, mit dem wir in der Schule, aber nicht nur dort, mit unseren Mitmenschen kommunizieren. Und schließlich bieten treffend formulierte und sprachlich angenehm klingende Sätze einen Zugang zum Wert und zur Schönheit der Literatur. Meine Zeit in Genua gehört zu den prägenden Phasen meiner frühen Berufstätigkeit. Sie hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Ich kann nur jedem empfehlen, eine Tätigkeit als Lehrkraft im Auslandsschulwesen zu realisieren.

Was genau hat Sie so beeindruckt?

Die Zeit an der Deutschen Schule hat mich in der Art geprägt, wie ich mich engagiere und wie ich meinen Unterricht vorbereite. Ich habe gelernt, dass man mit möglichst einfachen Worten einen Sachverhalt genau auf den Punkt bringen sollte. An Deutschen Auslandsschulen muss man sich sehr engagieren, aber dafür bekommt man auch sehr viel zurück. Und das hat mir gezeigt, dass eigentlich alles, was man als Lehrer macht, außergewöhnlich interessant ist.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 3-2019 veröffentlicht.



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