Wenn das eine nicht klappt, klappt etwas anderes im Leben

Als Aktivist, Musiker und Lebenskünstler weiß Ezekiel Nikiema, dass im Leben nicht alles nach Plan läuft. Und wie man immer das Beste daraus macht. Wir haben den jungen Künstler aus Burkina Faso getroffen und mit ihm über seine Pläne, seine Musik und die Zukunft unserer Welt gesprochen.

06.12.2016 Bundesweit Pressemeldung Deutsch-Afrikanische Jugendinitiative (DAJ)
  • © Wolfgang Möhrer Gemeinsam hoch hinaus: Mit dem deutschen Klassiker „Über den Wolken“ weiß Ezekiel alias Ezé Wendtoin sein Publikum immer wieder zu überraschen, vor allen Dingen aber zu begeistern.

Deutsch-Afrikanische Jugendinitiative: Ezekiel, Sie singen nicht nur auf Deutsch, Sie sprechen auch hervorragend Deutsch. Wie kommt das?

Ezekiel Nikiema: Ein guter Freund von mir lernte bereits in der Mittelstufe Deutsch in der Schule. Immer wenn wir zusammen Hausaufgaben machten, hörte ich ihn diese fremde Sprache sprechen, verstand aber leider kein Wort. Als ich nach der Mittleren Reife das Gymnasium besuchte, bot sich die Gelegenheit, das zu ändern, und ich habe sie ergriffen. Anders als Französisch, was in Burkina Faso Amtssprache und damit natürlich auch in der Schule Pflicht ist, habe ich mir Deutsch als Sprache selbst ausgesucht. Vielleicht hat sie zu lernen deshalb von Anfang an mehr Spaß gemacht.

Nach dem Abitur haben Sie an der Universität in Ihrer Heimatstadt Ouagadougou Ihr Germanistik-Studium begonnen. Stimmt es, dass Ihre Eltern Sie lieber bei den Juristen im Hörsaal gesehen hätten?

Das stimmt, aber dort war es mir zu voll. (Er lacht.) Nein, meine große Motivation im Leben waren von jeher die Musik und Menschen. Ich wollte die Welt sehen, musizieren, Menschen begegnen, mit ihnen arbeiten.

Eine Sprache zu lernen, bedeutet auch, einer anderen Kultur zu begegnen. Da schien mir das Germanistik-Studium ein großer Schritt in die richtige Richtung zu sein. Auch kann man in Burkina Faso bereits nach dem Bachelor als Lehrer an einer privaten Sprachschule unterrichten. Ebenfalls eine Gelegenheit, andere Kulturen kennen zu lernen, und für mich wesentlich reizvoller als ein gut bezahlter, aber zäher Job als Anwalt oder in der Wirtschaft.

Ihre erste Reise nach Deutschland war allerdings keine Sprachreise, sondern eine Tournee als Musiker. Klingt nach dem großen Traum, war es das?

Das kann man so und so sehen. Gleich zu Beginn meines Studiums erfuhr ich von den Stipendien des DAAD, mit denen Studenten nach Deutschland reisen können. So ein Stipendium wollte ich! Ich habe mich von Anfang an richtig reingehängt, gehörte immer zu den Besten und bewarb mich schließlich um ein Stipendium. Leider bekam ich eine Absage. Nachdem ich für diese Chance monatelang immer 100 % gegeben hatte, war das ein ganz schöner Dämpfer und hat mir jede Motivation geraubt. Statt auf die Uni konzentrierte ich mich wieder mehr auf die Musik und gewann kurz darauf bei einem Musik-Wettbewerb eine Tour durch Frankreich. Eine Bekannte aus dem Germanistenkreis am Goethe-Institut weitete diese auf Deutschland aus und so kam es, dass ich auf meiner ersten Deutschlandreise statt im Hörsaal zu sitzen auf der Bühne stand. Mein Studium konnte mir meinen Traum also nicht erfüllen, meine Musik dafür gleich zwei Träume auf einmal.

Und, war Deutschland so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Aus der Ferne kann man sich immer nur bedingt ein Bild machen, aber ich hatte viele Bücher gelesen, mich mit deutschen Künstlern befasst und bereits einige Deutsche kennen gelernt. Dementsprechend kamen meine Vorstellungen und die Realität einander doch recht nahe. Gleichzeitig habe ich die Deutschen schnell besser kennen gelernt – indem ich auf der Straße einfach jeden angesprochen und irgendwas gefragt habe. Ich musste doch meine Sprachkenntnisse testen. (Er lacht.)

Wenn Sie Ihre Heimat Burkina Faso und Ihre aktuelle Wahlheimat Deutschland vergleichen – was fällt Ihnen am meisten auf?

Der deutsche Lebensrhythmus und der in meiner Heimat Burkina Faso sind grundverschieden. Zu Hause haben bzw. nehmen wir uns viel Zeit für alles. Der Geistliche Phil Bosmans hat einmal gesagt: „Nimm dir Zeit, um glücklich zu sein. Zeit ist keine Schnellstraße zwischen Wiege und Grab, sondern Platz zum Parken an der Sonne.“ Ich denke, das beschreibt das Leben in Burkina Faso sehr gut.

In Deutschland hingegen heißt es: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Das macht das Leben hier sehr produktiv, aber auch schnell und stressig. Das merke ich an mir selbst: Auch ich muss jetzt täglich meine E-Mails lesen, immer auf die Uhr schauen, pünktlich den Bus nehmen etc. In Deutschland muss es oft perfekt sein – und das kann ganz schön anstrengend werden.

Ihren Studienplatz an der TU in Dresden hatten Sie bereits im Herbst 2015, mit dem Master beginnen werden Sie allerdings erst jetzt im Wintersemester 2016. Was lief schief bei Ihren Plänen?

Ich hatte zwar einen Studienplatz, leider ließ mein Visum auf sich warten. So saß ich auf gepackten Koffern und wartete und wartete – bis ich schließlich beschloss, mit meinem noch gültigen Künstlervisum einzureisen. Leider hatte ich auch diesen Plan ohne die deutschen Behörden gemacht: Mit dem Künstlervisum durfte ich mich zwar in Deutschland aufhalten, allerdings berechtigte mich das noch lange nicht zum Besuch der Universität.

Wie hat sich das angefühlt, in Dresden zu sitzen und zu warten, während im Hörsaal der TU Ihr Platz leer blieb?

Ich muss gestehen, ich war schockiert und enttäuscht über das Vorgehen der deutschen Behörden. Warum man jemandem, der so motiviert ist, die Sprache und Kultur des Landes kennen zu lernen, solche Steine in den Weg legt, habe ich einfach nicht verstanden. Wenn du kein Stipendium hast, kann es sehr schwierig sein, in Deutschland Fuß zu fassen. Es sei denn – du hast Geld! Alle reden von der Globalisierung und der Einen Welt. Betrachtet man jedoch die Realität, sieht man schnell: Das ist eine Utopie!

Sie klingen etwas desillusioniert, wenn Sie das sagen. Wie ging es weiter?

Ganz und gar nicht. Je schwieriger die Umstände, umso wichtiger ist es, Visionen zu haben. Mein Lebensmotto: Nichts ist schlimm. Und wenn das eine nicht klappt, klappt etwas anderes. Deshalb habe ich die Zeit genutzt, um mich anderen Projekten zu widmen.

Welche Projekte waren das?

Einerseits natürlich meine Musik, anderseits aber auch das Projekt „Fondation Warc-en-ciel“, an dem ich zusammen mit dem Verein APECA zur Förderung der Bildung, der Kultur und des Kunsthandwerks arbeite.

Ich komme aus einem Land, in dem 80 % der Menschen Analphabeten sind. Viele Eltern halten Bildung für überflüssig – ganz besonders für Mädchen – und wollen nicht, dass ihre Kinder zur Schule gehen.

Die Fondation Warc-en-ciel möchte all jenen, die nicht das Glück hatten, zur Schule zu gehen, die Chance geben, Lesen und Schreiben zu lernen und im besten Falle sogar gleich auch eine Berufsausbildung zu machen. Das macht unabhängig und gibt jungen Menschen die Möglichkeit, ihr Leben frei zu gestalten.

Das klingt nach großen und wichtigen Plänen.

Stimmt. Früher waren große Aufgaben immer den „Großen“ vorbehalten. Ich gehöre nun einer Generation an, die sich traut, einfach loszulegen.

Ich fühle mich als Botschafter der Sprache Goethes, deshalb möchte ich zusätzlich auch noch Vorbereitungskurse für zukünftige Germanistikstudenten und Übersetzungskurse anbieten.

Bis es so weit ist und die Ergebnisse unserer Arbeit sichtbar werden, dauert es allerdings noch etwas. Aktuell sind wir vor allen Dingen auf der Suche nach Unterstützern und Fördermitteln, sammeln Spenden etc. In einem Jahr kann es dann hoffentlich richtig losgehen.

Bereits heute sind Sie im Bildungsbereich sehr aktiv und arbeiten mit Kindern und Jugendlichen.

Stimmt. Kürzlich habe ich zum Beispiel mit deutschen Schülern einen Workshop mit dem Thema „Die Lebens- und Musikwelt Burkina Fasos“ veranstaltet. Dabei geht es um Spaß, Musik, Instrumente – aber auch etwas viel Größeres.

Unglücklicherweise leidet unsere Welt an einer fürchterlichen Krankheit: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Langfristig heilen lässt sich diese Krankheit nur, wenn die kommenden Generationen von Anfang an mit dem in Berührung kommen, was für sie ungewohnt und fremd ist. Kinder sind anders als Erwachsene. Sie trauen sich, Fragen zu stellen und mit ihren Hemmungen offen umzugehen. Auf diese Weise entsteht Interaktion, man lernt sich kennen und Vorurteile werden abgebaut, bevor sie entstehen.

Stichwort Vorurteile. Welche Rolle spielen diese noch immer?

Meiner Erfahrung nach gehören Stereotype und Vorurteile leider noch längst nicht der Vergangenheit an. Und zwar immer gleichermaßen auf beiden Seiten. Daran müssen wir dringend arbeiten. Und zwar gemeinsam! Die aktuelle Flüchtlingskrise zeigt wieder einmal, wie dringend notwendig der interkulturelle Austausch ist und dass er immer wichtiger wird. Ich lebe derzeit in Dresden, wo Fremdenfeindlichkeit leider keine Seltenheit ist. Viele haben ein festes vorgefertigtes Bild von den Menschen, die da aus einem fremden Land in ihre Heimat ziehen und erst wenn sie persönlich mit ihnen in Kontakt und ins Gespräch kommen, bemerken sie: „Ach, die sind ja doch nicht alle dumm, böse und hier, um unsere Frauen zu vergewaltigen.“

Was genau bedeutet interkultureller Austausch für Sie?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst definieren, was denn eigentlich Kultur bedeutet. Für mich ist Kultur eine Lebensart. All das, worauf man sich gemeinsam mit den Menschen geeinigt hat, die einen umgeben. Sprache, Musik, Tanz, die Weise, sich zu verhalten, – einfach das gesamte Sein innerhalb dieser Gruppe, innerhalb seines Kulturkreises.

Interkultureller Austausch bedeutet, diese von der eigenen Lebensweise unterschiedlichen Lebensarten in all ihren Facetten kennen und vor allen Dingen auch akzeptieren zu lernen. Wir alle müssen verstehen, dass wir nicht der Mittelpunkt der Welt sind und unsere Kultur weder die einzige und schon gar nicht die einzig richtige ist.

Ist das die Grundlage einer funktionierenden globalen Welt?

Ganz genau. Martin Luther King sagte einmal: „Noch bevor ich morgens zur Arbeit gehe, bemerke ich, wie sehr ich doch die ganze Welt brauche. Ich trinke Kaffee aus Afrika, putze meine Zähne mit einer Zahnbürste aus China und dusche unter einer Brause, die wieder ganz woanders herkommt.“

Die heutige Welt ist nicht mehr dieselbe wie früher, in der jeder für sich lebte und allein zurechtkam. Das müssen wir erkennen und endlich zusammenarbeiten.

Was denken Sie, welchen Beitrag können politische Initiativen wie wir – die Deutsch-Afrikanische Jugendinitiative des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Kooperation mit der Afrikanischen Union – dabei leisten?

Solche Initiativen sind wichtig und unbedingt notwendig. Damit ihre Arbeit erfolgreich sein kann, müssen sich nicht nur die Initiatoren, sondern auch die globalen Akteure über die Notwendigkeit und die Ziele der Initiative bewusst sein. Nur so können alle an einem Strang ziehen und ihren gemeinsamen Zielen Schritt für Schritt näherkommen.

Gleichzeitig reicht es nicht, zu konferieren und zu diskutieren – stattdessen sollten aus dem Dialog immer auch konkrete Handlungen abgeleitet werden. Sonntagsrede, Montagshandel – ohne das eine kann das andere einfach nicht funktionieren.

Sie selbst versuchen interkulturellen Austausch nicht nur, Sie leben ihn. Und das jeden Tag. Ihre Musik spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Meine Musik ist ein ganz wesentlicher Teil von mir. „Musik ist, was mir bleibt, wenn alles andere von mir treibt“ und ohne sie wäre ich heute nicht dort, wo ich bin. Musik ist eine besondere Sprache, mit der du Menschen weltweit gleichermaßen ansprechen und begeistern kannst. Der beste Beweis ist die Band, in der ich spiele: die „Banda Internationale“. Hier bringen Musiker aus verschiedensten Ländern ganz individuelle und kulturspezifische Stile zusammen und ein einzigartiger – im wahrsten Sinne des Wortes – internationaler Mix entsteht. (Anm. d. Red.: weitere Infos zu dem Projekt auf www.banda-internationale.de)

Natürlich kann aber auch die Sprache selbst, in der du singst, eine starke Botschaft sein. Bereits in Burkina Faso habe ich mich intensiv mit den Texten deutscher Musiker auseinandergesetzt und singe inzwischen auch selbst auf Deutsch: zum Beispiel deutsche Schlager!

Wie reagiert Ihr Publikum darauf?

Zunächst ist mein Publikum natürlich überrascht – mit deutschem Schlager rechnet niemand, wenn ich die Bühne betrete. Im zweiten Moment ist aber sofort eine Verbindung da. In Deutschland – ja, auch ich denke manchmal noch in Stereotypen – ist das Publikum anfangs oft etwas reserviert. Dann sage ich: Wir machen hier 50:50. Ich musiziere für euch, dafür tanzt ihr für mich. Ich zeige ein paar Schritte und mein Publikum macht mit. Das ist dann erfolgreicher interkultureller Austausch! (Er lacht.)

 

Die Deutsch-Afrikanische Jugendinitiative bedankt sich bei Ezekiel ganz herzlich für die spannenden Einblicke in sein Leben und seine Arbeit. Wer Ezekiels Arbeit unterstützen oder sich selbst für die interkulturelle Partnerschaft engagieren möchte, findet viele weitere Infos sowie Kontaktdaten auf www.eze-warcenciel.com und www.jugendinitiative.info

Ansprechpartner

ENGAGEMENT GLOBAL gGmbH
Judith Ulirsch
Projektkoordination Kommunikation
Service für Entwicklungsinitiativen
Tulpenfeld 7
53113 Bonn
E-Mail: judith.ulirsch@engagement-global.de
Web: www.engagement-global.de


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