Bayern

500 weitere Schulen stehen vor der Schließung

Dem ländlichen Raum in Bayern droht die schulische Verödung - zu diesem Schluss kommt eine vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) durchgeführte Studie, die sich mit der "Zukunft der wohnortnahen Schule in Bayern" beschäftigt. Die Studie weist nach, dass bis zum Jahr 2015 fast ein Viertel, bis 2020 mehr als ein Drittel und bis 2030 fast die Hälfte aller heute noch bestehenden Mittelschulstandorte wegbrechen wird. Gründe sind die demografische Entwicklung und das Schulwahlverhalten.

04.10.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Viele Landkreise und Gemeinden fühlen sich noch sicher und meinen, der Kelch ginge an ihnen vorüber. In unserer Studie wird aber erschreckend schnell klar, dass die Schullandschaft erheblich ausdünnen wird, wenn das Kultusministerium keine Alternativen zulässt. Die Folge wird eine zentralisierte Schulstruktur mit allen negativen Folgen sein", erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel bei der heutigen Präsentation der Studie. Auch die Einführung von Mittelschulen könne ein weiteres Schulsterben nicht aufhalten. "Sie sind nicht so erfolgreich wie behauptet, denn sie haben keinen Einfluss auf das Schulwahlverhalten - durch die Umetikettierung von Haupt- in Mittelschulen wurde jedenfalls kein einziger zusätzlicher Schüler gewonnen." Erneut appellierte Wenzel an das Kultusministerium, ideologische Barrieren zu überwinden: "Landkreise, Städte und Gemeinden brauchen Lösungen, um die schul- und bildungspolitische Krise zu überwinden, möglichst viele Schulstandorte lange halten und attraktive Schulangebote wohnortnah anbieten zu können."

Es gehe nicht um die Rettung bestimmter Schularten, betonte Wenzel. Es gehe vielmehr um die Stärkung aller bayerischen Gemeinden. Sie müssten vital bleiben und seien auf konstruktive politische Entscheidungen angewiesen. Nur dann könnten sie qualitativ hochwertige und wohnortnahe Schulabschlüsse anbieten. "Wenn nichts geschieht, droht eine weitere Verödung der Schullandschaft, die die Betroffenen empfindlich trifft", warnte Wenzel.

Der BLLV-Präsident forderte das Kultusministerium auf, rasch Maßnahmen einzuleiten, um möglichst viele der noch bestehenden Schulstandorte halten zu können. Dazu sei es auch erforderlich, Schulmodelle zuzulassen, die derzeit aus ideologischen Gründen verboten seien. "Andere Bundesländer machen uns bereits vor, wie dieser Prozess gelingen kann. Wir müssen aufpassen, dass wir schulpolitisch nicht abgehängt werden."

Die BLLV-Studie mit dem Titel "Die Zukunft der wohnortnahen Schule in Bayern" untersucht, was im Freistaat mit Schulstandorten geschieht, wenn am dreigliedrigen Schulsystem festgehalten wird oder aber Mittel-, Real- und Wirtschaftsschulen zusammengeführt werden könnten. Die dritte Variante beschreibt die Situation, wenn eine gemeinsame Schule vor Ort etabliert werden dürfte. Die drei möglichen Szenarien wurden für sämtliche Schulstandorte in allen 25 kreisfreien Städten und 71 bayerischen Landkreisen durchgespielt. Die Berechnungen erfolgten auf Grundlage amtlicher Daten des Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung. "Die Untersuchung steht ab sofort allen interessierten Landkreisen, Städten und Gemeinden zur Verfügung", erklärte Wenzel.

2009 weist die Statistik noch 1.075 Hauptschulen in Bayern aus. Demografischer Rückgang und vermehrte Übertritte in Realschulen und Gymnasien werden bewirken, dass 2015 an rund 250 Schulen (23%) keine siebten und achten Klassen mehr gebildet werden können. Diese Schulen sind akut von Schließung bedroht. 2020 wird die Zahl der Schulschließungen auf knapp 400 (37%) anwachsen und 2030 mehr als 500 betragen (48%). Besonders stark betroffen sind die kleinen Schulen im ländlichen Raum.

In Oberbayern ist die Situation noch relativ günstig: dort werden bis 2020 von 311 ehemaligen Hauptschulen 93 zu schließen sein (30%). Dramatischere Formen nehmen die Schulschließungen bis 2020 in der Oberpfalz mit 51 Schulen (45%), in Unterfranken 63 Schulen (47%) und in Oberfranken mit 50 Schulen (50%) an. In Oberfranken wird es bis 2030 zu weiteren Schließungen kommen, so dass von ehemals 101 Hauptschulen 2030 noch 31 Schulen übrig bleiben, acht davon in den vier kreisfreien Städten, 23 in den neun Landkreisen, wo 2009 noch 84 Hauptschulen bestanden. "Der Trend ist eindeutig", sagte Wenzel. "Wer vor diesem alarmierenden Hintergrund von einem Erfolg der Mittelschulen spricht, verschließt die Augen vor der Realität."

Umgekehrt weist die Studie nach, dass sich Hunderte Schulstandorte sichern lassen, wenn Schüler alternative Schulmodelle besuchen dürfen und nicht auf verschiedene Schularten verteilt werden müssen. "Entscheidend ist, dass die Gemeinden gestalten und passgenaue Konzepte etablieren dürfen." Sollte die Politik nicht handeln und alles beim Alten lassen, müssten nicht nur Schüler, Eltern und Lehrer die Konsequenzen ausbaden, auch zahlreiche Gemeinden verlören den zentralen Standortfaktor Schule. "Schüler werden in großen Schulbetrieben in riesigen Klassen unterrichtet, die in vielen Fällen weit vom Wohnort entfernt liegen. Hinzu kommt eine sich an vielen Schulstandorten bereits abzeichnende räumliche Überlastung." Das Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem bezeichnete Wenzel angesichts der dramatischen Entwicklung als geradezu absurd.

Die Studie "Die Zukunft der wohnortnahen Schule in Bayern" sowie Einzelergebnisse und Grafiken sind im Internet unter www.bllv.de zu finden.


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