Alarmierende Zunahme niedriger Schulabschlüsse an Sachsen-Anhalts Schulen

Nach der Veröffentlichung der neuesten Daten des Statistischen Landesamtes über die im letzten Schuljahr erreichten Schulabschlüsse an den Schulen Sachsen-Anhalts, sieht die GEW dringenden Handlungsbedarf in der Schulpolitik des Landes. "Was jetzt offenbar wird, ist ein bildungspolitisches Desaster und gefährdet auf lange Sicht die wirtschaftliche Entwicklung des Landes", sagte der Landeschef der Bildungsgewerkschaft, Thomas Lippmann, heute vor der Landespressekonferenz.

16.01.2008 Sachsen-Anhalt Pressemeldung GEW Sachsen-Anhalt

Berechnungen der GEW ergaben, dass immer weniger Schüler eines Altersjahrganges höhere Schulabschlüsse erreichen und dafür immer mehr Schüler die Schulen höchstens mit einem Hauptschulabschluss verlassen. Dabei erreicht die Anzahl der Schüler, die die Schulen ganz ohne Abschluss bzw. nur mit einem Abschluss der Förderschule erreichen, nach kurzzeitiger Verbesserung (ca. 13 Prozent) wieder den hohen Wert zurückliegender Jahre von ca. 15 Prozent des Altersjahrganges.

In diesem Jahr haben erstmalig Schüler aus den extrem geburtenschwachen Nachwendejahrgängen 1991/92 die Schulen nach neun Schulbesuchsjahren mit einem Hauptschulabschluss oder ganz ohne Abschluss bzw. mit einem Abschluss der Förderschulen verlassen. Die Entwicklung seit 20001 stellt sich dabei wie folgt dar:

Alters-
jahrgang
Abschluss-
jahrgang
Gesamt-
schülerzahl
davon ohne HSA 2) Anteil in % davon mit HSA Anteil in % ohne mind. RSA 3) Anteil in %
85/86 1) 2000/01 35.000 5.200 14,6% 3.700 10,6% 8.900 25,2%
86/87 1) 2001/02 34.000 4.900 14,4% 3.800 11,2% 8.700 25,6%
91/92 2006/07 16.500 2.500 15,1% 3.200 19,4% 5.600 34,5%

1) Altersjahrgang 85/86 – letzter Jahrgang vor Einführung der Förderstufe und des gemeinsamen Sekundarschulbildungsganges
2) Hauptschulabschluss
3) Realschulabschluss

Diese alarmierende Zunahme der niedrigen Abschlüsse führt zwangsläufig zu einer deutlichen Reduzierung der Gymnasial- und Realschulabschlüsse mit den entsprechenden Konsequenzen für Studium und Berufsausbildung.

"Wir müssen leider für die Geburtenjahrgänge ab 1990, die sich zum Teil noch in den Abschlussklassen der Sekundarschulen und Gymnasien befinden, eine dramatische Verschlechterung des ohnehin schon unbefriedigenden Niveaus schulischer Abschlüsse im Lande erwarten", sagte Lippmann.

Mit großem Unverständnis habe man vor diesem Hintergrund zur Kenntnis genommen, dass sich Kultusminister Olbertz in den letzten Wochen zwar mehrfach zur Schulabbrecher-Problematik geäußert, die offensichtlichen Fehlentwicklungen bei den anderen Abschlüssen aber mit keinem Wort erwähnt habe. Mit Zahlenspielereien und statistischen Kunstgriffen versuchte das Ministerium dagegen, in der Öffentlichkeit den Eindruck einer allgemeinen und anhaltenden Verbesserung der Situation zu zeichnen. "Durch den Missbrauch der Statistik werden aber weder unsere Schüler klüger noch ihre Abschlüsse tatsächlich besser", kritisierte Lippmann erneut die Öffentlichkeitsarbeit des Ministeriums, das die Augen vor den Realitäten verschließe.

Die GEW erwartet, dass die Probleme des derzeitigen Schulsystems endlich von den politisch Verantwortlichen wahrgenommen und in Handlungen umgesetzt werden. Die bisherigen Strategien waren offensichtlich nicht erfolgreich. Insbesondere an den Sekundarschulen sind sofort Veränderungen nötig. Dazu gehört in einem ersten Schritt die Schaffung eines einheitlichen Bildungsganges in den Sekundarschulen, der künftig auch von den Schülern, die bisher an den Förderschulen für Lernbehinderungen lernen, besucht werden soll. Dazu ist es erforderlich, dass in den Sekundarschulen durch den zusätzlichen Einsatz von Förderschullehrern und pädagogischen Mitarbeiterinnen eine kontinuierliche und differenzierte Unterstützung der Schülerinnen und Schüler bei der Überwindung von Lernrückständen gesichert wird. Außerdem sollten die Sekundarschulen interessierten und geeigneten Schülern erweiterte Bildungsangebote zum Erwerb der Fachhochschulreife anbieten können, um auch so für mehr Attraktivität dieser Schulform zu sorgen. "Andernfalls werden die Sekundar- und Förderschulen die Schulformen bleiben, in denen die Verlierer des Schulsystems lernen und die deshalb von den Eltern nach Möglichkeit gemieden werden.", sagte Lippmann.

Unter den heutigen Bedingungen sei es geradezu ein Wunder, welche Ergebnisse engagierte Kollegien und Schulleitungen an diesen Schulen noch erzielten. Das ändere jedoch nichts am Systemfehler.

Ansprechpartner

GEW Sachsen-Anhalt

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