Alle Großstadtkinder brauchen gleiche Chancen

Großstadtbewohner wissen es längst: Schule ist nicht gleich Schule. Auch Kindertagesstätten und -horte unterscheiden sich zum Teil massiv voneinander. Entscheidend ist, in welchem Stadtviertel die jeweilige Einrichtung liegt. Denn je nach Lage variiert die Zusammensetzung der Kinder und Schüler.

24.06.2008 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Bildungsvoraussetzungen, kultureller Kontext und Sprachkompetenzen unterscheiden sich zum Teil so extrem voneinander, dass von unterschiedlichen Erziehungswelten gesprochen wird. Der Zusammenhang zwischen der Sozialstruktur eines Stadtviertels und der Arbeit in Bildungseinrichtungen wird in Großstädten besonders deutlich. "Bayerische Schul- und Bildungspolitik hat es bislang versäumt, darauf zu reagieren." Diese Feststellung traf die Vizepräsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Waltraud Lučić, anlässlich der heutigen BLLV-Fachanhörung "Schule und Quartier". Sie forderte die Staatsregierung auf, den Einrichtungen jeweils die kompensatorischen Mittel zu kommen zu lassen, die sie aufgrund ihrer Lage benötigen. "Andernfalls wird es in Städten und Ballungsräumen zu einer noch schärferen Aus- und Abgrenzung kommen, tausende Kinder werden zu Bildungsverlieren."

Der Erste Münchner Bildungsbericht belegt, dass der Zusammenhang von sozioökonomischem Status, ethnischer Herkunft und dem Bildungshintergrund der Eltern groß ist. Weil der Schulerfolg zu einem großen Teil von einem konstant präsenten, erziehungs- und bildungskompetenten Elternhaus mitbestimmt wird, konzentrieren sich vor allem in den Haupt- und Förderschulen vieler Großstädte immer mehr soziokulturell benachteiligte Kinder. Sie weisen oft erhebliche Entwicklungsrückstände in den Bereichen Lernen, Sprache und Verhalten auf. Die Folge: Der Anteil junger Menschen ohne Perspektive steigt, vielfach kommt es zu Lernverweigerung und Leistungseinbrüchen. Weil die Klassen und Gruppen vieler Bildungseinrichtungen zu groß sind, ist es nicht möglich, auf die Defizite benachteiligter Kinder und Jugendlichen einzugehen. Das trifft auch auf Realschulen und Gymnasien zu. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die an diesen Schulen professionelle Unterstützung brauchen, steigt auch hier stetig an.

"Bildungssysteme der Zukunft dürfen diese Unterschiede nicht verstärken, sie müssen sie vielmehr ausgleichen", betonte Lučić. "Bildungschancen müssen ausgewogen verteilt werden. Ziel ist die Sicherstellung von Qualität." Unabhängig vom Wohnort müssen Potentiale junger Menschen genutzt werden. "Die Lösung liegt aus Sicht des BLLV in integrierten, vernetzen und offenen Bildungswegen plus starker individueller Förderung aller Schülerinnen und Schüler - anders gesagt: in einer anspruchsvollen inneren und äußeren Schulentwicklung."

Lučić forderte einen landesweiten Paradigmenwechsel hin zu einer belastungsorientierten Budgetierung von Bildungseinrichtungen. Gleichzeitig müssen die Gesamtinvestitionen massiv erhöht werden. "Als Sofortmaßnahmen brauchen Großstadtschulen mehr Lehrerstunden, mehr Schulsozialarbeit, mehr Besprechungszeit und mehr Förderlehrer. Lehrerinnen und Lehrer müssen gezielt auf ihr Berufsfeld und ihren Einsatz in einer Großstadt vorbereitet werden. Ihre Arbeitsbedingungen müssen deutlich verbessert werden, d.h. Großstadtschulen brauchen eine angemessene Ausstattung mit Lehrer-, Fach- und Förderlehrerstunden." Lučić schlug außerdem die Schaffung von Poolstunden sowie einen angemessenen Ausbau der Mobilen Reserve vor. "Moderne Bildungseinrichtungen müssen in der Lage sein, auf variierende Anforderungen und Problemstellungen angemessene Antworten geben zu können", erklärte sie. "Neben personellen Ressourcen brauchen sie dafür auch deutlich mehr Entscheidungskompetenz."

Prof. Dr. Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund wies darauf hin, dass "je nach Zusammensetzung der Schülerschaft ein unterschiedlicher Förderbedarf besteht. Dafür müssen jeweils adäquate Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Eine Mittelzuweisung nach dem Gießkannenprinzip ist nicht zeitgemäß."

Für Wolfgang Brehmer vom Schul- und Kultusreferat der Landeshauptstadt München, "kommt es auf den Anfang an." "Der möglichst frühe Ausgleich herkunftsbedingter Nachteile bietet die größten Chancen. Deshalb kommt der im Elementarbereich auf der Basis eines Sozialindex entwickelten ´Münchner Förderformel´ große Bedeutung zu. Auf unterschiedliche Ausgangsbedingungen in den Stadtteilen soll künftig auch bei der Budgetausstattung differenzierter reagiert werden können. Der Gedanke muss in den folgenden Bildungsstufen konsequent fortgesetzt werden, um die gemeinsamen Ziele ´Herstellung von mehr Bildungsgerechtigkeit´ und ´bestmöglich individuelle Förderung aller Kinder´ zu erreichen." Prof. Dr. Heike Herrmann von der Hochschule Fulda betonte, dass Schule immer im sozial-räumlichen Kontext zu betrachten sei: "Schule und andere Bildungseinrichtungen müssen an unterschiedliche Lebenswelten anknüpfen, andererseits müssen sich diese Lebenswelten in der jeweiligen Institution widerspiegeln können."

Dr. Jan Poerschke vom Institut für Bildungsmonitoring, Hamburg, informierte darüber, dass seit 1996 für alle Hamburger Schulen ein sogenannter "schulbezogener Sozialindex" erstellt, regelmäßig aktualisiert und kontinuierlich weiterentwickelt werde. "Der Sozialindex stellt auf unterschiedlichen Ebenen Steuerungswissen bereit, welches bereits im Rahmen der Zuteilung von Förderressourcen sowie der Regelung von Organisationsfrequenzen für Schulklassen verbindlich zur Anwendung kommt und somit zu einer höheren Bildungsgerechtigkeit beiträgt."


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