An den Schulen herrscht bald Männermangel
Der Lehrerberuf entwickelt sich zum Frauenberuf. So ist an Bayerns Grundschulen nur noch jeder siebte Pädagoge ein Mann. "Der Beruf des Grundschullehrers ist für junge Männer unattraktiv", stellte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel anlässlich des Weltfrauentages am 8. März heute in München fest.
04.03.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V."Schlechte Bezahlung und mangelndes Ansehen sind die beiden wesentlichen Gründe für diesen Trend." Dies führe dazu, dass die gesamtgesellschaftliche Aufgabe von Bildung und Erziehung mehr und mehr auf Frauen abgewälzt werde. "Schon heute sind Kindertagesstätten und Grundschulen Orte, an denen Kinder vorwiegend mit Frauen zu tun hätten. Gleichzeitig wachsen aber immer mehr Kinder bei ihren Müttern auf - ihnen fehlen daher männliche Bezugspersonen." Männermangel werde es künftig auch an den bayerischen Gymnasien und Realschulen geben, denn die überwiegende Mehrheit der jungen Leute, die ein Lehramtsstudium ergreifen, ist weiblich. "Die Bayerische Staatsregierung muss diese Entwicklung endlich zur Kenntnis nehmen und entsprechend darauf reagieren", forderte Wenzel. Bezahlung, Aufstiegsmöglichkeiten und Ansehen müssten dringend korrigiert und verbessert werden.
Derzeit unterrichten an bayerischen Grundschulen rund 86 Prozent Frauen. An Gymnasien, Real- und Hauptschulen ist der Anteil noch nahezu ausgeglichen. Die Studentenzahlen belegen aber, dass in naher Zukunft auch dort der Frauenanteil ansteigen wird. Nahezu "männerfrei" sind Kindertagesstätten: Der Frauenanteil liegt hier bei über 98%. Grundsätzlich gilt: Je jünger die Kinder, desto höher der Frauenanteil. Die Feminisierung des Lehrerberufs ist seit Jahren zu beobachten: Arbeiteten im Jahr 1986 nur rund 49,4 % Frauen an Schulen, waren es 1997 56,6 %, im Jahr 2007 60,5 %. Schon damals lag im Grund-, Haupt- und Förderschulbereich die Quote um zehn Prozent höher. Wenzel: "Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass an den Grundschulen Männer eher selten anzutreffen sind - und wenn, dann als Schulleiter."
"Obwohl die Zahlen bekannt sind und stets betont wird, wie zentral eine frühe und fundierte Bildung aller Kinder ist, geschieht nichts, um diesen Trend zu stoppen", beklagte der BLLV-Präsident. Im Gegenteil: "Die jüngsten Sparmaßnahmen der Bayerischen Staatsregierung wie die Herabsetzung der Eingangsbesoldung junger Lehramtsanwärter um rund 200 Euro wertet den Lehrerberuf noch weiter ab und macht ihn gerade für junge Männer unattraktiver denn je." Vor sechs Jahren war im Studiengang Lehramt Grundschule nur jeder 18. Studienanfänger in Bayern ein Mann, auf 944 Frauen kamen 52 Männer. Der Anteil liegt seit Jahren unverändert bei weniger als sechs Prozent.
"Es ist unverantwortlich, wenn Schul- und Bildungspolitiker hinnehmen, dass Kindern männliche Rollenvorbilder fehlten", kritisierte Wenzel. "Kinder brauchen weibliche und männliche Vorbilder. Grundlegende Bildung und Erziehung muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen werden." Mit dem Fehlen männlicher Lehrkräfte würden männliche Denkweisen und Strategien aus der Schulwelt ausgeschlossen. "Frauen sind keine männlichen Rollenvorbilder, aus entwicklungspsychologischer Sicht ist dies ein Nachteil für Buben", betonte Wenzel. Lehrer und Erzieher setzten andere Impulse als ihre weiblichen Kolleginnen. Deshalb sei es wichtig, für eine ausgewogene Präsenz beider Geschlechter zu sorgen. Viele Kinder kämen erstmals mit dem Wechsel in die Sekundarstufe dauerhaft in Kontakt mit männlichen Bezugspunkten.
Inzwischen werde fast jede dritte Ehe in Deutschland geschieden. 20 Prozent der Mütter erziehen die Kinder ohne Vater. Von den drei Millionen Alleinerziehenden sind 80 Prozent Frauen. Die meisten Kinder aus Scheidungsfamilien wachsen bei der Mutter auf. Aber auch in intakten Familien erleben viele Heranwachsende den Vater eher selten.
Weil es so wenige männliche Bezugspersonen im Elementarbereich gibt, ist die Gefahr einer verzerrten Wahrnehmung groß. Erzieher und Grundschullehrer werden von den Kindern als Ausnahmeerscheinungen und Attraktion wahrgenommen. Sie erhalten allein deshalb erhöhte Aufmerksamkeit. Eine Reihe von Studien belegt inzwischen, dass Jungen unter der Feminisierung des Lehrer- und Erzieherberufs leiden. Fest steht auch, dass Mädchen selbstbewusster werden, wenn sie männliche Rollenvorbilder erleben und ernst genommen werden.
Der BLLV-Präsident forderte die Bayerische Staatsregierung auf, langfristig für einen ausgeglichenen Männer- und Frauenanteil an allen Schularten und Kindertagesstätten zu sorgen. "Ohne massive Investitionen in den elementaren Bildungsbereich geht das nicht", stellte er klar.
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