Angekündigte Reformen reichen nicht aus

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat die heutigen Ankündigungen von Ministerpräsident Horst Seehofer zur künftigen Schulpolitik in Bayern als "wenig mutig" bezeichnet. "Tiefgreifende Reformen bleiben erneut aus, Bayerns Lehrerschaft fühlt sich unverstanden und ist enttäuscht", stellte er fest. Die dringend notwendige Umsetzung der Regionalen Schulentwicklung (RSE), die das Schulsterben auf dem Land verhindert und für die Einzelschule mehr Eigenverantwortung vorsieht, kommt nur zögerlich voran. "Die von der Staatsregierung bevorzugten Kooperationsformen - sie basieren darauf, Haupt- und Realschulen unter einem Dach als eigenständige Schulformen zu erhalten - lassen nur wenig Handlungsspielraum zu. Weitere Schulschließungen werden so nicht verhindert."

10.12.2008 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

In den geplanten Änderungen beim Übertrittsverfahren sieht Wenzel den kläglichen Versuch, ein überholtes und kinderfeindliches Schulsystem erträglicher zu gestalten - "er führt zu Qualitätseinbußen und beschleunigt das Hauptschulsterben." Lobend äußerte sich Wenzel dagegen zu Seehofers Ankündigungen, die Klassengrößen zu senken, mehr Lehrer einzustellen, mehr Ganztagsschulen anzubieten und den frühkindlichen Bereich zu stärken. "Die Milliarden-Krise bei der Bayern LB darf nicht dazu führen, dass bei der Bildung gespart wird."

"Wir hätten uns gewünscht, dass sich der Ministerpräsident klar zur Regionalen Schulentwicklung (RSE) des BLLV bekannt hätte", erklärte Wenzel. "Bayerische Kommunen brauchen jetzt schnell Klarheit und die Möglichkeit, mindestens den Realschulabschluss an ihrer bestehenden Schule anbieten zu können." Die RSE gibt pragmatische Antworten darauf, wie bei sinkenden Schülerzahlen und steigenden Übertritten Schulen vor Ort auf hohem Qualitätsniveau erhalten werden können - die von der Staatsregierung vorgesehenen Kooperationsformen dagegen nicht. "Das von Seehofer in seiner Regierungserklärung zunächst proklamierte Freiheitsprogramm für Schulen vor Ort, entpuppte sich im Laufe der Rede allerdings mehr und mehr als ein Verbotsprogramm", kommentierte der BLLV-Präsident.

Positiv bewertet der BLLV die Zusage der Staatsregierung, die Zahl der Modellstandorte nicht von vorneherein zu begrenzen. Aus Sicht des BLLV müssen alle vorliegenden Anträge undogmatisch auf ihre Realisierbarkeit überprüft werden - vor allem, wenn es sich um schulartübergreifende Konzepte handelt. Einheitliche Organisationsmodelle werden der RSE in keiner Weise gerecht. Sämtliche Schulversuche müssen optimal ausgestattet werden. Dies gilt sowohl für die Lehrerstundenzuweisungen als auch für die Hilfen zur Entwicklung und Umsetzung der pädagogischen und didaktischen Konzepte. Derzeit liegen im BLLV über 40 Anträge vor, weitere werden folgen. "Immerhin wurde mit der heutigen Zusage eine bislang verschlossene Tür aufgestoßen", betonte Wenzel. "In die bayerische Schulpolitik kommt Bewegung."

Lobend äußerte sich Wenzel zur angekündigten Absenkung der Klassengrößen. "Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung." Mit großem Unbehagen beobachtet der BLLV dagegen das "unprofessionelle und planlose Herumdoktern am Übertrittsverfahren. Weder die sog. Gelenklassen noch das peinliche Nachjustieren bei den Übertrittsnoten sind geeignet, die Übertrittsproblematik abzumildern. Gelenkklassen und Notenspielereien sind vielmehr ein weiterer hilfloser Versuch, ein überholtes und kinderfeindliches Schulsystem zu legitimieren. Solange im Mittelpunkt aller Bemühungen die zu frühe Auslese von Kindern und nicht ihre Förderung steht, werden sämtliche Verbesserungsversuche scheitern." Als "absurd" bezeichnete Wenzel die Ankündigung, übertrittsorientierte Beratungsgespräche in ersten und zweiten Grundschulklassen einzuführen. "Dadurch wird der Druck noch erhöht. Sollten diese Pläne tatsächlich umgesetzt werden, wird das an Grundschulen erheblichen Ärger und Protest auslösen", prophezeite der BLLV-Präsident. Das Vorhaben ist in den Augen der Lehrerinnen und Lehrer unpädagogisch und kontraproduktiv. Aus Sicht des BLLV zieht die Staatsregierung auch die falschen Schlüsse aus internationalen Schulvergleichsstudien wie TIMSS oder IGLU: "Obwohl die Freude über das relativ gute Abschneiden der Grundschüler groß und berechtigt ist, erklärt die Politik nach nur vier Jahren die Grundschulzeit für beendet. Die Kinder werden nach Schularten aufgeteilt und ihre Erfolge nehmen deutlich ab. Diese Vorgehensweise ist nicht nachvollziehbar."

Wenzel forderte Ministerpräsident Seehofer und Kultusminister Spaenle auf, zur Kenntnis zu nehmen, "dass die Hauptschule eine Schule geworden ist, die viele Eltern meiden. Die Bemühungen um die Hauptschule in den vergangenen Jahren haben nicht gegriffen. Eine vor wenigen Wochen vom BLLV vorgestellte Studie zur Hauptschulinitiative belegt dies. Wenzel: "Die Initiative konnte von Anfang an nicht greifen, weil die Staatsregierung dafür weder das erforderliche Personal noch das notwendige Geld zur Verfügung gestellt hat. Die Hauptschulinitiative ist eine von unzähligen Reformen, die an der Akzeptanz dieser Schulart nichts ändern. Die Verlierer sind die Schüler und die Lehrer.


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