Auslesedruck macht Schüler krank

Der Auslesedruck an Bayerns Schulen führt dazu, dass Kinder und Jugendliche krank werden können. Darauf haben der Leiter des Heckscher-Klinikums für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie in München, Dr. Franz Joseph Freisleder, und der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Klaus Wenzel, hingewiesen. Besonders schlimm ist die Situation an den Grundschulen.

25.02.2008 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Der Übertrittsdruck löst bei vielen Kindern Stresssymptome wie Übelkeit, Bauchweh, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme oder Schlafstörungen aus. "Weil kindliche Bedürfnisse zu wenig berücksichtigt werden, können in diesem Zusammenhang Krankheitssymptome auftreten, die die Gesundheit von Kindern nachhaltig gefährden", warnten Wenzel und Freisleder. Der Druck endet aber nicht mit der Grundschule, er setzt sich fort und begleitet Heranwachsende während ihrer kompletten Schulzeit. Kinder, die den Sprung auf ein Gymnasium oder in eine Realschule geschafft haben, wissen genau, dass sie ausgesiebt werden, wenn ihre Leistungen nicht stimmen. "Die Angst zu versagen, kann Kinder und Jugendliche krank machen. Damit muss endlich Schluss sein", forderten Wenzel und Freisleder.

Für den BLLV verlangte Wenzel Sofortmaßnahmen. "Unser Schulsystem zwingt Lehrer und Eltern viel zu früh, eine Entscheidung über die schulische Laufbahn ihrer Kinder zu treffen. Solange das so ist, sollte der Elternwille frei gegeben werden. Das heißt: Die Eltern entscheiden über die schulische Laufbahn ihres Kindes. Sie tragen auch die Verantwortung. Die Grundschule begleitet und berät intensiv. Ferner muss garantiert sein, dass in der Wahrnehmung von Eltern und Wirtschaft alle zur Auswahl stehenden Schularten gleichwertig sind. Und es muss dafür gesorgt werden, dass an jeder Schulart so intensiv gefördert werden kann, dass jeder Schüler an der von ihm bzw. seinen Eltern gewählten Schulart verbleiben kann." Grundsätzlich müssen Lehrer und Schüler so schnell wie möglich vom Zwang der Auslese befreit werden. Im Mittelpunkt schulischer Arbeit steht die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. "Deshalb brauchen alle Pädagogen mehr Zeit und alle Schüler mehr individuelle Förderung." Schon das im September vergangenen Jahres veröffentlichte Ergebnis des "Kinderbarometers" ließ aufhorchen. Danach gaben über ein Drittel aller befragten Kinder an, vor nichts größere Angst zu haben als vor Schulversagen. "Jeder weiß, dass Angst blockiert und krank machen kann", sagte Freisleder. Freilich kann nicht die Behauptung aufgestellt werden, allein der Auslese- und Übertrittsdruck würde Kinder krank machen. In der Regel kommen viele Faktoren zusammen, vor allem dann, wenn Familien nicht funktionieren. Der Druck in der Schule und die Angst, zu versagen, können aber bei Kindern, die ohnehin angegriffen sind, Krankheitsbilder auslösen oder bestehende verstärken. "Generell steht fest, dass die Erwartungen, die heute an Kinder gestellt werden, immens sind."

"Wenn in diesen Wochen der Countdown für den Übertritt beginnt, wird es in vielen Kinderzimmern hoch emotional zugehen", berichtete Wenzel. "Viele Eltern halten ihre Kinder während dieser Zeit verstärkt zum Lernen an, damit die Noten ausreichen. Was die Schule an Förderung nicht bieten kann - weil Zeit und Personal fehlen - muss teuer erkaufte Nachhilfe ersetzen. Am Ende fiebern Eltern und Schüler dem Termin regelrecht entgegen. Die Frage des Übertritts bestimmt den Alltag. Sie nimmt bisweilen hysterische und schicksalhafte Züge an. "Diese Wochen gehen nicht spurlos an den Familien vorüber", erklärte Wenzel. "Jeder, der selber Kinder hat, weiß das." Auch Lehrer/innen geraten nicht selten in ausweglose Situationen. In der Wahrnehmung vieler Eltern sind sie es, die die Entscheidung über die Zukunft ihres Kindes fällen. Immer öfter werden Fälle bekannt, in denen Eltern die Bewertung ihres Kindes gerichtlich anzweifeln und den Übertritt mit allen Mittel erzwingen wollen. In manchen Klassenzimmern herrscht ein regelrechter Kampf. Er geht an die Substanz aller Beteiligten. "Niemandem ist hier ein Vorwurf zu machen", betonte Wenzel. "Die Eltern wollen für ihr Kind schließlich nur das Beste. Diese Zuspitzung können Lehrerinnen und Lehrer nicht entschärfen, weil Eltern am Königsweg festhalten - und der liegt im Besuch eines Gymnasiums. Festzuhalten bleibt aber, dass letztlich alle Opfer eines fragwürdigen und ungerechten Systems sind - Eltern, Lehrer und Schüler." Freisleder wies darauf hin, dass Zig-Tausende Kinder privaten Nachhilfeunterricht erhielten, damit sie den Sprung in das Gymnasium oder wenigstens in die Realschule schafften. Somit verkürze sich ihre Freizeit. "Wir wissen, dass viele Terminkalender haben, die so voll sind wie bei einem Erwachsenen", so Freisleder. "Für ungezwungenes Spielen bleibt immer weniger Zeit."

Die Gründe für die Nervosität und panische Angst von Eltern liegen auf der Hand: Mehr denn je entscheidet der Bildungsabschluss über die Berufs- und Lebenschancen. Die arbeitsmarktpolitischen und sozialen Verteilungskämpfe verschärfen sich und verlagern sich mehr und mehr in die Schule. "Jenseits ihres umfassenden Bildungs- und Erziehungsauftrags fungiert die Schule als Sortieranstalt und teilt Kinder sehr früh in Bildungsgewinner und Bildungsverlierer ein. Als "Gewinner" gelten jene, die in das Gymnasium wechseln. Der Standardabschluss, der heute Voraussetzung ist für einen attraktiven Ausbildungsplatz, ist der Realschulabschluss. Schüler mit Hauptschulabschluss haben die größten Probleme, sich beruflich zu integrieren. Schon deshalb sind Hauptschüler die Verlierer des Bildungssystems und werden auch als solche angesehen. Dort sammeln sich - so das Klischee - die "Ausgegrenzten", "Absteiger" und Kinder von Migranten. Zu den Verlierern des Systems zählen jährlich rund 50. 000 Wiederholungsschüler, 15 bis 20 Prozent der Schulwechsler und Schulabbrecher, 37 Prozent der Kinder, die sich in einer "armutsnahen Lage" befinden und vor allem jene acht Prozent der Schüler ohne Schulabschluss.


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