Bayern braucht eine grundlegende Schulreform
Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat in seiner heutigen Antrittsrede die Staatsregierung aufgefordert, eine grundlegende Schulreform einzuleiten. Vor den rund 500 Delegierten der 51. Landesdelegiertenversammlung des BLLV in Würzburg erklärte er: "An Bayerns Schulen muss ein neuer Leistungsbegriff Einzug halten. Schülerinnen und Schüler müssen gefördert und dürfen nicht ausgelesen werden. In den frühkindlichen Bildungsbereich muss deutlich mehr Geld fließen. Um die Weichen für eine Zukunft in Wohlstand und Gerechtigkeit zu stellen, muss der Bildungshaushalt um mindestens 1,5 Mrd. Euro pro Jahr erhöht werden. "Der BLLV wird nicht tatenlos zusehen, dass immer mehr junge Menschen nach ihrem Schulbesuch ohne Chance auf eine berufliche Perspektive bleiben und von der Sozialhilfe abhängig werden." Wenzel wies darauf hin, dass die Zahl der Analphabeten deutlich zunimmt und immer mehr Kinder und Jugendliche die Kulturtechniken nicht oder nur unzureichend beherrschen. Ebenso wächst die Zahl derjenigen, die die grundlegenden Regeln des sozialen Miteinanders nicht mehr kennen. Der Schulalltag ist immer mehr von Verhaltens- und Lernproblemen geprägt. Wenzel: "Schule und Bildung dürfen nicht länger Teil des Problems sein, sie müssen Teil der Lösung werden."
19.05.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V."Denken Sie Leistung neu" - mit diesem ersten Appell wandte sich Wenzel, der gestern von einer deutlichen Mehrheit ins Amt des BLLV-Präsidenten gewählt wurde, an diejenigen in Politik und Gesellschaft, die an einem veralteten Leistungsbegriff festhalten und wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren. "Die Konzentration auf Auslesediagnostik und die Vernachlässigung von Förderdiagnostik führen dazu, dass ertragreiches und nachhaltiges Lernen unter die Räder kommen. Es hat den Anschein, dass zu viele Bildungspolitiker zu wenig Ahnung davon haben, wie Lernen funktioniert", stellte Wenzel fest. "Bildungs- und Erziehungsarbeit muss immer auch Beziehungsarbeit sein und dafür benötigen Schüler und Lehrer mehr Zeit als bisher. Wer die gewachsenen Beziehungen und Bindungen in einer Klasse bereits am Ende der vierten Jahrgangsstufe zerstört, braucht sich über die geringen Lernerfolge und die zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten vieler Kinder nicht zu wundern. In einem modernen Schulsystem ist professionelles Lernen Hauptsache. Das vorzeitige Aus- und Umsortieren der Kinder ist nicht nur Nebensache sondern auch kontraproduktiv. Wer möchte, dass junge Menschen Lust auf lebenslanges Lernen bekommen, darf sie nicht unter Druck setzen, sondern muss sie die Erfolge ihrer Lernarbeit genießen lassen." Wenzel kritisierte, dass individuelle Lernfortschritte eine nur untergeordnete Rolle spielen. Wichtige Schlüsselqualifikationen werden nur mit allgemeinen Bemerkungen bedacht - später jedoch von der Wirtschaft eingefordert. "Solange Lehrerinnen und Lehrer einen Großteil ihrer Energie darauf verwenden müssen, die Eignung oder Nichteignung von Schülern auf einzelne Schularten zu erfassen, solange hat der neue Leistungsbegriff keine Chance. Die Hauptaufgabe der Schule darf daher nicht länger die Auslese von Schülern sein." Die intensive Auseinandersetzung mit einem neuen Lernbegriff zählt für Wenzel zum wichtigen Schwerpunkt seiner künftigen Arbeit als BLLV-Präsident.
"Mehr Förderung statt Auslese" - mit seinem zweiten Appell forderte Wenzel die Politik auf, Heterogenität zu akzeptieren und als Chance zum Lernen zu begreifen. Wenzel stellte fest: "Jedes Kind hat einen individuellen Förderbedarf, egal, ob es lernbeeinträchtigt oder hochbegabt ist. Förderangebote der Zukunft müssen sich über unterschiedliche Bereiche wie sprachliche, intellektuelle, soziale und emotionale Fähigkeiten erstrecken. "Immer noch strebt das Schulsystem möglichst homogene Lerngruppen an in der Annahme, dass Schüler dadurch besser gefördert werden können. Wissenschaftlich ist dies jedoch längst widerlegt. Der Lernerfolg ist in heterogenen Lerngruppen höher. Die Schule der Zukunft muss daher vom Selektionsdruck befreit werden, sie muss Schüler in ihrer Persönlichkeit stärken und Versagensängste in den Hintergrund rücken." Wenzel sprach sich dafür aus, Kindergärten und Kindertagsstätten zu Bildungseinrichtungen für alle Kinder ab dem dritten Lebensjahr werden zu lassen. "Der Elementarbereich gehört in die Zuständigkeit des Kultusministeriums", erklärte Wenzel und forderte die Professionalisierung der pädagogischen Fachkräfte durch ein akademisches Studium. Nötig sind u.a. deutlich kleinere Gruppen und eine bes-sere räumliche sowie sachliche Ausstattung. Um Bildungs- und Erziehungsprozesse zu vernetzen, bedarf es einer verzahnten Schuleingangsphase für alle Kinder ab dem fünften Lebensjahr. Der Besuch dieser Einrichtung muss verpflichtend und gebührenfrei sein. Im Zentrum der Bemühungen muss die Beherrschung der deutschen Sprache als Grundlage der Schul- und Bildungsfähigkeit stehen. Unerlässlich ist es, die Sprachkompetenz aller Kinder vor dem Schuleintritt zu sichern.
"Bildungsausgaben drastisch erhöhen und neu verteilen" - der dritte Appell Wenzels richtet sich an den Bayerischen Finanzminister. Immer noch investiert Bayern überproportional viel Geld in die gymnasiale Bildung, anstatt das Fundament der Bildung zu stärken. "Jedem muss klar sein, dass Investitionen in den frühen Schul- und Bildungsbereich spätere hohe Ausgaben für teuere Rehabilitationsmaßnahmen reduzieren. Mit der extremen und pädagogisch wie ökonomisch unsinnigen Ungleichverteilung zwischen den Schulstufen muss endlich Schluss sein, tragen doch Investitionen in den Elementar- und Primarbereich mit Abstand die höchste Rendite." (im Vgl.: Volksschüler 3400 €, Realschüler 3900 €, Gymnasiast 4900 € pro Jahr). Minimalziel müsste sein, wenigstens auf das Niveau des OECD-Durchschnitts zu kommen. Wenzel machte darauf aufmerksam, dass zwischen den Jahren 1987 und 2000 die Ausgaben für Bildung in Bayern wesentlich langsamer gewachsen sind als der gesellschaftliche Reichtum. So beträgt der relative Rückgang des Anteils 21,8%.
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