"Bayern entscheidet sich auch nicht plötzlich für den Linksverkehr"
(bikl) Einhellig begrüßt hatten die Schulbuchverlage auf ihrer letzten Verbandstagung die Entscheidung der Kultusministerkonferenz, die unstrittigen Teile der Rechtschreibreform zum 1.8. 2005 umzusetzen. Dabei hatten die Verleger die Erwartung geäußert, dass dadurch der "Rechtschreibfriede" insgesamt wiederhergestellt werden könne. Eine trügerische Hoffnung, wie sich jetzt zeigt, nachdem Bayern und Nordrhein-Westfalen überraschend einen Rückzieher gemacht haben und auch Niedersachsen aus dem Kompromiss ausscheren will. bildungsklick.de sprach mit Andreas Baer, Geschäftsführer des Verbandes deutscher Schulbuchverlage, VdS Bildungsmedien, über das Rechtschreibchaos.
18.07.2005 ArtikelWas sagt der Verband der Schulbuchverlage (VdS) zur aktuellen politischen Entwicklung in Sachen Rechtschreibreform?
Baer: Das ist ein Paradebeispiel wie Politik nicht funktionieren soll. Denn alle Beteiligten - das sind Schüler, Lehrer Eltern und wir - brauchen eine verlässliche Entscheidung der Politik. Damit man weiß, wie man handeln kann, wie man unterrichten kann, wie man bewerten kann. Auch wie man nachvollziehen kann, was im Unterricht geschieht. Das wird jetzt ad absurdum geführt. Und das ist sehr beeinträchtigend für den Schulfrieden. Die Schulen mussten doch genau so wie wir davon ausgehen, dass es einen eindeutigen Beschluss und eine eindeutige Marschrichtung der KMK gibt.
Was bedeutet das für die Produktion der Schulbücher?
Baer: Wir sind ständig dabei, neue Bücher zu machen. Wir sind jetzt hochgradig verunsichert, weil wir nicht genau wissen, wie wird sich denn die Politik definitiv entscheiden. Wenn man überhaupt noch von definitiven Entscheidungen sprechen kann. Und das ist Gift für jede Investition, das ist Gift für jedes Wirtschaftsunternehmen, wenn es nicht weiß, ob seine Investitionen in einem Jahr noch Bestand haben. Das ist keine verantwortliche Politik, die da betrieben wird.
Was raten Sie Ihren Mitgliedern: Druckmaschinen stoppen und die Redaktionen in Urlaub schicken?
Baer: Nein. Das Schulbuchgeschäft läuft und die Bücher sind gedruckt und werden an die Schulen gehen. Das Aberwitzige ist ja, dass die bayerischen Schulbücher natürlich dem Standard der Rechtschreibreform entsprechen und dass auch in Bayern nach der Rechtschreibreform unterrichtet wird. In allen Bundesländern findet der Unterricht auf der Basis des neuen Regelwerkes statt. Die Übergangszeit ist für Schüler gemacht worden, die noch die alte Rechtschreibung gelernt haben. Damit sie nicht bestraft werden, wenn sie Stängel mit e schreiben. Aber alle Schüler, die seit 1996 eingeschult wurden, lernen nach der neuen Systematik. Für diese Schüler hat die bayerische und nordrhein-westfälische Entscheidung zunächst gar keine Bedeutung. Das müssen Stoiber und Rüttgers wissen. Es ist nur noch ein Bruchteil der Schüler, der die alten Regeln kennt.
Also praktisch ein paar Oberstufenschüler, die in den ersten Grundschuljahren nach den alten Regeln unterrichtet wurden?
Baer: Genau. Der Effekt ist, dass jetzt alle verunsichert sind. Die Lehrerverbände sagen das über ihre Klientel und die Eltern sind sauer, weil sie dachten, das Thema sei jetzt endlich vom Tisch. Und die Arbeit des Rats für Rechtschreibung wird ins Lächerliche gezogen in der vermeintlichen Ansicht, man würde ihm etwas Gutes tun.
Wagen Sie eine Prognose über die weitere Entwicklung. Wird es einen Rechtschreibfrieden geben?
Baer: Im Moment kann man gar nichts mehr prognostizieren. Wir plädieren dafür, dass die Politiker zur alten Beschlusslage zurückkehren sollen und dass sie dieses Thema in Ruhe lassen. Gerade in diesen Nebenthemen braucht die Schule jetzt Entlastung. Wir haben alles durchdiskutiert, wir haben vor Verwaltungsgerichten diskutiert, vor dem Bundesverfassungsgericht, es sind Volksinitiativen gelaufen - und im Ergebnis wurde das neue Regelwerk akzeptiert und angenommen. Diese zwei, drei Herren müssen sich zu Recht fragen lassen, wie es denn um die Verlässlichkeit der Politik steht. Wir führen ja auch nicht jeden Tag eine neue Straßenverkehrsordnung ein. Und Bayern entscheidet sich auch nicht plötzlich für den Linksverkehr.
Siehe auch Pressemitteilung des VdS Bildungsmedien e.V.
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