Interview

„Ich habe richtig geschlottert“

Auf der didacta Bildungsmesse 2025 sollte Marina Weisband für ihr Beteiligungskonzept Aula als Bildungsbotschafterin ausgezeichnet werden – sie lehnte ab. Mit dem didacta Magazin sprach sie über ihre Gründe dafür und darüber, was gute Demokratiebildung ausmacht. Von Vincent Hochhausen

05.08.2025 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • Eine Hand meldet sich in einem Klassenraum. © Adobe Stock Aula ist ein digitales Beteiligungskonzept für Schulen. Für die Umsetzung geht die Schulkonferenz eine freiwillige Selbstverpflichtung ein, in der sie die Möglichkeiten und Grenzen der Beteiligung festhält.

didacta: Frau Weisband, warum haben Sie die Auszeichnung als Bildungsbotschafterin des Didacta Verbandes abgelehnt?

Marina Weisband: Weil durch die Präsenz der AfD als Aussteller auf der didacta Messe etwas passiert ist, wovor ich Schülerinnen und Schüler immer warne: nämlich die Normalisierung einer politischen Kraft, die demokratische Grundprinzipien ablehnt und die die Menschenwürde bestimmter Gruppen anzweifelt. Dagegen musste ich ein Zeichen setzen. Meine Ablehnung des Preises sollte eine Einladung zum Nachdenken und zum Diskutieren sein.

Marina Weisband ist Diplompsychologin und Expertin für digitale Partizipation. Sie war bis 2012 bei der Piratenpartei aktiv und engagiert sich heute in den Themenbereichen Digitalisierung, Bildung und Kinderrechte.

Ist Ihnen das schwergefallen?

Ja! Denn ich hatte mich über diese Auszeichnung sehr gefreut und sie als große Ehre empfunden. Zudem war sie eine Chance, unser Demokratiebildungsprojekt Aula in die Öffentlichkeit zu bringen. Es hat mich wirklich Mut gekostet, ich habe auf der Bühne richtig geschlottert.

Welche Positionen der AfD haben für Ihre Entscheidung den Ausschlag gegeben?

Ganz klar ihr Rassismus, der sich direkt gegen unzählige Schülerinnen und Schüler an unseren Schulen richtet. Kein Kind und kein Jugendlicher sollte Angst haben und sich fragen müssen, ob er oder sie in Deutschland sicher leben oder überhaupt bleiben darf. Auch meine eigene Tochter fühlt sich mittlerweile unsicher. Zum anderen sind es die bildungspolitischen Positionen der AfD: Sie ist gegen Inklusion, gegen demokratische Bildung und sie zweifelt die Gemeinnützigkeit von Organisationen wie meiner an, die sich dafür einsetzen.

Einige dieser Punkte finden sich ja durchaus auch bei anderen Parteien…

Das ist richtig. Aber der Unterschied ist, dass Rassismus der Markenkern der AfD ist, sie definiert sich darüber und kann nur damit funktionieren. Andere Parteien versuchen sich seit Jahren gegenseitig dabei zu übertrumpfen, Inhalte der AfD zu übernehmen. Ich finde das fatal. Aber wichtig ist, dass die demokratischen Parteien auch anders könnten und dass sie offen für Proteste und für einen vernünftigen Diskurs sind.

Wie haben Sie die Reaktionen auf Ihre Ablehnung des Preises wahrgenommen?

Während der Preisverleihung hatte ich den Eindruck, dass das Publikum hinter mir stand. Auch danach habe ich überwiegend positive Rückmeldungen erhalten. Was mich aber vor allem gefreut hat, war die souveräne und großmütige Reaktion des Didacta Verbandes. Meine Geste war nie dazu gedacht, die Initiatoren vor den Kopf zu stoßen, sondern als Denkanstoß, und so hat sie der Verband auch aufgefasst. Natürlich habe ich mich auch sehr gefreut, dass uns trotz meiner Ablehnung das Preisgeld gespendet wurde.

Wie sollten Institutionen in ähnlichen Situationen mit der AfD umgehen? Im Fall der didacta Messe wäre ein Ausschluss der AfD rechtlich schwierig gewesen.

Mein heißester Tipp ist, es gar nicht so weit kommen zu lassen, zum Beispiel indem man frühzeitig Regelungen trifft, die den Ausschluss von Parteien erlauben. Wenn die AfD erstmal da ist, ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Es ist schade, dass in der öffentlichen Wahrnehmung bei der didacta Messe nun nicht das wichtige Fokusthema Demokratiebildung, sondern teilweise eben die AfD im Vordergrund stand.

Das AULA-Konzept

Aula ist ein digitales Beteiligungskonzept für Schulen. Für die Umsetzung geht die Schulkonferenz eine freiwillige Selbstverpflichtung ein, in der sie die Möglichkeiten und Grenzen der Beteiligung festhält. In einem mehrphasigen Prozess lassen sich mit Aula Anregungen und Ideen aus der Schulgemeinschaft, die der Selbstverpflichtung entsprechen, diskutieren und umsetzen. Mehr Informationen auf:

» www.aula.de

Viele teilen Ihre Ansicht zur AfD, plädieren aber dafür, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie zu entlarven und so die Öffentlichkeit aufzuklären.

Inhaltlich auseinandersetzen und aufklären: Auf jeden Fall! Aber dazu braucht man die AfD nicht vor Ort. Seit Jahren sitzt die AfD in allen Talkshows, aber ist sie dadurch entlarvt worden? Nein. Bestimmte Positionen dürfen wir nicht tolerieren, etwa die Ablehnung der allgemeinen Menschenwürde. Wenn Demokraten im Diskurs mit der AfD nur darüber reden können, wogegen sie sind oder sich sogar dazu treiben lassen, die Positionen der AfD zu übernehmen, haben sie schon verloren.

Mit Aula haben Sie ein Beteiligungstool für Schulen geschaffen. Wie sieht gute Demokratiebildung aus?

In Schulen steht die Institutionenkunde im Vordergrund, also das Vermitteln von Wissen über Demokratie und den Staat. Das ist wichtig, aber der Kern von Demokratiebildung ist die Sozialisation in eine demokratische Rolle. Also welches Verhältnis man zum Staat hat – ist man ein Kunde? Ein Opfer? Oder Mitgestalter eines demokratischen Gemeinwesens? Diese Sozialisation lernt man nicht an einem Projekttag, dafür braucht es eine stetige demokratische Beteiligung der Schülerinnen und Schüler während der gesamten Schulzeit.

Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 2/2025, S. 42-43 erschienen: https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_2_2025/#44



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