Bildungsministerin Erdsiek-Rave zur PISA-Studie: Schulreformen greifen und müssen konsequent weiterentwickelt werden

Die neuen PISA-Ergebnisse (PISA 2006) des internationalen Vergleichs bestätigen nach Ansicht von Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave den Aufwärtstrend im deutschen Schulwesen. "Ich freue mich, dass wir nun erste messbare Erfolge unserer umfangreichen Schulreformen in den Händen halten. Die deutschen Schülerinnen und Schülern liegen in den Naturwissenschaften erstmals über dem OECD-Durchschnitt und gehören damit zum oberen Viertel der verglichenen Staaten. Bei der Lesekompetenz haben sie weiter zugelegt und sich im mathematischen Bereich auf OECD-Durchschnitt stabilisiert", sagte Erdsiek-Rave heute (4. Dezember). "Damit hat sich Deutschland seit PISA 2000 bei allen Testleistungen kontinuierlich verbessert, und zwar sowohl die leistungsschwächeren als auch die leistungsstärkeren Schülerinnen und Schüler."

05.12.2007 Schleswig-Holstein Pressemeldung Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein

Besonders ermutigend sei auch, dass sich Einstellungen der Schülerinnen und Schüler, aber auch des gesellschaftlichen Umfeldes hinsichtlich der Bedeutung von Bildung positiv entwickelt hätten. "Zum Beispiel lesen nach eigenen Angaben deutlich mehr 15-Jährige als noch im Jahr 2000 zum Vergnügen, die Zahl der Nichtleser ist ebenso deutlich zurückgegangen", sagte die Ministerin. Nun komme es darauf an, den Aufwärtstrend zu verstetigen und gerade Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern und mit Migrationshintergrund bessere Bildungschancen zu ermöglichen. "Die Leistungen sind nach wie vor zu sehr abhängig von der sozialen Herkunft. Das dürfen wir nicht hinnehmen." Schleswig-Holstein schaffe mit dem Aufbau von Regional- und Gemeinschaftsschulen sowie den umfangreichen pädagogischen Reformen Rahmenbedingungen, um alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft auf hohem Leistungsniveau zu fördern. "Dass dies möglich ist, zeigen uns die Staaten der PISA-Spitzengruppe."

Die Ministerin unterstrich zudem die unverzichtbare Bedeutung der PISA-Studie für die Bildungspolitik und Bildungspraxis. "Ohne die intensiven Diskussionen seit PISA-2000 wären wir nicht da, wo wir heute sind. Sie haben das Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung verstärkt und notwendige Impulse für überfällige Reformen im Bildungswesen gesetzt. Vor diesem Hintergrund wäre ein von einigen Seiten erwogener Rückzug Deutschlands aus dem internationalen PISA-Vergleich das falsche Signal." Deutschland sei in Zeiten der Globalisierung mehr denn je auf einen wissenschaftlich hochwertigen internationalen Vergleich mit anderen Bildungssystemen angewiesen, um daraus Schlussfolgerungen für das eigene Handeln zu ziehen. In diesem Zusammenhang wies Erdsiek-Rave nochmals den Einwand zurück, die PISA-Ergebnisse der Jahre 2000, 2003 und 2006 für Deutschland seien nicht miteinander vergleichbar. "Die Testaufgaben sind so gestaltet, dass sich daraus sehr verlässliche Trends ableiten lassen - und die sind für Deutschland positiv."

PISA wird seit 2000 von der OECD durchgeführt, um die Kompetenzen 15-Jähriger in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften zu ermitteln und dabei Trends im zeitlichen Verlauf deutlich zu machen. Bei PISA 2000 stand die Erfassung des Leseverständnisses im Zentrum, bei PISA 2003 Mathematik, im vergangenen Jahr die Naturwissenschaften.

Die wichtigsten Ergebnisse von PISA 2006 im Überblick:

Leistungen in den Naturwissenschaften
Für Deutschland ist es möglich, die Ergebnisse aller drei PISA-Erhebungen zu vergleichen und Entwicklungen in den Naturwissenschaften im zeitlichen Verlauf seit PISA 2000 zu beschreiben.

  • Für Deutschland zeigt sich ein klarer Trend ansteigender Kompetenzen zwischen 2000 und 2006 (PISA 2000 487 Punkte, PISA 2003 502 Punkte, PISA 2006 516 Punkte). Die Größenordnung entspricht dem Leistungszuwachs eines halben Schuljahres und betrifft das gesamte Spektrum der Schülerschaft.
  • Die deutschen Schülerinnen und Schüler erreichen im Durchschnitt 516 Punkte (Rang 8 der OECD-Staaten, Rang 13 aller teilnehmenden Staaten) und liegen damit erstmals über dem Mittelwert der OECD. Neben Finnland erreicht nur eine kleine Gruppe weiterer OECD-Staaten höhere Punktwerte als Deutschland: Kanada (534), Japan (531), Neuseeland (530) und die Niederlande (525). Sowohl die leistungsschwächeren als auch die leistungsstärkeren Schülerinnen und Schüler konnten ihre Leistungen verbessern und heben sich jeweils positiv vom OECD-Durchschnitt ab.
  • Allerdings zeigt sich, dass Deutschland weiterhin zu den Ländern gehört, die bei einem relativ hohen Leistungsniveau gleichzeitig eine große Leistungsheterogenität aufweisen.
  • Insgesamt ergeben sich in Deutschland wie im OECD-Durchschnitt keine nennenswerten Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen, allerdings sind im oberen Leistungsbereich deutlich mehr Jungen als Mädchen anzutreffen.
  • Erfreulich ist, dass im internationalen Vergleich das Interesse der deutschen Schülerinnen und Schüler an Naturwissenschaften weder vom Geschlecht noch von der sozialen Herkunft abhängt. Allerdings ist der Anteil hochkompetenter Schülerinnen und Schüler, die sich wenig für die Naturwissenschaften interessieren (44%), in Deutschland relativ hoch.
  • Wie in den vergangenen PISA-Studien zeigen sich zwischen den Schulformen sehr große Leistungsunterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern mit erheblichen Überschneidungen zwischen den einzelnen Schulformen.
  • In der Tendenz erhalten deutsche Jugendliche etwas weniger Naturwissenschaftsunterricht als im OECD-Durchschnitt, allerdings gibt es zwischen den Schulformen erhebliche Unterschiede bei der Anzahl der Unterrichtsstunden. Schülerinnen und Schüler, die mindestens vier Wochenstunden Naturwissenschaftsunterricht erhalten, liegen im Mittel 73 Punkte über denen, die weniger als zwei Wochenstunden erhalten.
  • Der in Deutschland vorherrschende Unterricht, bei dem das Schlussfolgern, das Entwickeln eigener Ideen und das Übertragen von Konzepten auf den Alltag im Vordergrund stehen, erweist sich im internationalen Vergleich als erfolgreich.

Lesekompetenzen im internationalen Vergleich

  • 13 der 24 OECD-Staaten, für die Daten in 2000 und 2006 vorliegen, stagnieren in ihren Leistungen, sieben Staaten haben sich in dem Zeitraum sogar signifikant verschlechtert.
  • Die deutschen Schülerinnen und Schüler konnten ihre Leseleistungen auf 495 Punkte (PISA 2000 484 Punkte, PISA 2003 491 Punkte) verbessern und damit zum OECD-Durchschnitt (492 Punkte) aufschließen. Dies gilt sowohl für die leistungsschwächeren als auch die leistungsstärkeren Schülerinnen und Schüler, deren Anteile sich vom jeweiligen OECD-Durchschnitt positiv abheben.
  • Allerdings zeigt sich auch im Bereich der Lesekompetenz, dass Deutschland zur Gruppe von Staaten mit den größten Unterschieden zwischen schwachen und starken Schülerinnen und Schülern gehört.
  • Wie in allen OECD-Staaten schneiden auch in Deutschland Mädchen deutlich besser ab als Jungen.

Mathematische Kompetenzen im internationalen Vergleich

  • Nur in zwei OECD-Staaten haben sich zwischen 2003 und 2006 die Leistungen in Mathematik signifikant verbessert, in vier Staaten deutlich verschlechtert.
  • In Mathematik liegt Deutschland mit 504 Punkten (PISA 2000 490 Punkte, PISA 2003 503 Punkte) im Bereich des OECD-Durchschnitts und stabilisiert damit seine Position gegenüber dem OECD-Mittelwert, der leicht abgenommen hat (von 500 auf 498 Punkte).
  • Auch in Mathematik gehört Deutschland zur Gruppe von Staaten mit den größten Unterschieden zwischen schwachen und starken Schülerinnen und Schülern.
  • In Deutschland schneiden die Jungen besser ab als Mädchen, dabei sind die Unterschiede mit 20 Punkten im internationalen Vergleich relativ groß.

Soziale Herkunft, Kompetenzerwerb und Bildungsbeteiligung
Das deutsche PISA-Konsortium hat Indikatoren zur Ermittlung des sozialen Hintergrunds der Schülerinnen und Schüler verwendet, die einen Vergleich zwischen 2000, 2003 und 2006 ermöglichen.

  • Bei der Lesekompetenz zeigt sich eine leichte Entspannung beim Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Kompetenzerwerb. Deutschland gehört damit zu den wenigen Ländern, in denen sich die Abhängigkeit der Leseleistungen von der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler kontinuierlich verringert hat, aber er ist immer noch zu hoch.
  • Zwischen 2000 und 2006 haben vor allem Kinder aus den unteren sozialen Schichten ihre Lesekompetenzen gesteigert. Diese positive Entwicklung gilt jedoch nicht für Mathematik und Naturwissenschaften.
  • Beim Gymnasialbesuch ist eine leichte Zunahme von 2000 (28%) und 2006 (31%) festzustellen, insbesondere von Schülerinnen und Schülern aus den mittleren und unteren sozialen Schichten.
  • Insgesamt bestehen aber auch weiterhin beim Besuch des Gymnasiums erhebliche soziale Unterschiede. Jugendliche aus Familien der oberen sozialen Schichten haben eine 2,7-mal höhere Chance ein Gymnasium zu besuchen als Kinder eines Facharbeiters. Bei PISA 2000 waren die Chancen noch 4,2-mal größer.
  • Es zeigen sich in allen drei Testbereichen große Leistungsunterschiede zwischen den Schulformen. Dabei kommt es zu erheblichen Überschneidungen.

Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund

  • Deutschland ist mit einer Differenz von 73 Punkten zwischen Schülerinnen und Schülern mit und ohne Migrationshintergrund weiterhin das OECD-Land mit den stärksten migrationsbedingten Unterschieden, die sich insbesondere bei den Jugendlichen der sogenannten zweiten Generation zeigen. Obwohl in Deutschland geboren, erzielen diese Jugendlichen schlechtere Leistungen als ihre aus dem Ausland zugewanderten Mitschülerinnen und Mitschüler.
  • Die hohe Differenz ist in einem erheblichen Maße auf soziale Unterschiede und sprachliche Defizite zurückzuführen.

Weitere Informationen zu diesem Thema gibt es im Internet unter folgenden Adressen: www.ipn.uni-kiel.de und www.pisa.oecd.org.


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