Bundesgemeinschaft Gegliedertes Schulwesen (BGSW): Resolution zur Bildungspolitik

Die Bundesgemeinschaft Gegliedertes Schulwesen (BGSW) hat sich in ihrer Vorstands­sitzung am 29.01.2011 in Hannover mit der Entwicklung der Bildungspolitik in den Län­dern der Bundesrepublik befasst und kritische Bilanz gezogen. Die Bedeutung der Bildungspolitik wird von Politikern aller Parteien immer wieder betont. Doch eine sorgfältige Prüfung bildungspolitischer Entscheidungen auf der Basis wissen­schaftlicher und empirisch fundierter Erkenntnisse findet in vielen Ländern der Bundes­republik nicht mehr statt.

01.02.2011 Pressemeldung Landeselternverband Bayerischer Realschulen (LEV-RS)

Seit der Gründung der ersten Gesamtschulen wurde die Idee des sogenannten längeren gemeinsamen Lernens von deren Verfechtern nicht mehr in Frage gestellt. Teile der Me­dien verbreiteten jahrzehntelang unreflektierte und wissenschaftlich nicht belegte Thesen vermeintlicher Bildungsgerechtigkeit.

Die Verteidigung bildungspolitischer Positionen mit dem klaren Bekenntnis zur Leistung und zur individuellen Förderung in einem differenzierten Schulwesen wurde in der Ver­gangenheit zu sehr vernachlässigt. Bildungspolitik wurde zunehmend zur Tauschware im politischen Machtpoker. Die rückwärtsgewandte Forderung nach der flächendeckenden Einheitsschule für alle ist die Folge dieser Entwicklung. So wird in vielen Bundesländern in Richtung längeres gemeinsames Lernen in einer unverantwortlichen Weise auf dem Rücken der Heranwachsenden herumexperimentiert, wie z.B. in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Niedersachen, Hamburg, Bremen und dem Saarland.

Negative praktische Erfahrungen mit dem längeren gemeinsamen Lernen und wissen­schaftliche Untersuchungen, die diese untermauern, wurden in der öffentlichen Debatte ignoriert oder zurückgehalten. Schon 1968 bis 1970 gab es eine sehr aufwendige Unter­suchung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB), die die Nachteile des längeren gemeinsamen Lernens und die Vorteile einer mit der 5. Jahrgangsstufe einset­zenden begabungsgerechten Differenzierung dokumentierte. Das wurde der Öffentlichkeit aber erst 30 Jahre später bekanntgemacht. Dort hieß es: "Zusammenfassend zeigt sich, dass leistungsstarke Schüler im Sekundarbereich von der Differenzierung profitieren" (Köller u. Baumert 2002).

Dass die leistungsschwachen Schüler in undifferenzierten Lerngruppen der 5. bis 10. Jahrgänge hohen psychischen Belastungen ausgesetzt sind, war schon 1974 (Helmut Fend) einer der am besten abgesicherten Befunde der Bildungsforschung. Spätestens nach der Veröffentlichung der deutschen PISA- Ergebnisse hätte man eine verstärkte öffentliche Diskussion um die negativen Ergebnisse der Gesamt- bzw. Einheitsschule und die Weiterentwicklung des nachweislich erfolgreicheren differenzierten Schulwesens erwarten können. Bestätigen doch die PISA-Ergebnisse die negativen Be­funde über das längere gemeinsame Lernen aller vorangegangenen wissenschaftlichen Studien (siehe z. B. www.schulformdebatte.de)!

Stattdessen wurden andere Länder, und hier besonders Finnland mit seinem besonders guten Gesamtergebnis, als angeblicher Beweis für den Erfolg von Einheitsschulen heran­gezogen, ohne die spezifischen kulturellen, historischen und demographischen Besonder­heiten zu berücksichtigen.

Entscheidend für die Zukunftsfähigkeit des Standortes Deutschland ist die Qualität der Bildung und der damit verbundenen Fähigkeit der Heranwachsenden, die Herausforde­rungen der wissenschaftlich-technischen und gesellschaftspolitischen Entwicklung in einer globalisierten Welt zu meistern. Eine qualitätsorientierte Auseinandersetzung über richtungsweisende bildungspolitische Entscheidungen für Deutschland ist daher dringend geboten. Dabei müssen die gesicherten Erkenntnisse der Bildungsforschung und die wirk­lichen Befunde der PISA-Untersuchungen endlich zur Kenntnis genommen werden. Auch neuere Untersuchungen, die die Lernrückstände beim längeren gemeinsamen Lernen dokumentieren, wie die ELEMENT-Studie von Prof. Lehmann sind der Öffentlichkeit viel zu wenig bekannt. Und die Bildungspolitik muss sich an Bundesländern orientieren, die ein nachweislich erfolgreiches differenziertes Schulwesen praktizieren.

Die Leichtfertigkeit, mit der Schulstrukturen zerstört werden und bildungspolitische Überzeugungen zur Verhandlungsmasse werden, wird uns den Wettbewerb mit anderen Ländern in Zukunft nicht mehr bestehen lassen. Eine Bildungspolitik der falschen Voraussetzungen, der Ideologie und der gesellschafts­politischen Wunschträume kann sich Deutschland nicht leisten.

Hamburg / Hannover, 29. Januar 2011

Unterzeichner sind folgende der BGSW angeschlossenen Verbände:

Deutscher Elternverein e. V.
Deutscher Philologenverband
Verband Deutscher Realschullehrer
Landeselternschaft der Realschulen in NRW e.V.
Elternrat Hauptschulen NRW

Landeselternverband Bayerischer Realschulen e.V.
Arbeitskreis Gesamtschule e.V.
Arbeitskreis Schulformdebatte e.V.
BGSW Hessen
Katholische Elternschaft Deutschlands im Bistum Osnabrück


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