didacta-Themendienst

"Dagegenhalten und den Mund aufmachen"

Die AG "Arsch huh, Zäng ussenander" ist ein Zusammenschluss von Kölner Künstlern gegen Neonazis, Rassismus und Ausgrenzung. Für ihr Engagement zeichnet der Didacta Verband sie als "didacta Bildungsbotschafter" aus. Janus Fröhlich, Schlagzeuger und ehemaliger Lehrer, spricht über den Bildungsauftrag, Diskriminierung keinen Platz in der deutschen Gesellschaft zu geben.

09.02.2016 Artikel
  • © Hoehner GbR

"Arsch huh, Zäng ussenander" steht für "Hintern hoch, Zähne auseinander". Welche Botschaft steckt dahinter?

Die Botschaft ist, dass wir zusammen stehen müssen. Und zwar alle Menschen in unserem Land: diejenigen, die immer schon hier gewesen und diejenigen, die neu dazu gekommen sind. Nur gemeinsam haben wir eine Chance auf ein friedliches Miteinander. Die AG "Arsch huh" wurde 1992 gegründet, um ein Zeichen gegen rassistisch motivierte Übergriffe zu setzen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung von Rassismus in Deutschland seit der Vereinsgründung?

Seit der Gründung 1992 haben wir Schulen und Einrichtungen im Rahmen verschiedener Aktionen besucht und Kontakt zu jungen Leuten aufgenommen. Einfach um zu diskutieren und den Boden zu bereiten, Fremde freundlich zu begrüßen. Wir wollen dies als Chance nutzen und nicht immer nur das Fremde sehen. Wir hatten das Gefühl, dass das in der Phase nach 1993/94 gut gefruchtet hat und dass sich etwas entwickelt hat. Dieses Land hat gelernt, dass man gemeinsam Probleme diskutieren und auch lösen kann. In den letzten zwei Jahren kommt allerdings wieder viel Rechtspropaganda auf. Das ist wie eine Wellenbewegung – das macht einem schon Sorge. Deshalb haben wir vor zwei Jahren zum ersten Mal das "Birlikte-Zusammenstehen"-Konzert in Köln organisiert, um an den Nagelbombenanschlag in der Keupstraße zu erinnern. Dort haben wir zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass wir auch unsere türkischen Mitbürger, dazugewonnen haben. Gemeinsam feiern und leben – diese Entwicklung ist sehr positiv. Aber wir können eben nur für einen Teil der Gesellschaft sprechen. Es gibt leider einen anderen Teil, dessen Unzufriedenheit sich durch rassistische Äußerungen zeigt.

Wo müssen Jugendliche abgeholt werden, um sie für das Thema Diskriminierung zu sensibilisieren?

Wir probieren im Moment eine neues Projekt aus: Das Musikmobil. Es gibt bereits ein Sportmobil, das Flüchtlingsunterkünfte in Köln anfährt und den Bewohnern die Möglichkeit gibt rauszukommen, Spaß zu haben und sich sportlich zu betätigen. Das wollen wir auch mit Musik machen. Ein Truck fährt mit einer Band, des Dreikönigsgymnasium Köln und der Initiative "Buntes Herz" Flüchtlingsheime an, und wir musizieren zusammen. Ziel ist, dass Jugendliche, aber auch alle, die Lust und Spaß daran haben, dazu kommen und mit uns Musik machen. Wir nehmen im Truck auch Jugendliche mit, die schon in der zweiten, dritten oder vierten Generation in Deutschland sind. Da sind Mädchen und Jungen dabei, die allerlei Sprachen sprechen und quasi als Übersetzer fungieren.

"Arsch huh" steht dafür, etwas zu tun und den Mund aufmachen. In welchen Situationen finden Sie das besonders wichtig?

Für mich ist "Arsch huh" täglich Realität, wenn man Dinge hört, die nicht in Ordnung sind. Ob das in der Kneipe, Straßenbahn, Schule oder aktuell in den Flüchtlingsunterkünften vorkommt. Wenn darüber diskutiert wird, ob man etwas machen soll oder nicht, hat jeder von uns eine Verpflichtung: Dagegenhalten und den Mund aufmachen.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung als Bildungsbotschafter 2016?

Für mich persönlich hat das eine ganz lange Tradition. Ich war Lehrer, bevor ich zu den "Höhnern" ging. Auch meine Frau ist Lehrerin, und wir haben über die ganzen Jahre mit dem Thema in der Schule gearbeitet. Wir haben uns mit den Schülern auseinander gesetzt, sie informiert und eingeladen, zu Demonstrationen zu kommen. Als ehemaliges Bandmitglied bin ich weiterhin Vertreter der "Höhner" bei der AG "Arsch huh". Für uns als Verein ist es total wichtig, dass wir an die jungen Menschen herankommen, mit ihnen reden, diskutieren und unsere Botschaft klarmachen. Die Auszeichnung hilft uns, das Freiheitliche, das unsere Gesellschaft prägt, mit den Jugendlichen zu erarbeiten und zu erleben.

Hintergrund
Jedes Jahr zeichnet der Didacta Verband Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich besonders für Bildung, Kinder und Jugendliche stark machen, als "didacta Bildungsbotschafter" aus. 2016 steht die Preisvergabe ganz im Zeichen der aktuellen gesellschaftlichen Ereignisse rund um das Thema Flucht und Integration. Die "didacta Bildungsbotschafter" engagieren sich für Bildungsgerechtigkeit und gegen Ausgrenzung: die Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali, die sich besonders für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund einsetzt, sowie der Kölner Verein Arsch Huh, der anstiftet zu Zivilcourage und multikulturellem Zusammenwachsen.

Kommen Sie auf die didacta 2016 in Köln und besuchen Sie die Preisverleihung:

Forum didacta aktuell
didacta Bildungsbotschafter 2016: Dunja Hayali und Arsch Huh e.V.
17.02.2016
15:00 Uhr - 15:45 Uhr
Halle 6, C 61
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Weitere Veranstaltungen zum Thema:

Lernen zum Anfassen
Station 3: Wo kann vorurteilsbewusste Bildung bei Diskriminierung und Rassismus ansetzen?
17.02.2016
13:30 Uhr - 14:30 Uhr
und
17.02.2016
15:30 Uhr - 16:30 Uhr
Halle 7, E 38/F 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Weitere Informationen:
www.arschhuh.de


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