„Das Bewerten von Informationen ist und bleibt eine Kernkompetenz“
Neben der Medienkompetenz brauchen Schülerinnen und Schüler heute auch die Fähigkeit, kompetent mit Informationen umzugehen. Katrin Lück erzählt, warum dieses Thema an die Schulen gehört und wie Bibliotheken dabei helfen können. Interview: Vincent Hochhausen
04.04.2025 Bundesweit Artikel didactaDIGITAL - Aktuelles rund ums Lehren & Lernen mit neuen Technologiendidacta Digital: Was ist Informationskompetenz?
Katrin Lück: Als Informationskompetenz bezeichnet man die Fähigkeit, Informationen zu einem bestimmten Thema effektiv zu finden, sie zu bewerten und kompetent und verantwortungsbewusst mit ihnen umzugehen. Dazu gehört auch, unterscheiden zu können, was eine wahre Information ist und welche irreführend oder falsch ist. Auch das richtige Zitieren, das Angeben von Quellen und die Vermeidung von Plagiaten gehört dazu, wenn man die recherchierten Informationen in einen eigenen Text integriert.
Wo liegt der Unterschied zur Medienkompetenz?
Es gibt Überschneidungen zur allgemeinen Medienkompetenz, diese Felder lassen sich nicht immer trennen. Medienkompetenz umfasst auch den Umgang mit analogen und digitalen Medien wie Büchern oder Laptops, während es bei der Informationskompetenz vor allem um die Informationen an sich geht.
Katrin Lück ist Bibliotheksleiterin am Europa-Institut der Universität des Saarlandes und Mitglied der Kommission „Bibliothek und Schule“ im Deutschen Bibliotheksverband.
Warum ist Informationskompetenz heute besonders wichtig?
Weil sie zu zielgerichteter und effizienter Navigation durch die enorme Menge an Informationen befähigt. Das ist heute besonders schwierig, denn es kursieren aktuell mehr Informationen aus unklaren Quellen und Fake News als noch vor wenigen Jahrzehnten. Früher war das Informationsumfeld kanalisierter, und man hatte bei den meisten Medienkanälen eine Basis dafür, die Information einzuordnen, etwa bei den verschiedenen Tageszeitungen. Heute ist das schwieriger, deshalb ist das Bewerten von Informationen für mich mehr denn je eine Kernkompetenz. Gleichzeitig herrscht oft die paradoxe Auffassung, dass der Umgang mit Informationen heute leichter sei als früher, weil es mehr Möglichkeiten gibt, sei es durch Suchmaschinen oder durch KI.
Wie meinen Sie das?
Viele Studierende denken zum Beispiel, dass sie das klassische Handwerkszeug beim wissenschaftlichen Arbeiten wie den Umgang mit wissenschaftlichen Datenbanken oder Bibliografien nicht mehr benötigen, weil sie ihre Infos schon irgendwie online finden. Teilweise merken sie dann erst bei der Masterarbeit, dass das nicht so einfach ist. Ähnlich sieht es bei der kritischen Bewertung von Informationen aus.
Wie verändert KI den Bereich der Informationskompetenzen?
Sie ist eine riesige Herausforderung. Kinder und Jugendliche sind sehr gut darin, Dinge schnell zu finden und zu nutzen, aber leider oft nicht so gut darin, die Informationen zu bewerten. Viele generieren mit KI Informationen und haben keinerlei Bewusstsein dafür, ob das überhaupt stimmt oder nicht. Es kommen regelmäßig Studierende zu uns, die Titel auf ihrer Literaturliste nicht finden können, weil ChatGPT sie einfach erfunden hat. Bei Suchmaschinen wie Google muss man selbst noch Arbeit reinstecken, um die Ergebnisse zu interpretieren, während KI scheinbar zuverlässige Ergebnisse auf dem Silbertablett liefert. Wer nicht weiß, muss glauben: Wir müssen Kindern und Jugendlichen vermitteln, wie sie richtig mit KI umgehen, wie sie die mit Hilfe der KI generierten Informationen kritisch beleuchten, hinterfragen und sie nicht einfach übernehmen. Eine Faustregel ist, generative KI nur in Bereichen zu verwenden, in denen man sich selbst gut auskennt.
Was sind denn die größten Herausforderungen beim Vermitteln dieser Kompetenzen?
Bei Studierenden stehen wir oft vor dem Problem, dass ihre Vorkenntnisse extrem verschieden sind. Manche wissen zum Beispiel schon, was Boolesche Operatoren sind, mit denen man die Anfragen in Datenbanken eingrenzen kann, andere nicht. Man hat also Lernende, denen man die wichtigsten Grundlagen der Informationskompetenz in wenigen Stunden vermitteln könnte, und andere, die wesentlich mehr Zeit bräuchten. In den Lehrplänen der Schulen gibt es leider wenig Raum für Infokompetenz. Lehrkräfte an den Schulen brauchen, ebenso wie die Universitätsdozierenden, ein Bewusstsein darüber, dass Informationskompetenz essenziell ist und Bibliotheken sie bei der Vermittlung unterstützen können. Sie sind geradezu prädestiniert dafür.
Haben die Bibliotheken in Deutschland genug Mittel und Kapazitäten, um die Schulen bei der Vermittlung von Informationskompetenz zu unterstützen?
Leider nur begrenzt. Politiker werden nicht müde zu betonen, wie wichtig Bibliotheken sind, aber es braucht einfach mehr Geld! Die Bibliotheksmittel waren immer schon knapp kalkuliert. Heute werden die Aufgaben immer wichtiger, aber die Mittelausstattung bleibt gleich oder verringert sich. Früher waren Bibliotheken Hüter des Wissens, sie haben es geordnet, katalogisiert und durch Suchfunktionen zugänglich gemacht. Heute hat sich diese Rolle verändert: Die Informationen sind oft auch online, aber die Menschen brauchen Hilfe dabei, mit ihnen umzugehen. Und nicht zuletzt sind Bibliotheken wichtige Orte für das Gemeinwesen, Schülerinnen und Schüler können sich dort zum Beispiel in Ruhe zum Lernen treffen.
Wie können Lehrkräfte Informationskompetenzen im Unterricht vermitteln?
Sie sollten keine Verbote aussprechen und viel ausprobieren, zum Beispiel im Umgang mit KI. Wichtig sind auch interaktive Unterrichtseinheiten, die den Schülerinnen und Schülern Spaß machen. Und ganz wichtig: Sie sollten auf die Bibliotheken zugehen und sich dort Unterstützung suchen. Fast immer gibt es dort spezielle Angebote, die Schulen nutzen können.
Verfügen denn Lehrkräfte und Erwachsene heute selbst über genügend Informationskompetenz, um Kinder dabei zu unterstützen?
Leider nur selten. Deswegen finde ich es wichtig, sich aktiv weiterzubilden, damit die Kinder einen nicht überholen. Es bringt nichts, das Thema von oben herab zu behandeln – ich merke ja selbst, dass ich kaum Instagram bedienen kann. Es ist sinnvoll, beim Medienkonsum der Kinder selbst ein bisschen mitzugucken, um zu wissen, womit die Kinder sich beschäftigen. Im Idealfall würde ich mir wünschen, dass Schulen mit Tools arbeiten, die man später an der Uni braucht. Aber ich verstehe auch, dass das ein hoher Anspruch ist – Kindern und Jugendlichen beizubringen, was Fake News sind und wie man sie erkennt, ist schwer genug.
Dieses Interview ist zuerst im Magazin didacta Digital Ausgabe 1/2025, S. 4-7 erschienen.
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