Das Schulbuch bleibt – und wird viel mehr
Schulbücher enthalten Texte und Bilder, modernere Exemplare außerdem eine CD-ROM oder begleitende Onlineangebote, die über Webcodes zugänglich sind. Soweit die bisherige Verknüpfung des Buchs mit den sogenannten Neuen Medien. Studierende der "New Media Studio Class" an der Berliner Universität der Künste UdK wollten wissen, ob diese Verknüpfungen nicht noch weitaus intensiver und einfacher gestaltet werden können. Die Exponate ihres Projekts "Das Buch neu denken" zeigen jetzt auf faszinierende Weise, wohin sich das moderne Buch entwickeln kann.
07.01.2011 Artikel"Uns interessierte die jüngere Generation, Schüler, die es gewohnt sind, mit Medien umzugehen und die auch erwarten, dass man zum Lernen unterschiedliche Medien nutzt", erläutert Prof. Kora Kimpel von der UdK die Zielsetzung des Projekts. "Wir haben also versucht, das Buch für diese Zielgruppe neu zu denken, ohne dass es ein E-Book wird und als eigentliches Buch wegfällt."
Längst schon gibt es passende digitale Ergänzungen zum Schulbuch, aber, so Kimpel, "es hat sich herausgestellt, dass die CD-ROM zu kompliziert ist oder dass es viel zu lange dauert, einen Link abzutippen. Der Lernfluss wird unterbrochen." Die Frage war also: Gibt es mittlerweile schon Möglichkeiten, um diesen Medienmix sehr viel intuitiver zu gestalten? Mit dieser Projektidee wandte sich die Professorin kurzerhand an einen der größten Schulbuchmacher, den Berliner Cornelsen Verlag. "Wir waren begeistert", erinnert sich Dr. Claudia Seidel, Leiterin der dortigen Chemie-Redaktion.
Die Rahmenbedingungen der Kooperation waren klar: Es sollte künstlerisch frei, kreativ und ohne Produktionsdruck experimentiert werden. "Herausgekommen sind neu gedachte Bücher, die uns in der Redaktion den Blick auf das Medium Buch völlig neu eröffnet haben", resümiert die Redakteurin.
Augmented Reality im Schulbuch
Die Exponate setzen auf digitale Ergänzungen wie integrierte Bewegungssensoren oder Augmented Reality. Bei dieser "erweiterten Realität" vermischen sich reale und virtuelle Welt - ein ideales Instrument also, um Buch und Digitales zu verbinden. Über die aktuell wahrgenommene reale Welt - also etwa eine Buchseite - werden in Echtzeit zum Beispiel Grafiken oder Animationen geblendet.
Dies hat Dominik Wagner für sein Projekt genutzt. Seine Vorüberlegungen: Dass sich hinter H2O die chemische Formel für Wasser verbirgt, ist Allgemeinwissen. Wie aber lernen Schüler, was tatsächlich in dem abstrakten Begriff steckt und was die dazugehörigen Molekülstrukturen bedeuten? In seinem Prototyp "Augmented Reality Periodic Table" zeigt der Student, wie die Anordnung der Elemente des Periodensystems dreidimensional und interaktiv dargestellt werden kann. Für jedes Element des Periodensystems hat er eine etwa handgroße Namenskarte gedruckt. Der Clou: Jede Karte wird von der Videokamera erkannt und dann auf dem PC-Bildschirm durch die dreidimensionale Abbildung des Atommodells überlagert. Diese Technik - zunächst für Militär, Forschung und Medizin eingesetzt - ist unterdessen frei verfügbar. Und Dominik Wagner kann sich gut vorstellen, dass sie in drei bis vier Jahren auch im Schulbuch angekommen sein wird. Dann, so der Student, "reichen ein entsprechendes Symbol auf einer Buchseite und eine Webkamera für zehn Euro, um dreidimensionale Objekte oder Videos anzuzeigen."
"Wenn der Strom ausfällt, hat man immer noch das Buch"
Um die direkte Verknüpfung von analogen und digitalen Inhalten geht es in einer weiteren Arbeit der Projektgruppe, dem "Digital/Analog Book" von Mirko Wannemacher. Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen: "Wenn das Buch gedruckt ist, kann ich nichts mehr daran ändern. Wie halte ich es also aktuell?" Möglich ist das bislang mit Verweisen auf das Internet. Und das heißt: lästiges Abtippen. Einfacher geht es nun mit einem von Wannemacher entwickelten Lesegerät und einem speziell präparierten Buch. Auf den Buchseiten sind digitale Daten gespeichert. Sie werden aktiviert, sobald das Buch auf das Lesegerät gelegt wird. Das Gerät erkennt die Seitenzahlen und spielt dann dort gespeicherte Musikstücke oder Videos ab oder verlinkt auf passende Internetseiten. Auch Wannemacher sind die Vorteile des ursprünglichen Mediums wichtig. "Wenn der Strom ausfällt, hat man immer noch das Buch."
Dass sein Lesegerät in Produktion gehen wird, hält Wannemacher für unwahrscheinlich. Denn zusätzliche Hardware ist eher lästig und kostspielig. Vielmehr setzt er auf Smartphones, die die Rolle des Lesegeräts mühelos übernehmen könnten. Schließlich lesen sie bereits heute diverse Codes aus.
Die nächsten Ideen
Tatsächlich wollen Verlag und Projektgruppe es nicht beim Experimentieren und Präsentieren belassen. Denn es haben sich "einige der Exponate als so spannend erwiesen, dass wir uns vorgenommen haben, daran weiterzuarbeiten und Prototypen zu produzieren", erklärt Dr. Claudia Seidel.
Eine erste Bestätigung für seine Zukunftsfähigkeit hat das Projekt schon im Oktober 2010 auf der Frankfurter Buchmesse erfahren. Dort wurde der Verlag mit dem Förderpreis "Evolving Books – Digitaler Mehrwert für Bücher" der Berliner Senatsverwaltung ausgezeichnet, um das Schulbuch weiter zu entwickeln.
Die New Media Class und Kora Kimpel arbeiten derweil an weiteren Ideen. "Was kommen wird", so die Professorin, "sind kleine Handdrucker, die direkt ins Buch hineindrucken. Ganz neue Szenarien sind dann denkbar, wenn man geschriebenen oder gesprochenen Text direkt in sein Buch drucken kann. Und das wollen wir ausprobieren."
Weiterführende Links
- UdK-Projekt: Das Buch neu denken
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