Der ferne Osten ganz nah: Chinesischunterricht an deutschen Schulen

(dg). Chinesischunterricht setzt sich auch an deutschen Schulen durch. Was als heimlicher Trend in Elitekindergärten und in der Hochbegabtenförderung begann, sichert immer mehr Schülerinnen und Schülern wichtige Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

14.03.2008 Artikel

Die chinesische Kultur ist deutschen Schülerinnen und Schülern nicht fremd: Sie essen Frühlingsrollen, schauen Filme mit Jackie Chan, hören die Musik der Popband Jade. Was liegt näher, als sie auch an den Schulen mit Sprache und Kultur des fernen Ostens vertraut zu machen? Rund 120 Schulen in Deutschland bieten Chinesischunterricht an, 100 von ihnen im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften. Noch fehlt es allerdings an Fachlehrern, an einheitlichen Lehrplänen und an offiziellen Schulbüchern.

Fleißfach Chinesisch

Der Chinesischunterricht hat in den letzten Jahrzehnten vor allem als exotisches Angebot für Hochbegabte oder gar in elitären Kindergärten und Vorschulen von sich reden gemacht. Die Schüler und Kinder werden hier allerdings nicht auf konkrete Kommunikationssituationen vorbereitet – stattdessen sollen mit Hilfe des Chinesischen ihr Gedächtnis, ihre Kreativität oder ihre Geschicklichkeit beim Umgang mit dem Tuschepinsel trainiert werden.

Fest steht: Chinesisch ist eine echte "Fremd"-Sprache. Grammatik und Satzbau folgen anderen Prinzipien als denen europäischer Fremdsprachen. 3 000 bis 4 000 Schriftzeichen braucht man, um eine Zeitung zu lesen; sie zu erlernen, ist reine Fleißarbeit. Die Kenntnisse, die Schüler in wenigen Schuljahren erwerben, bleiben deshalb zwangsläufig rudimentär. Ist der Chinesischunterricht also ein sinnloses Unterfangen? "Nein, auch elementare Einblicke in die chinesische Sprache und Gesellschaft weiten den Blick und sind deshalb von großem Wert", sagt Antje Benedix, promovierte Sinologin an der Ruhr-Universität Bochum und Diplom-Übersetzerin für Chinesisch.

Vorteil auf dem Arbeitsmarkt

Denn die deutsche Wirtschaft braucht Chinesischsprecher. Die wissenschaftlich orientierte Ausbildung von Sinologen folgt eigenen Zielen und wird den Anforderungen der Wirtschaft nicht gerecht: Es fehlt an Fachleuten in verschiedenen Berufsfeldern mit Basiskenntnissen der Sprache und Grundwissen über die chinesische Kultur. Ein stark praxisorientierter Chinesischunterricht in der Schule kann auch in kurzer Zeit wertvolle Grundkenntnisse vermitteln, die den Schülern einen entscheidenden Vorteil auf dem Arbeitsmarkt verschaffen. "Wenn der Chef nach China fährt, um den Vertrag auszuhandeln, steht in der Regel ein guter Dolmetscher zur Verfügung. Doch die Mitarbeiter, die später den Auftrag abwickeln, kämpfen oft darum, einander richtig zu verstehen", beschreibt Benedix das Problem.

Ausgehend von dieser Beobachtung hat sie 2005 ein eigenes Chinesischlehrbuch verfasst. "Dong bu dong?" ist der Titel, zu Deutsch: "Hast du´s verstanden?" Erfahrungen aus fast 20 Jahren Sprachworkshops und Schülerkursen sind in die Arbeit eingeflossen – und ein kritischer Blick auf die bestehenden Chinesischlehrwerke. Zurzeit wird das Lehrwerk überarbeitet, zum Schuljahr 2008/09 wird es als erstes offizielles Chinesischschulbuch im Ernst Klett Verlag erscheinen. "Chinesischunterricht hat Potenzial", sagt Birgit Knacke aus der Chinesischredaktion des Verlags, "wir sind froh, dass wir Frau Benedix und ihr Lehrwerkskonzept gewinnen konnten."

Dong bu dong?

2006 verlieh der Fachverband Chinesisch e.V. Benedix für ihr Lehrwerkskonzept den Friedhelm-Denninghaus-Preis. "Besonders hervorzuheben ist die Vielfalt der Übungen, die sich wohltuend von der Eindimensionalität anderer Chinesischlehrwerke abheben", heißt es in der Begründung der Jury. Rollenspiele, Rätsel, kurze Dialoge trainieren vor allem die Sprechfähigkeit der Schüler. Durch die Trennung von Konversations-, Schreib- sowie Hör- und Sprechteil lassen sich die Übungen ideal an das Lernniveau jeder Gruppe anpassen. Weil für den Konversationsteil keine Schriftzeichen benötigt werden, kann sich die Sprechfertigkeit schneller entwickeln.

Eine klare Abkehr von Chinesischlehrwerken, die zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Chinesischen hinführen. "In den bisherigen Lehrwerken war es oft so, dass die Lernenden die Schriftzeichen für jedes Wort, das sie sprechen lernten, auch schreiben können sollten. Das führte dazu, dass man nur schwer die Eigenheiten der Schrift als solche berücksichtigen konnte", erklärt Benedix. "Dong bu dong?" dagegen soll die Schüler zum reflektierten und selbstständigen Umgang mit der chinesischen Schrift anregen.

Gespür für chinesische Mentalität

Gleichzeitig soll das Schulbuch die Schüler zur Beschäftigung mit China motivieren. Viele Lehrwerke berücksichtigen oft nicht die Lebensumwelt und die Kommunikationswünsche der Jugendlichen, politisch brisante Inhalte wie Arbeitsmigration oder Umweltverschmutzung werden nicht thematisiert. Denn China ist ohne Zweifel ein schwieriges Thema im Unterricht. Immer wieder berichten die Zeitungen über Konflikte Chinas mit westlichen Regierungen. Im September 2007 beispielsweise empfing Angela Merkel den Dalai Lama – was die chinesische Regierung ausdrücklich missbilligte. Im November letzten Jahres war einem amerikanischen Flugzeugträger das Einlaufen in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong untersagt worden – obwohl die Beziehungen zwischen den USA und China insgesamt als gut beschrieben werden.

"Dong bu dong?" enthält deshalb wichtige Informationen über Landeskunde, Geschichte und Kultur Chinas. So werden die Schüler nicht nur sprachlich auf einen möglichen Kontakt mit chinesischen Muttersprachlern vorbereitet, sondern bekommen auch ein feines Gespür für die chinesische Mentalität.

Politik im Klassenzimmer

Die große Medienpräsenz mit häufig widersprüchlichen Darstellungen Chinas weist auf die Notwendigkeit einer ausgewogenen Behandlung des Themas im Schulunterricht hin. Doch wie kann Chinesischlehrern die Gratwanderung zwischen Misstrauen und Euphorie erleichtert werden? Lehrpläne für das Fach Chinesisch in allen Bundesländern – bislang ist es noch weniger als die Hälfte der 16 Länder – wären ein wichtiger Schritt. Ein anderer die Möglichkeit, Chinesisch auf Lehramt zu studieren. Das ist beispielsweise in Köln, Münster und München nur dann möglich, wenn bereits ein Lehramtsstudium für die Sekundarstufe II abgeschlossen wurde. "Mit ´Dong bu dong?` wollen wir den Chinesischunterricht an den Schulen fördern", zieht Birgit Knacke von Klett ein Fazit: "China ist eine der ältesten und bedeutendsten Kulturen der Welt. Verbunden mit der rasant wachsenden wirtschaftlichen und geopolitischen Bedeutung Chinas wird das Schulfach Chinesisch in Zukunft einen immer größeren Raum einnehmen."

Kompakt

Chinesischunterricht ist mehr als ein faszinierendes Hobby und längst nicht mehr nur in der Hochbegabtenförderung zu finden. Schon die in der Schule erworbenen Grundkenntnisse von Sprache und Kultur können den Schülerinnen und Schülern einen wichtigen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt verschaffen. Praxisnähe ist deshalb eine der wichtigsten Anforderungen an ein Chinesischschulbuch.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst


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