Offener Unterricht

Der Spagat zwischen Bildungsstandards und Freiräumen

Ein fächerübergreifendes Jahresprojekt, ein Kartoffelacker in Schülerregie, ein Lernhelfersystem, in dem auch die schwächeren Schüler zu Helfern werden, eine Weltklimakonferenz in einer Oberstufe: Viele Lehrer, Referendare und Studenten zeigen, wie sich Schule erfolgreich weiterentwickeln kann. Seit 2007 wurden bereits 13 solcher herausragenden Projekte mit dem Cornelsen Stiftungspreis 'Zukunft Schule' ausgezeichnet. Bei der diesjährigen Ausschreibung geht es um ein Thema, das in Zeiten von Lernstandserhebungen, internationalen Vergleichstests, Zentralabitur und Bildungsstandards schwer realisierbar scheint: "Offenes Lernen in Zeiten der Standardisierung". Was steckt eigentlich hinter dieser Forderung und welchen Stellenwert spielt das Offene Lernen im Schulalltag? Das wollten wir vom Vorsitzenden der Cornelsen-Jury, dem Oldenburger Erziehungswissenschaftler Prof. Hilbert Meyer, wissen.

12.07.2011 Artikel
  • © bikl.de

Herr Professor Meyer, gibt es für den Begriff Offener Unterricht eine kurze und eindeutige Beschreibung?

Hilbert Meyer: Nein! Seit 30 Jahren, seit sogenannte Open Curricula aus den USA zu uns herüberschwappten, debattieren wir über diesen Begriff. Es hat viele Vorschläge gegeben - auch den, auf das Wort ganz zu verzichten und stattdessen z. B. vom ´flexiblen Lernen` zu sprechen. Aber das meint etwas anderes und deshalb hält sich der Begriff ´Offenes Lernen`. Offen ist unbestimmt und es tut der Schule gut, dass etwas unbestimmt bleibt, damit Lehrer und Schüler vor Ort entscheiden können, was gemacht wird.

Das klingt nach viel Freiheit. Wie viel Freiheit verträgt denn die Schule?

Hilbert Meyer: Auf jeden Fall mehr, als zurzeit praktiziert wird! Aber um eine theoretisch begründete Antwort zu geben, muss ich ein wenig ausholen. In der internationalen Forschung ist es üblich, zwei Grundformen des Unterrichts zu unterscheiden: ´direct instruction` bezeichnet einen eher lehrerzentrierten und frontal organisierten Unterricht, in dem die ganze Klasse im Gleichtakt zusammenarbeitet. ´Open education´ bezeichnet demgegenüber die bunte Palette all jener Unterrichtsformen, in denen individuell gefördert und ein höheres Maß an Selbstregulation des Lernens ermöglicht wird. Als Systematiker sage ich: Gemeinsames und individuelles Lernen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie gehören zusammen und müssen ausbalanciert werden.

Das bedeutet konkret?

Hilbert Meyer: Eine genaue Prozentangabe für die Balance ist kaum möglich. Aber wenn ich mir die in Deutschland vorliegenden empirischen Untersuchungen über die Häufigkeit der zwei Grundformen anschaue, dann gibt es überhaupt keinen Grund, vor einem Zuviel an geöffnetem Unterricht zu warnen. Das heißt auch, dass in den nächsten Jahren in diesem Bereich einiges passieren sollte.

Und der Stiftungspreis will da ein klein wenig der Motor sein?

Hilbert Meyer: Nicht der Motor, aber der Motivator! Die Untersuchungen zur Sozialformenvielfalt im Regelschulsystem sind ja wenig ermutigend: In den Gymnasien liegt der Anteil des Frontalunterrichts bei 80 bis 85 Prozent. Bei allen Schulformen der Sekundarstufe zusammen sind es rund 75 Prozent. In Grundschulen, Sonderschulen und Hauptschulen sieht es besser aus.

Ein eher stabiler Wert oder sehen Sie auch Entwicklungen?

Hilbert Meyer: Nein, in den letzten 30 Jahren hat sich an diesen Prozentwerten nur wenig geändert. Aber es gibt Vorzeigeschulen und auch kleine Schulen von nebenan, die schon sehr viel weiter sind. Um genauere Urteile abgeben zu können, halte ich es aber für erforderlich, den Begriff ´open education´ auszudifferenzieren. Ich unterscheide drei Grundformen. Die erste sicherlich noch für viele Jahre dominierende Grundform ist die "direct instruction" im oben definierten Sinne; die zweite Grundform ist für mich das, was mit einem modischen Begriff als kooperatives Lernen bezeichnet wird und alle Lern- und Arbeitsweisen einschließt, bei denen die Schüler mit- und voneinander lernen; die dritte Grundform ist der individualisierte Unterricht, wie er z. B. von Maria Montessori als Freiarbeit entwickelt wurde. Ich plädiere für quantitative Drittelparität der drei Grundformen.

Gibt es dafür bereits Beispiele?

Hilbert Meyer: Zu den Vorzeigeschulen, die schon jetzt Drittelparität erreicht haben, gehören z. B. die Laborschule in Bielefeld, die Wartburgschule in Münster oder die Reformschule Winterhude, aber auch ganz normale Schulen von nebenan, z. B. eine Grundschule und eine Hauptschule aus meiner Heimatstadt Oldenburg. Die Schulen arbeiten sehr stark projektförmig, sie haben für alle Schüler individualisierte Curricula und können deswegen auch sehr viel einfacher inklusiven Unterricht gestalten. An zwei dieser Schulen ist die PISA-Studie wiederholt worden – und die Schüler waren in weiten Bereichen sehr gut, zum Teil oberhalb der finnischen Ergebnisse. Deshalb darf keiner kommen und sagen: Das geht gar nicht. Doch: Es geht! Die Frage ist, ob man es will.

Warum wehren sich gerade die Gymnasien gegen eine Vielfalt von Unterrichtsformen? Haben sie dafür möglicherweise sogar gute Gründe?

Hilbert Meyer: Man muss differenziert an die Frage herangehen. Auch an Gymnasien bewegt sich Einiges. Und auch im Frontalunterricht können sehr gute Lernergebnisse erzielt werden. Gymnasien könnten sich deshalb mit dem Argument verteidigen, 'Wir haben einen spezifischen Bildungsauftrag, wir wollen hohe fachliche Lernerfolge erzielen, wir wollen die zukünftige Elite schulen, die ohne Fruststationserscheinungen zum Beispiel durch ein Mathestudium kommt.` So ließ sich eine Zeit lang argumentieren, aber wenn andere weiterführende Schulen mit einem anderen Mix der Grundformen ebenfalls sehr gute Ergebnisse erzielen und die Schüler dabei auch noch deutlich zufriedener sind, dann spricht alles für die von mir propagierte Drittelparität.

Vielleicht gibt es ja noch ein anderes Gegenargument: Bedeutet dieser Mix für den Lehrer nicht auch zusätzliche Belastung und Mehrarbeit?

Hilbert Meyer: Ja, das ist in aller Regel mehr Arbeit. Aber es gibt ja gute Konzepte, wie man bei der Unterrichtsentwicklung mit dem Belastungsproblem umgehen kann. Die einfachste, dann aber aus beamtenrechtlichen Gründen doch wieder schwierige Lösung besteht darin, die Bezahlung der Lehrer von den gehaltenen Unterrichtsstunden abzukoppeln. Die bezahlte Wochenarbeitszeit ist dann zu erbringen – was davon in Form von Unterrichtsstunden und was in Form von Unterrichtsentwicklungsarbeit abgeleistet wird, entscheidet das Kollegium. Dieses Modell wird seit Langem unter dem Begriff ´pädagogische Arbeitszeit` diskutiert. Andere Länder sind da weiter als wir. Ich habe das gerade wieder in China erlebt. Die chinesischen Lehrer haben erstaunlich niedrige Stundenkontingente - im Durchschnitt 15 Stunden – aber sie müssen die volle Arbeitszeit, also 40 Stunden, in der Schule präsent sein.

Was machen sie mit dem Rest der Zeit?

Hilbert Meyer: Sie machen Einzelfallhilfe, sie unterstützen Schüler mit Lernschwierigkeiten - deshalb kann der Unterricht dort auch etwas lehrerzentrierter sein als bei uns. Sie führen Elterngespräche, sie hospitieren bei anderen Kollegen, sie veranstalten Fachkonferenzen und machen Unterrichtsentwicklungsarbeit. Aber China ist für mich kein Vorbild: Die Unterrichtsentwicklung wird dort von der Partei vorgeschrieben und vom Direktor top down umgesetzt. In Deutschland ist das besser, aber es gibt ein gravierendes anderes Problem: Wir haben an vielen Schulen, was die Arbeitsbelastung angeht, eine typische Dreiteilung: Alle Kollegen geben die vorgeschriebenen Stunden, aber nur circa1/3 ist stärker in Unterrichts- und Schulentwicklungsprojekten engagiert, 1/3 läuft mit und ist dann auch bereit, Neuerungen umzusetzen und 1/3 sagt ´rutsch mir den Buckel runter`. Weil die Unterrichtsentwicklung für mich keine Zutat ist, sondern zu den Kernaufgaben des Lehrberufs zählt, sollte sie nicht länger wie eine freiwillige Zusatzleistung behandelt werden. Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass diese Zahlen bislang nicht seriös empirisch erforscht wurden. Es ist eine Schätzung, die aber von vielen Wissenschaftlern geteilt wird.

Ich nehme an, aus dem von Ihnen zitierten ersten Drittel kommen auch die Bewerbungen für den Stiftungspreis?

Hilbert Meyer: Ja, da haben sich immer schon diejenigen beworben, die etwas bewegen wollen - in der Regel in einer reformpädagogischen Tradition. Menschen, die offenes Lernen fördern wollen, die die Selbstregulationskräfte der Schüler unterstützen, bewerben sich. Wer am liebsten "direct instruction" praktiziert, der macht daraus in aller Regel kein Projekt, mit dem man sich bewerben könnte.

Es wird ja auch der Nachwuchs ausgezeichnet, Referendare und Studenten. Gibt es in dieser Gruppe einen neuen Blick auf die Schule?

Hilbert Meyer: Ja. Ein Beispiel: Wir haben eine Gruppe von sechs Hamburger Referendaren gerade deshalb prämiert, weil sie so gut bei der fächerübergreifenden Unterrichtsentwicklung zusammenarbeitet haben. Teamarbeit ist etwas, das die Studenten und Referendare von heute mehrheitlich gewohnt sind, der ältere Teil der Lehrer eher noch nicht. Da sind die jungen Kollegen ihnen weit voraus. Und mit diesem Vorsprung können sie zum Sauerteig im Kollegium werden, z. B. dadurch, dass sie kollegiales Hospitieren und Teamteaching praktizieren.

Erstes Wettbewerbsthema vor sechs Jahren war die "Förderung von Lernkompetenzen", es folgten "Vernetztes Lernen" und "Kooperatives Lernen". Aktuell geht es um "Offenes Lernen". Wie wird über das jeweilige Wettbewerbsthema entschieden?

Hilbert Meyer: Jedes Jurymitglied macht seine Vorschläge. Die Vorschläge werden von uns selbst in eine Prioritätenliste gebracht, die endgültige Entscheidung liegt dann aber beim Beirat der Cornelsen Stiftung.

Gibt es ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Hilbert Meyer: Ja. Ich habe vor zwei Jahren vorgeschlagen, wir sollten doch einmal einen Förderpreis "Verbesserung des Frontalunterrichts" ausschreiben. Das hat keine Mehrheit gefunden - aus guten Gründen. Ein Argument habe ich selbst sofort mitgeliefert: Wir bekämen plötzlich Applaus von einer Seite, die wir gar nicht unterstützen wollen, nämlich von jenen Kollegen, die die ganzen Reformanstrengungen für überflüssig halten. Deshalb haben wir den Themenvorschlag verworfen. In der Sache bleibe ich aber dabei: Der Frontalunterricht ist weiterhin die mit Abstand am häufigsten praktizierte Sozialform in der Schule. Deshalb ist es ein Fehler, immer nur die Alternativen in den Blick zu nahmen. Meine Position in dieser Frage: Es gibt viel zu viel Frontalunterricht; er sollte auf ein Drittel reduziert, dann aber mit höherer Qualität durchgeführt werden. Dafür müssen wir vorweg die Kriterien für guten Frontalunterricht schärfen. Dazu gibt es leider viel zu wenige Vorarbeiten.

Bei dem diesjährigen Wettbewerb geht es aber um etwas, was bislang nicht so weit verbreitet ist: das Offene Lernen. Haben Sie einen Tipp: Was sollten die Teilnehmer beachten?

Hilbert Meyer: Es gibt ja eine Ausschreibung, an die sich die Bewerber halten können. Die Begeisterung eines Jurors ist dann die erste Hürde – und die müssen die Antragsteller schaffen.

Und wovon lassen Sie sich begeistern?

Hilbert Meyer: Ich persönlich habe mir vorgenommen, gerade solche Anträge zur Prämierung vorzuschlagen, bei denen ein besonderer Spagat gelingt. Nämlich bei denen die Aufforderung, in Kompetenzen und Bildungsstandards zu denken, nicht geleugnet wird, gleichzeitig aber Spielräume behalten oder freigeschaufelt werden. Das heißt: Ein Alternativprojekt, bei dem die Kompetenzorientierung gar keine Rolle mehr spielt, kann mich nicht überzeugen. Wir haben 2007 eine Realschule aus dem Saarland prämiert, die mit ihren Fünft- und Sechstklässlern gemeinsam mit geistig behinderten Heiminsassen ein Kartoffelfeld von der Saat bis zur Ernte beackert hat. Das klingt vielleicht zunächst nach einem Alternativprojekt. Tatsächlich aber haben die Lehrkräfte die Bildungsstandards nicht links liegen lassen, sondern gründlich durchdacht und gleichzeitig die Unterrichtsarbeit in den Fächern Biologie, Erdkunde, Mathematik, Deutsch, Religion/Ethik und Arbeitslehre miteinander vernetzt.

Der Stiftungspreis Zukunft Schule wird alle zwei Jahre vergeben und es gibt jeweils fünf Preisträger. Wird es auch in den nächsten Jahren dabei bleiben?

Hilbert Meyer: Wir wollen den Preis weiterentwickeln, möglicherweise auch um neue Kategorien ergänzen, aber auf jeden Fall wollen wir dafür sorgen, dass mehr Lehrer von den guten Ideen der Sieger profitieren können.


Cornelsen Stiftungspreis Zukunft Schule

Der Cornelsen Stiftungspreis Zukunft Schule ruft Lehrkräfte aller Schulformen dazu auf, sich an methodisch kontrollierten Projekten zur Weiterentwicklung von Schule und Unterricht zu beteiligen. Je nach aktuellen Anforderungen der Bildungspolitik und Schulentwicklung bestimmen Stiftungsbeirat und Jury die Aufgabenstellung. Mit jeweils einem Sonderpreis werden Referendarinnen und Referendare sowie Lehramtsstudierende in der letzten Ausbildungsphase zur Teilnahme ermuntert. Der Preis steht unter der Schirmherrschaft von Günther Jauch. Einsendeschluss für den Stiftungspreis 2011 ist der 15. November 2011.

Weiterführende Links

  • Cornelsen Stiftungspreis Zukunft Schule

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