Die Zeit für das Fach Wirtschaft ist reif
Nach dem Ende des Modellversuchs "Wirtschaft an Realschulen" ist die Politik am Zug. Ökonomische Bildung ist heute wichtiger denn je. Der dreijährige Modellversuch "Wirtschaft an Realschulen" war ein voller Erfolg. Eine Befragung unter den Lehrern, Schülern und Eltern der 70 beteiligten Schulen hat herausragende Zustimmungswerte für den Modellversuch und für die Einführung eines eigenständigen Fachs ergeben.
01.07.2013 Pressemeldung lehrer nrwDies ist umso bemerkenswerter, als es seitens des Ministeriums kaum Unterstützung für die Schulen gegeben hat. Sie mussten entsprechende Curricula selbst entwickeln und haben das mit großem Engagement und großer Kreativität getan. lehrer nrw und verschiedene Hochschulen haben sie dabei unterstützt. "Nun ist die Politik am Zug", erklärt Brigitte Balbach, Vorsitzende von lehrer nrw. Die Argumente für ein Fach Wirtschaft liegen auf dem Tisch, und sie sind stark. Der Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann und der Wirtschaftsdidaktiker Prof. Thomas Retzmann sind in einem aktuellen Interview für lehrer nrw übereinstimmend der Meinung, dass ein Fach Wirtschaft dringend benötigt wird.
"Wirtschaftliche und finanzielle Kompetenz ist heute eine Voraussetzung, um das tägliche Leben souverän und autonom gestalten zu können", erklärt zum Beispiel Prof. Hurrelmann: "Die Schulen sind in breiter Front heute nicht in der Lage, ein solches, alle Menschen beeinflussendes Ereignis wie die aktuelle Finanzkrise schlüssig zu erklären, geschweige denn, Handlungsanleitungen zur Bewältigung zu geben. Sie können nicht vermitteln, was Menschen mit ihrem Geld oder ihrer Altersvorsorge tun sollten." Aufgrund dieses Defizits sind viele Schulen sogar dankbar, dass Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, Bankenverbände oder Versicherungen Unterrichtsmaterialien anbieten.
Dass vorwiegend aus dem linken politischen Lager Kritiker zu vernehmen sind, die in einem Fach Wirtschaft ein Einfallstor für die Wirtschaftslobby und neoliberale bis marktradikale Positionen sehen, ist ein Argument nicht gegen, sondern für das Fach Wirtschaft. Denn bedenklich ist der Einfluss von außen nur, wenn er ohne den Unterbau eines Faches Wirtschaft auf die Schulen trifft, sagt auch Hurrelmann. Nur, wenn Schülerinnen und Schüler mit der professionellen Absicherung eines Unterrichtsfaches im Rücken informiert und trainiert sind, können sie kritische Fragen stellen, Argumente und Gegenargumente finden. "Innerhalb eines existenten Faches mit kompetenten Lehrern sehe ich die Indoktrinationsgefahr als sehr gering an", betont auch Prof. Retzmann.
Für lehrer nrw ist deshalb klar: "Wir brauchen ein eigenes Fach, und wir brauchen eine professionelle, grundständige Lehrerausbildung in diesem Bereich", unterstreicht Balbach. "Die Fachdidaktiker in NRW haben bereits ihre Bereitschaft erklärt, entsprechende Studiengänge an ihren Hochschulen einzurichten. Schulministerin Sylvia Löhrmann muss die ausgestreckte Hand nur ergreifen."
lehrer nrw fordert die Einführung eines Kernfaches oder – in einem ersten Schritt – eines Wahlpflichtfaches Wirtschaft. Die einjährige Verlängerung des Modellversuchs bis Sommer 2014 darf nicht bloß eine taktische Maßnahme sein, um Zeit zu gewinnen. "Die ebenfalls diskutierte Einführung eines fächerübergreifenden Lernbereichs ´Arbeitslehre, Wirtschaft, Technik` nach dem Vorbild der Gesamtschulen lehnt lehrer nrw ab. Das wäre eine reine Sparmaßnahme, die die ökonomische Bildung eher behindert als fördert", so Balbach. Fachübergreifender Unterricht mit interdisziplinären Komponenten reicht nicht aus, meint Prof. Hurrelmann: "Wichtig ist, das spezifische Denken der Ökonomie als einer fachlichen Disziplin zu vermitteln. Ich brauche die absolute Fachlichkeit, um interfachlich, ich brauche die Disziplinarität, um interdisziplinär arbeiten zu können. In diesem Konzert fehlt heute weitgehend die Disziplin Ökonomie."
Keine Kommentare vorhanden