Bayern

Echte Ganztagsschulen sind noch immer rar

Noch immer ist das Angebot für Eltern, die auf der Suche nach einem ganztägigen Schulangebot für ihr Kind sind, äußerst dünn. "Es wird der Nachfrage in keiner Weise gerecht", kritisierte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München.

14.04.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Insgesamt sind landesweit gerade einmal 761 gebundene, also "echte" Ganztagsschulen im Aufbau, d.h. Ganztagsklassen sind hier nicht in allen Jahrgangsstufen verfügbar. Dies betrifft derzeit 408 Hauptschulen, 93 Förderschulen, 14 Realschulen, 239 Grundschulen und 7Gymnasien[1] - das sind 19% aller allgemeinbildenden Schulen in Bayern. In echten Ganztagsschulen wechseln sich Unterricht und Freizeitaktivitäten in rhythmisierten Einheiten ab. "Von einem bedarfsorientierten Angebot an qualifizierten Ganztagsschulen mit optimaler personeller und finanzieller Ausstattung sind wir immer noch weit entfernt", sagte Wenzel und wies darauf hin, dass Bayern nach wie vor Schlusslicht im Ländervergleich sei.

Wenzel forderte die Staatsregierung auf, den tatsächlichen Bedarf zu erheben, ein zügiger und unbürokratischer Ausbau müsse dann folgen. Wie die "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" vom November 2010 zeigt, wirken sich echte Ganztagsschulen positiv auf das Sozialverhalten und das Familienklima aus. Auch die Schulnoten würden sich bei entsprechender pädagogischer Qualität verbessern. Die Schüler störten weniger den Unterricht und zeigten weniger Gewaltbereitschaft. Laut Studie übernehmen sie zudem mehr soziale Verantwortung, das Risiko einer Klassenwiederholung sei deutlich gemindert.

Trotz dieser Vorteile unterscheidet das Kultusministerium zwischen der offenen und der gebundenen Form von Ganztagsangeboten bzw. -schulen und favorisiert dabei die offene Form. Hier fallen die Kosten wesentlich niedriger aus, denn es geht in erster Linie um die Betreuung der Schüler am Nachmittag. Der Unterricht findet wie gewohnt am Vormittag statt. Es gibt keine Rhythmisierung.

Laut Kultusministerium gibt es in diesem Schuljahr 1186 offene Ganztagsschulen, das sind 29% aller allgemeinbildenden Schulen, darunter 581 Haupt- und Mittelschulen, 93 Förderschulen, 201 Realschulen und 280 Gymnasien. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies eine Steigerung um 13%[2].

Wenzel: "Aus pädagogischer Sicht ist die Schwerpunktsetzung des Kultusministeriums zwar nachzuvollziehen, aber nicht gutzuheißen." Er bezeichnete offene Ganztagsschulen als "faulen Kompromiss zu Lasten der Schüler und Lehrer" und plädierte für den massiven Ausbau der gebundenen Form, also sogenannter "echter" Ganztagsschulen.

"In diesen Einrichtungen werden die Schüler ganztägig unterrichtet, wobei es über den ganzen Tag verteilt Unterrichtseinheiten und Freizeitaktivitäten gibt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Ganztagsschulen bieten einen anspruchsvollen Lern- und Lebensraum. Lern- und Freizeitaktivitäten können dort schülergerecht strukturiert, besondere Begabungen entwickelt und Leistungsschwächen ausgeglichen werden. Schülerinnen und Schüler, die nachmittags allein sind, finden Ansprechpartner und können sinnvoll beschäftigt werden. Ihre Mittagsverpflegung ist gesichert - Kinder berufstätiger Eltern müssen oftmals auf ein warmes Mittagessen verzichten. Es gibt Zeit für individuelle Förderprogramme, die Hausaufgaben sind erledigt, wenn die Schüler nach Hause kommen."

Inzwischen befinden sich "echte" Ganztagsschulen auch finanziell deutlich im Nachteil: So wurde erst kürzlich bekannt, dass das Kultusministerium die Zuschüsse für diese Schulen von 5000 Euro pro Jahr für jede Klasse auf 1000 Euro gesenkt hat. "Das ist ein schwerer Schlag" betonte der BLLV-Präsident und forderte die sofortige Rücknahme dieser kontraproduktiven Entscheidung. Er erinnerte auch daran, dass bereits vor einigen Jahren an den Ganztagshauptschulen die zusätzlichen Lehrerstunden pro Klasse von 19 auf 12 gesenkt wurden. w

[1] Quelle: Schulräte Information des Kultusministeriums, Ausgabe 2010/II, S.13

2 Quelle: Schulräte Information des Kultusministeriums, Ausgabe 2010/II, S. 14


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden