EKHN-Interview mit Kultusministerin Karin Wolff zu Leistungsdruck, Mobbing und Aggresivität

Die Hessische Kultusministerin Karin Wolff hat der Internet-Redaktion der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zum Schulstart ein Interview gegeben, das in Auszügen auf [www.ekhn.de/inhalt/leben/jugend/schule](http://www.ekhn.de/inhalt/leben/jugend/schule) online nachgelesen werden kann. Hier der Wortlaut des gesamten Interviews:

24.08.2006 Hessen Pressemeldung Hessisches Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen

Was kann Schülern (und Eltern) helfen, mit Leistungsdruck umzugehen?

Die Qualität einer Schule hängt auch von klaren Leistungsanforderungen ab. Das ist in der internationalen Forschung gut fundiert. Gleichwohl trifft Leistungsorientierung immer wieder auf Kritik, sind leistungsfeindliche Tendenzen unübersehbar. Dabei wollen – insbesondere junge – Menschen etwas leisten, sich selbst und anderen beweisen, was sie können. Kinder zeigen ihren Eltern gerne, was sie morgens in der Schule gelernt haben. Diese Anstrengung wird gern erbracht, der Erfolg wirkt motivierend, baut Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Stärke auf.

Leistung und Wettbewerb prägen das ganze Leben – auf dem Fußballplatz an der Universität, in Forschungslaboren und an anderen Arbeitsplätzen. Wer Leistungsanforderungen annimmt, wird lebenstüchtig. Leistung zählt – und ist das einer demokratischen Gesellschaft angemessene Auswahlkriterium. Dass Lehrkräfte an unseren heutigen Schulen inhumane, Konkurrenz überbetonende Leistungsanforderungen stellen, halte ich für realitätsfremd. Leistungsgedanke und Leistungsmessung sind unabdingbar notwendig, wenn Schule zu einem Abschluss und weiter führen soll.

In der Schule scheitern können Kinder auf verschiedene Art und Weise. Das wird gerne mit dem Begriff „Leistungsdruck“ etikettiert. Mögliche Ursachen für „Schulversagen“ oder „Leistungsdruck“ sollten sehr sorgfältig diagnostiziert werden. Wir in Hessen setzen im Rahmen der Lehreraus- und -fortbildung gezielt auf verbesserte Diagnosefähigkeiten unserer Lehrkräfte. Nur so kann verantwortlich geprüft werden, ob Schüler von der gewählten Schulform überfordert sind oder andere – auch außerschulische Ursachen – für „Leistungsdruck“ denkbar sind. Auf jeden Fall empfiehlt sich in solchen Fällen ein vertiefendes Beratungsgespräch mit Klassenlehrern oder Schulpsychologen.

Wie sollen sich Schüler mit Mobbing-Erfahrungen ab dem ersten Tag des neuen Schuljahres am besten verhalten? Was können sie unternehmen?

Betroffene Schüler sollten sich sofort an ihren Klassenlehrer wenden und die Eltern informieren. Wichtige Maxime für den Einzelfall ist der Verzicht auf Schuldzuweisung. Solange alle nur da sitzen und anderen die Schuld zuschieben, unternimmt nicht wirklich jemand etwas gegen die Situation. – Schuldzuweisungen machen passiv!


Bewährte Schritte gegen schulisches Mobbing sind: ·

  • Darauf bestehen, dass das Mobbing sofort aufhört.
  • Den Fall recherchieren und das Vorgehen protokollieren.
  • Bei schwerwiegendem Mobbing umgehend die Schulleitung informieren.
  • Jedes Fehlverhalten protokollieren, zum Beispiel im Klassentagebuch oder einem Mobbing-Tagebuch.
  • Kolleginnen und Kollegen informieren.
  • Nach Einschätzung der Situation die Eltern des mobbenden Kindes schriftlich informieren und mögliche Konsequenzen verdeutlichen.
  • Ernsthafte Einzelgespräche mit allen Beteiligten führen.
  • Verschärfte Maßnahmen androhen, falls das Mobbing nicht aufhört.
  • Ein Klassengespräch führen und der Klasse ihre Mitverantwortung bewusst machen.
  • Für das Opfer und den Mobber eine Unterstützungsgruppe bilden, die den Kindern dabei hilft, das angestrebte Verhalten einzuüben.
  • Den Fall nicht vorschnell als gelöst betrachten, immer wieder nachfragen.

Jeder soll sich in seiner Schule sicher und wohl fühlen. Mobbing und Gewalt beeinträchtigen die Atmosphäre, das Lehren und Lernen dort in hohem Maße. Deshalb ist es wichtig, dass jede Schule konkrete Handlungspläne gegen Mobbing erarbeitet und diese als Teil umfassender Gewaltprävention in ihr Schulprogramm aufnimmt.

Was können vor allem Eltern tun, wenn sie erfahren, dass ihr Kind aggressiv gegenüber anderen ist?

Eltern sollten sich bewusst werden, dass aggressives Verhalten als Signal zu verstehen ist, das Kinder geben, wenn sie dringend Hilfe brauchen. Aggressive, gewalttätige Kinder bedürfen in erster Linie unserer Zuwendung.

Hinter aggressivem Verhalten verbergen sich Wut und Angst. Das sind „normale“ Gefühle, die jeder Mensch hat und deren sich niemand zu schämen braucht. Dennoch mögen viele Erwachsene diese Gefühle bei Kindern nicht. Jungen werden häufig kritisiert und bestraft, wenn sie Angstgefühle offen ausdrücken. Insbesondere Mädchen dürfen nicht aggressiv sein. Unterdrückte Gefühle wirken jedoch im Unterbewusstsein weiter und tauchen versteckt wieder auf: Unterdrückte aggressive Energie sucht sich Ersatzziele.

In der Schule sollten deshalb die unterschiedliche Konflikte offen und verbal ausgetragen werden. Dazu muss Zeit und Raum gegeben werden. Viele Kinder brauchen die Unterstützung ihrer Lehrerin/ihres Lehrers, um Möglichkeiten zum fairen und friedlichen Ausgleich zu finden.

Hier ist die Schule gefragt, in enger Zusammenarbeit mit den Eltern Wege einer nachhaltigen Konflikt- und Erziehungskultur zu finden. Seit Jahren unterstützt das Hessische Kultusministerium (www.kultusministerium.hessen.de) Projekte zum Sozialen Lernen und ermuntert Schulen, eine neue Konfliktkultur zu entwickeln. Die Ergebnisse solcher Abstimmungsprozesse können in Erziehungsvereinbarungen festgehalten werden.

Jeder weiß, dass ein Kind nicht von heute auf morgen aggressiv wird. Normalerweise wird es auf einem langen Leidensweg von seiner Umwelt geformt. Dabei spielen auch „Vorbilder“ in der Familie, im Fernsehen, im Internet und auf der Straße eine Rolle.

Aggression ist ein komplexes Phänomen. Umso wichtiger ist, dass betroffene Eltern vorhandene Beratungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen. Dabei ist der Klassenlehrer erster und wichtigster Ansprechpartner. Bei Aggressivität kann erfolgreiche Elternberatung nur gemeinsam mit der Schule durchgeführt werden. Neben den Lehrerinnen und Lehrern steht auch der Schulpsychologische Dienst als Ansprechpartner für Beratung zur Verfügung. Schulpsychologinnen und Schulpsychologen arbeiten in allen 15 Staatlichen Schulämtern Hessens (schulamt.bildung.hessen.de).


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden