Erfolg von strukturiertem Unterricht

Warum leiden so viele Kinder unter einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) und wie kann dem vorgebeugt werden? Diese zentrale Fragestellung sowie die Tatsache, dass nur wenige empirische Studien in der Unterrichts- und LRS-Forschung existieren, haben dazu geführt, das Projekt "Modell Schriftsprach-Moderatoren (MSM)" ins Leben zu rufen. Ziel war es herauszufinden, ob durch spezifisch veränderten Unterricht die Lese- und Rechtschreibleistung – insbesondere bei Legasthenikern – verbessert werden kann, und zwar basierend auf der Anwendung strukturierter und moderner Unterrichtsmethoden. Dies wurde darüber hinaus durch intensive Lehrerfortbildung sowie Begleitung der Schüler und Eltern unterstützt.

08.08.2007 Pressemeldung Graf Orthos Rechtschreibwerkstatt GmbH & Co KG

Das Projekt

Das Hessische Kultusministerium beauftragte mit Beginn des Schuljahres 2002/03 das Staatliche Schulamt des Schwalm-Eder-Kreises sowie den Landkreis Waldeck-Frankenberg mit der Errichtung einer Modellregion "Lesen, Schreiben und Rechnen für alle". Nun liegen seit Juni 2007 die durch das Staatliche Schulamt Fritzlar herausgegebenen Ergebnisse dieser großangelegten Studie, die über vier Jahre lief (August 2002 – Juli 2006), vor.

Ziele des Projektes war nicht nur, eine Prävention von LRS im regulären Deutschunterricht zu ermöglichen, sondern auch die Ausbildung von Schriftsprachmoderatoren, die eine nachhaltige und praxisnahe Lehrerfortbildung gewährleisten können. An dem Modell, welches in drei Phasen verlief, nahmen 69 Klassen mit ungefähr 1350 Schülern der Jahrgangsstufen 1–6, davon 27 Anfangsklassen teil. Die wissenschaftliche Evaluation wurde von PD Dr. Schulte-Körne und seinem Team von der Universität Marburg durchgeführt.

Die "Rechtschreibwerkstatt" (Norbert Sommer-Stumpenhorst) sowie die Rechtschreibfibel "Lollipop" (Gisela Dorst, Wilfried Metze) standen als Unterrichts- und Förderkonzepte zur Verfügung. Von der 1. bis zur 4. Klasse wurden in dieser Längsschnittstudie wiederum drei Gruppen miteinander verglichen: Rechtschreibwerkstatt (RSW), Lollipop (LP) und eine Kontrollgruppe (KG).

Wirksamkeit der Lehrmethoden

Von großem Interesse sind nun die Lernverläufe der drei o.g. Gruppen. Ein deutlich positives Ergebnis ist, dass die Schüler in allen Gruppen gut bis sehr gut lesen gelernt haben. Wie sieht es mit der Rechtschreibung am Ende der vier Versuchsjahre aus?
Trotz der Unterschiede der Konzepte sollten sich diese in einer rein quantitativen Analyse ("Fehlerzählung") nicht voneinander unterscheiden. Beide Konzepte sind etabliert, daher war nicht zu erwarten, dass eine der beiden Gruppen in dieser Analyse einen Leistungsvorsprung erzielen würde. Die folgende Grafik veranschaulicht dies sehr schön – in der Analyse der korrigierten Werte liegen alle drei Gruppen in der erwarteten Höhe (vgl. Abbildung 1).

Wie sieht eine qualitative Datenanalyse aus?

Lollipop als klassischer Fibellehrgang basiert auf direkter Hinführung zur Buchstabenschrift, Rechtschreibregeln werden also explizit vermittelt, wohingegen die Rechtschreibwerkstatt auf einer qualitativen Entwicklung des Rechtschreibens basiert. Kinder lernen hier zunächst die Zuordnung von Lauten zu Buchstaben, gefolgt von lautgetreuen Schreibungen, die sich mit der Zeit durch die Verinnerlichung rechtschriftlicher Prinzipien zu orthografisch korrekten Schreibungen entwickeln. Mittels dieses Konzeptes bearbeiten die Kinder die verschiedenen, für das Rechtschreiben benötigten Kompetenzen so weit, dass diese fester Bestandteil eines sicheren Rechtschreibgespürs werden. Die Ergebnisse in Abbildung 2 zeigen, dass die RSW-Gruppe nach vier Jahren in den grundlegenden Lernbereichen weniger Fehler macht und somit im Lautbereich besser abschneidet.

In den wortbezogenen Bereichen machten die RSW-Schüler in den ersten zwei Jahren deutlich mehr Fehler, was damit zu erklären ist, dass diese Bereiche bis zum Ende der 2. Klasse nur wenig geübt wurden. Bis zum Ende der 4. Klasse nivellierten sich die Ergebnisse erwartungsgemäß.

Allgemein ist festzustellen, dass sich die Lernkurven ganz erwartungsgemäß verhalten. Nach zwei Jahren entwickelten sich die Gruppen bei den mittleren Rechtschreibwerten deutlich auseinander, in den Klassenstufen drei und vier fand eine Annäherung der Gruppen statt, die insbesondere auf der Verbesserung der Rechtschreibleistungen in der RSW-Gruppe beruht. Der Grund für die Verbesserung ist im Training der wortbezogenen Bereiche zu suchen, wohingegen sich die lautbezogenen Schreibungen auf einem guten Niveau stabilisierten.

Motivation

Neben der Erhebung der oben berichteten Leistungsdaten wurde auch die Lernmotivation der Schüler untersucht, und zwar hinsichtlich der Variablen "soziale Integration", "Klassenklima", "Selbstkonzept der Schulfähigkeit", "Einstellung zur Schule", "Anstrengungsbereitschaft", "Lernfreude" und "Gefühl des Angenommen-Seins". In diesen Kategorien erreichten alle drei Gruppen durchschnittliche Werte. Auffällig ist aber, dass die RSW-Gruppe in allen Kategorien sogar über den Werten der anderen beiden Gruppen lag. Die individuelle Differenzierung des Konzepts scheint sich also positiv auf die Motivation der Schüler ausgewirkt zu haben.

Ein (neuer) Blick auf die Ergebnisse nach 2 Jahren

Die nach zwei Jahren vorschnell berichteten Ergebnisse haben unter allen Beteiligten und interessierten LehrerInnen für große Aufregung gesorgt. Nach der nun detaillierten Veröffentlichung des Vier-Jahres-Projekts erscheint das Endergebnis teilweise unter einem neuen Licht:

  • Die Rechtschreibwerkstatt-Gruppe hat deutlich bessere Leistungen erzielt, als ihr nach der unreflektierten und rein quantitativen Veröffentlichung nach zwei Jahren zugeschrieben wurde. Die Schüler lagen absolut im theoretisch vorhergesagten Soll. Im Bereich der Basisfertigkeiten waren sie sogar deutlich besser als die Schüler der beiden Vergleichsgruppen. Dies gilt für die Ergebnisse nach zwei wie auch nach vier Jahren.
  • Die Lollipop-Gruppe konnte das nach zwei Jahren prognostizierte hohe Niveau nicht halten. Auch die These, dass mit dieser Methode Lese-Rechtschreibschwäche vermindert werde, lässt sich so nicht mehr aufrechterhalten.
  • Alle Gruppen befinden sich mit ihrer Rechtschreib- und Leseleistung innerhalb der Norm.
  • Den Begriff "Testsieger" darf keine der drei Gruppen für sich beanspruchen.

Fazit

Für die empirische Unterrichtsforschung findet sich in dieser Studie – neben den oben beantworteten – eine Reihe von interessanten Erkenntnissen:

  • Gute Schüler können nach "jedem" unterrichteten Konzept lernen.
  • Das Design der Studie fokussierte auf mehrere Aspekte, von denen als wichtigste die Effekte der Lehrerfortbildung und die Wirkweisen von Rechtschreibkonzepten zu nennen sind. Die Untersuchung zeigt, dass es wenig sinnvoll erscheint, beide Aspekte gleichzeitig zu untersuchen. Das hat folgenden Grund: So wie manche Ergebnisse hier vermischt berichtet werden (können), werden auch Effekte von Fortbildung und Konzept vermischt und lassen sich in einer Analyse schwerlich trennen. Daher sollte für eine Untersuchung der Effekte von Lehrerfortbildungen der Kenntnisstand der beteiligten Lehrer einbezogen werden. Untersuchungen über die Wirkweise von Konzepten sollten dagegen in "Reinform" die jeweiligen Experten durchführen. Für die Lehrerfortbildung scheint es eine wichtige Bedingung zu sein, sie von erfahrenen Lehrern leiten zu lassen, die mit dem jeweiligen Konzept aus ihrer Praxis heraus vertraut sind.

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass weniger das Schreiblernkonzept für den Unterrichtserfolg von Schülern relevant ist als vielmehr der Lehrer selbst. Diese Erfahrungen werden gestützt von anderen empirischen Studien zur Unterrichtsforschung. Ähnliches gilt für die möglichen Prädiktoren auf Seiten der Kinder und weitere, hier nicht betrachtete Einflussvariabeln außerhalb des Unterrichts.

Ein interessanter Aspekt wurde bisher noch nicht erwähnt. Es handelt sich dabei um die Effekte, die bei den fortgebildeten Lehrern selbst initiiert wurden. In wieweit hat hier ein Umdenken stattgefunden? Wie sieht sich der Lehrer selbst in seiner Rolle – als Berater, Moderator, Dompteur? Wichtig ist ja immer, dass Lehrerinnen und Lehrer ihren eigenen Unterricht kritisch hinterfragen und daraus Handlungskonsequenzen ableiten. Auch hierin liegt für die Rechtschreibwerkstatt ein gutes und wichtiges Ergebnis der Studie.

Weitere Infos dazu unter: www.rechtschreib-werkstatt.de/diskussion/html/msm.html

Ansprechpartner

Graf Orthos Rechtschreibwerkstatt GmbH & Co KG
Marienstraße 33
59269 Beckum
Web: http://www.collishop.de

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