Erfolgreiche Schule geht nur zusammen mit den Eltern
Bildungsbenachteiligungen sollen reduziert und individuelle Förderung verbessert werden. Das Thema "Inklusion" steht an. All das kann Schulen nur gelingen, wenn sie enger als bisher mit Eltern zusammenarbeiten, sagt Professor Sacher in seinem Buch "Elternarbeit als Erziehungs- und Bildungspartnerschaft". Enger, das klingt so nach "mehr", nach viel Arbeit. Der Autor erklärt im Interview mit Heike Schmidt, warum sich der Aufwand lohnt. Prof. Dr. Werner Sacher hat das Thema Elternarbeit in allen Facetten erlebt und erforscht. Er war acht Jahre lang Lehrer, bevor er in Würzburg promovierte, in Bamberg habilitierte und Professuren in Kiel, Augsburg, Linz und Erlangen-Nürnberg inne hatte.
12.02.2014 Pressemeldung Klinkhardt VerlagHerr Professor Sacher, Lehrer, das ist eine Berufsgruppe, in der überdurchschnittlich oft Burnout vorkommt. Jetzt sollen sie sich auch noch mehr um die Eltern bemühen. Ist das überhaupt zu schaffen?
Werner Sacher: Arbeitsbelastung resultiert ja nicht nur aus der Quantität, sondern auch aus der Qualität der Arbeit. Lehrkräfte, die mehr als im Allgemeinen üblich mit Eltern kooperieren, müssen si-herlich einen gewissen Mehraufwand betreiben. Aber sie haben meistens auch ein besseres Verhältnis zu den Eltern, müssen weniger Konflikte durchstehen und erleben mehr Befriedigung. Das alles sind entlastende Momente, die einen Burnout weniger wahrscheinlich machen. Studien zeigen dementsprechend auch, dass verstärktes Engagement in der Eltern-arbeit zumindest mittelfristig von Lehrkräften nicht mehr als Belastung, sondern als Entlastung empfunden wird.
Eine Nebenbemerkung vielleicht noch dazu: Vielleicht sollten Lehrkräfte auch an eine Umschichtung ihrer Zeit- und Kraftressourcen denken. Oft wäre es klüger, nicht alle Energie in die Einführung der neuesten Neuen Medien und in das Aufspringen auf den allerletzten unterrichtsmethodischen Modetrend zu investieren, sondern lieber den Mut aufzubringen, auch einmal wieder mit bewährten traditionellen Methoden zu unterrichten und stattdessen die Elternarbeit zu forcieren. Dafür spräche schlicht und einfach der doppelte Wirkungsgrad, den Studien dafür in Aussicht stellen.
Der Bildungserfolg hängt doppelt so stark von Faktoren der Familie wie von Einflüssen der Schule ab. Haben Kinder aus armen Familien oder schwierigen Verhältnissen über-haupt eine Chance?
Werner Sacher: Solche Kinder haben dann eine Chance, wenn man ihren Familien zu Hilfe kommt und sie in ihrer Erziehungskompetenz stärkt und unterstützt. Der Erfolg aller schulischen und unterrichtlichen Förderbemühungen – auch zusätzlicher Maßnahmen für solche Kinder – bleibt sehr begrenzt, wenn man dies außer Acht lässt. Hier muss Bildungspolitik von Familienpolitik grundgelegt werden.
In vielen Haushalten arbeiten beide Elternteile. Kann der Elternanteil, der hier eventuell nur mehr aus ins Bett bringen und dem Wochenende besteht, überhaupt noch so schwerwiegend und gewichtig sein für den Bildungserfolg?
Werner Sacher: Die Forschung zeigt, dass es gar nicht so entscheidend ist, dass Eltern regen und intensiven Kontakt zur Schule ihrer Kinder halten, dort mitarbeiten und mitbestimmen. Viele Eltern haben dafür gar nicht die Zeit. Es kommt auch nicht darauf an, zuhause den Hilfslehrer zu spielen und sich groß in die Lernarbeit der Kinder einzumischen – auch nicht in die Hausaufgaben. Sehr viel wichtiger für den Lernerfolg der Kinder ist, dass Eltern hohe Erwartungen an sie haben und sich nicht mit jeder Leistung zufrieden geben. Natürlich sollten diese Erwartungen auch realistisch sein und nicht auf maßlose Überforderungen hinauslaufen. Vor allen Dingen aber müssen die Erwartungen der Eltern mit viel Optimismus gepaart sein, mit der Ausstrahlung von Zuversicht und Hoffnung, dass das Kind sie erfüllen kann. Außerdem sollten Eltern eine Erziehung praktizieren, welche das Geben von Liebe und Wärme, die Gewährung von Freiräumen und das Anhalten zur Selbständigkeit mit dem Bestehen auf dem Einhalten von Regeln und dem Fordern von Disziplin verbindet. Und das dritte entscheidende Element ist die Kommunikation mit dem Kind – Reden, Reden, Reden über Gott und die Welt, über alles, was das Kind und was die Eltern bewegt und interessiert, keinesfalls nur immer über die schulischen Angelegenheit des Kindes und schon gar nicht diesbezügliches bohrendes Nachfragen, sondern einfach im Gespräch bleiben, ein offenes Ohr für das Kind haben.
All dies kann auch in kleinen Zeitnischen zwischen Tür und Angel oder am Wochenende geschehen. Nach Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und des Bundesfamilienministeriums bleiben den Familien selbst bei Vollzeitbeschäftigung der Eltern und bei Ganztagsbetreuung der Kinder in Ganztagsschulen und Kindertagesstätten locker zwei bis drei Stunden Familienzeit, um sich ihren Kindern zu widmen – wenn sie nicht den eigenen Medienkonsum und ihre Selbstverwirklichung in Freizeitaktivitäten über alles stellen. Wer sich außerstande erklärt, seinen Kindern die genannte dreifache Unterstützung zu geben, der verweigert sich letztlich schlicht und einfach seiner Erzieherrolle.
Welche Änderungen sind durch Ganztagesschulen zu erwarten? Wird die Elternarbeit dadurch wichtiger oder unwichtiger?
Werner Sacher: Ganztagsschulen und andere Ganztagseinrichtungen können die Benachteiligungen von Kindern aus armen Familien und schwierigen Verhältnissen etwas ausgleichen, aber keinesfalls vollständig kompensieren. Es wäre ein gravierender Irrtum zu glauben, dort wo die Förderung der Kinder durch die Familie fehlt, könnten pädagogische Profis das Heft übernehmen und alles zum Guten wenden. Der Fördereinfluss der Familie ist nicht zu ersetzen. Die besten Ergebnisse erzielt man dort, wo die Profis sich gewissermaßen hinter die Familien klemmen und sie stärken und unterstützten, damit sie ihre Kinder bestmöglich fördern können. In Ganztagsschulen und Ganztagseinrichtungen wird somit Elternarbeit nicht überflüssig. Sie muss mindestens auf dem Niveau fortgeführt werden, auf dem sie sich auch in Halbtagseinrichtungen bewegen sollte. Die Aufgabe, den Erziehungsstil in der Schule bzw. in der Einrichtung und in der Familie aufeinander abzustimmen, wird sogar noch dringlicher.
Wie kann erfolgreiche Elternarbeit aussehen? Was ist über den obligatorischen Elternabend hinaus zu tun?
Werner Sacher: Die Akzente in der Elternarbeit müssen völlig anders gesetzt werden – weniger auf das Engagement der Eltern in der Schule (wozu viele nur sehr begrenzt Zeit haben) und viel mehr auf das richtige Engagement der Eltern zuhause (siehe Ausführungen zu Frage 3). Dazu braucht es ein breites Angebot an Elternbildungsmaßnahmen – nicht nur Vorträge über Erziehungsfragen, auch Gesprächskreise, Workshops und Trainings. Dies Angebote müssen kostenfrei sein, sonst erreicht man damit wieder einmal mehr nur die falschen Eltern. Und sie dürfen nicht diskriminierend sei, d. h. Eltern, welche die Angebote wahrnehmen, dürfen in der Schulöffentlichkeit nicht als solche wahrgenommen werden, die es wegen ihrer "Problemkinder" oder ihrer schwierigen Familienverhältnisse besonders nötig haben. Um dies zu vermeiden, sollte man solche Angebote vor allem bei Schuleintritten und bei Übergängen von der Grundschule in die verschiedenen Sekundarschulen machen. In der damit verbundenen Aufbruchsstimmung kann man leichter eine große Mehrheit der Eltern ansprechen und zur Beteiligung bewegen. Die Schule wäre natürlich überfordert, solche Angebote selbst zu machen. Aber sie sollte sie vermitteln und zusammen mit Institutionen und Personen aus der Region organisieren. Und natürlich fehlt es bisher an der Bereitstellung entsprechender Mittel.
Ist die kleine Dorfschule die ideale Umgebung für gute Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Eltern und Schülern?
Werner Sacher: Die kleine Dorfschule wäre heute nicht mehr finanzierbar. Insofern stellt sich die Frage gar nicht. Davon abgesehen, ist es auch nicht die Schulgröße, von der alles abhängt. Eine große Schule, die in sich klar strukturiert und organisiert ist, wo klare Zuständigkeiten für die verschiedenen Aufgaben (auch für Elternarbeit) bestehen und wo Lehrkräfte zeitnah und un-kompliziert erreichbar sind, bietet ebenso gute Voraussetzungen für eine effektive Zusammenarbeit von Eltern und Lehrkräften. Eine Schlüsselrolle kommt in der Sekundarstufe der Klassenlehrkraft zu, die sich als Schnittstelle zwischen den Eltern und den in der Klasse unter-richtenden Fachlehrkräften verstehen muss.
Was geben Sie Lehrern mit auf den Weg, die Eltern zunehmend als anstrengend, als Problemgruppe empfinden?
Werner Sacher: Ich rate jedenfalls dringend davon ab zu versuchen, sich diese "Problemgruppe" vom Halse zu halten. Dadurch wird ja nichts besser. Die Probleme werden lediglich in den Untergrund gedrängt und rumoren dort weiter. Man sollte stattdessen versuchen, zu den Eltern eine kooperative Beziehung auf Augenhöhe zu entwickeln. Am ehesten gelingt das, wenn man das gemeinsame Interesse an der Förderung der Kinder herausstellt. Manchmal kann man den Übereifer einiger – meist bildungsnaher und besser situierter – Eltern kanalisieren, indem man ihnen Verantwortung für die Kooperation mit jenen Eltern überträgt, die gar nichts mehr von der Schule und den Lehrkräften erwarten und die oft sogar die schweigende und passive Mehrheit darstellen.
Schlussbemerkung
Entscheidend für die gesamte Neuorientierung der Elternarbeit ist, dass Eltern und Lehrkräfte einander auf Augenhöhe begegnen und sich als gleichwertige Partner begegnen und behandeln.
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- Zum Buch Elternarbeit als Erziehungs- und Bildungspartnerschaft
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