Gutachten

G8: "Mittelstufe plus" mit vielen Minuszeichen

Unser bildungspolitischer Sprecher Thomas Gehring und Bildungsfoscher Prof. Dr. Klaus Klemm, haben das Mittelstufe-Konzept der Staatsregierung durchleuchtet. Die Experten ziehen ein ernüchterndes Fazit - Note "manghelhaft" für Spaenles "Mittelstufe plus"!

14.10.2014 Pressemeldung Bündnis 90/Die Grünen

Ministerpräsident und Kultusminister haben offensichtlich nur so lang den Dialog zum Gymnasium mit der Opposition ausgerufen, wie die CSU-Fraktion selbst nichts vorweisen konnte. Da war es gut, mit der Opposition über die Bande zu spielen, um den eigenen Laden zum Laufen zu bringen. Die Eckpunkte der CSU für die Reform des G 8 liegen nun seit Kurzem vor. Zeitgleich hat Seehofer den Gymnasialdialog für beendet erklärt. Damit will er wohl auch Kritik am CSU-Konzept ausschließen. Doch bevor das CSU-Konzept der "Mittelstufe plus" an der Praxis der Schulen vor Ort scheitern kann, scheiterte es bereits an der Verwaltungspraxis des Kultusministeriums. Aus einem Schreiben des Kultusministeriums an die Bayerischen Gymnasien geht hervor, wie das Konzept der CSU zu verstehen ist. Zum Beispiel sollen SchülerInnen nach der 7. Klasse nicht frei zwischen G8 und G9 wählen können und auch keinen Rechtsanspruch auf das G9 haben.

Die Konzeption der CSU wirft viele Fragen auf – zur schulpraktischen Umsetzung, zum Mehrwert für die SchülerInnen und zur Finanzierbarkeit. Deshalb haben wir Prof. Klaus Klemm gebeten, die "Mittelstufe plus" wissenschaftlich zu begutachten.

Zehnmal Minus für die Mittelstufe plus

  1. Organisatorische Überdifferenzierung: Die Mittelstufen an den Gymnasien sind bereits jetzt schon sehr differenziert ausgestaltet. Die Schüler wählen nach der 5. Klasse die zweite Fremdsprache, nach der siebten Jahrgangsstufen werden die verschiedenen Zweige gebildet und die Klassenverbände teilten sich erneut in unterschiedlich kombinierte Klassen auf. Nun soll die Mittelstufe nach der siebten Klasse noch weiter organisatorisch aufgespaltet werden.

  2. Übertrittsdruck: Kinder müssen mit ca. 13 Jahren erneut den Klassenverband verlassen und eine neue Übertrittsentscheidung innerhalb des Gymnasiums fällen.

  3. Zwei-Klassen-Gymnasium: Die Doppelstruktur der Mittelstufe zerteilt das G8 in ein "Gymnasium im Gymnasium" - also: leistungsstärkere und leistungsschwächere SchülerInnen oder schnellere und langsamere SchülerInnen.

  4. Sitzenbleiben im Klassenverband: Die Mittelstufe plus ohne Wahlfreiheit läuft Gefahr, das Sammelbecken für schwächere Schülerinnen und Schüler zu werden, für die es aber, ohne ein Jahr mehr Zeit für den gleichen Stoff, keine Förderung gibt.

  5. Mittlere Schieflage im Schulsystem: SchülerInnen der Mittelstufe plus erhalten den mittleren Bildungsabschluss erst nach der elften Klasse, als ein Jahr später als die Real- und MittelschülerInnen und das trotz Gymnasialempfehlung nach der vierten Klasse.

  6. Nicht flächendeckend umsetzbar: An vielen Schulen wird das Konzept nicht umzusetzen sein – besonders an kleineren Schulen auf dem Land mit zurückgehenden Schülerzahlen

  7. Keine pädagogische Reform: Der Stress und Leistungsdruck der Schülerinnen und Schüler am G8 wird nicht durch Parallelstrukturen in der Mittelstufe gelöst – die Situation wird verschlimmbessert.

  8. Erheblicher Zusatzbedarf an Lehrerstellen: Mit Blick auf die Kosten gibt es keine plausiblen Daten über mögliche Teilnehmerzahlen der Mittelstufe plus. Das Gutachten kommt mit Blick auf die 25% Teilnahmequote zu den folgenden Ergebnissen: Wenn überall im Land in der ´Mittelstufe plus` ein durchschnittlicher Klassenfrequenzwert von 26 erreicht werden kann, ist ein Stellenmehrbedarf in Höhe von etwa 750 Stellen zu erwarten. Wenn dagegen in der Hälfte der in der ´Mittelstufe plus` gebildeten Klassen ein Frequenzwert auf im Durchschnitt nur 20 realisiert werden muss, würde ein Mehrbedarf von etwa 860 Stellen entstehen. Bei einer höheren Quote sind die Kosten erheblich höher (siehe Gutachten)

  9. Mehrbedarf an Raumkapazitäten: Wenn eine für alle Klassen durchschnittliche Klassenfrequenz von 26 gehalten werden kann, erfordert dies bei einer 25% Teilnahmequote Bauausgaben in Höhe von etwa 27,4 Mio. Euro. Dies stellt eine erhebliche Belastung für Kommunen dar.

  10. Gymnasialreform in Stoiber-Manier: Ohne eine breiter angelegte Diskussion und ohne eine belastbare Erprobungsphase soll mit der ´Mittelstufe plus` eine strukturelle Veränderung des Gymnasiums erzwungen werden. In der zweijährigen Erprobungsphase während der Schuljahre 2015/16 und 2016/17 können allenfalls Erfahrungen gesammelt werden. Bildungspolitisches Fazit

Ein flächendeckender Ausbau eines neunjährigen Zweiges (neben dem Flexijahr!) wird zu organisatorischen Verwerfungen an vielen Schulen führen und die notwendige pädagogische Reform auf die lange Bank schieben. Da der Wille zur Umsetzung der Mittelstufe plus daher bei einem Teil der Verantwortlichen in Frage zu stellen ist, ist unsere Prognose: die Mittelstufe plus wird das gleiche Schicksal erleiden wird wie etwa die groß angekündigte Gelenkklasse, nämlich in der Versenkung zu verschwinden.

Angesichts dieser unübersehbaren Schwächen und den damit verbundenen zusätzlichen Ausgaben stellen wir uns gegen das CSU-Konzept. Was wir brauchen sind individuelle Lernangebote zur Ergänzung oder Vertiefung in der Mittelstufe, um bei individuellen Problemen zu helfen. Eine Reform der Lehrerbildung halten wir für dringlich. Durch weniger Vertiefung der Fachinhalte und eine verstärkte Bildung in Pädagogik, Psychologie. Eine Entschlackung der Lerninhalte und Stärkung der Methodenkompetenz ist sicher richtig. Für uns gehört auch eine Konzentration auf weniger Fächer zu einer vernünftigen Reform, denn dann ist weniger mehr, sprich: Dann kann in weniger Fächern vertiefter und nachhaltiger gelernt werden.

Wir haben einen eigenen Gesetzentwurf eingebracht, um unsere Vorstellungen für die Weiterentwicklung des Gymnasiums in Bayern zu formulieren. Wir wollen weitreichende und zeitgemäße pädagogische Reformen und mehr zeitliche Flexibilität für die einzelnen Schülerinnen und Schüler. Dazu gehören die Wiedereinführung der Leistungskurse und die Oberstufe im eigenen Takt.

http://www.gruene-fraktion-bayern.de


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