Gymnasium in Deutschland

G8 oder G9 – Mehr als ein Flickenteppich

(red) "Diese Entscheidung war wichtig, sie war vor allem auch richtig!" Die damalige niedersächsische Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) war sich im April 2008 sicher, dass die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium als Erfolg zu werten war. Es gebe bereits viele gute Erfahrungen mit dem Abitur nach 12 Jahren, erklärte sie. Schließlich hätten mittlerweile fast alle Bundesländer eine Verkürzung der Schulzeit ermöglicht. Doch ziemlich genau sechs Jahre später sieht alles ganz anders aus.

02.12.2014 Artikel
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Im März 2014 lobte ihre Nachfolgerin Frauke Heiligenstadt (SPD) mit dem gleichen Optimismus die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium in Niedersachsen: "Mit diesen Umstellungen macht sich das Land Niedersachsen auf den Weg zu einem modernen Abitur nach 13 Jahren", erklärte sie. Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte würden deutlich entlastet, gleichzeitig werde die hohe Qualität des niedersächsischen Abiturs gesichert. Das neue Gesetz soll zum Schuljahr 2015/2016 in Kraft treten. Leistungsstarken Schülern soll allerdings weiterhin die Möglichkeit geboten werden, bereits nach acht Jahren das Abitur in der Tasche zu haben.

Doch nicht nur Niedersachsen hat die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium infrage gestellt. Im grün-rot regierten Baden-Württemberg zum Beispiel ist zwar nach dem Regierungswechsel G8 weiterhin die Regel, aber an insgesamt 44 allgemeinbildenden Gymnasien können Schülerinnen und Schüler das Abitur nach neun Jahren ablegen. Bis zum Ende der Legislaturperiode im Jahre 2016 sollen allerdings keine weiteren G9-Modellschulen in diesem Schulversuch zugelassen werden. Das bestätigte Kultusminister Andreas Stoch noch einmal im Vorfeld der didacta 2014.

Auch Hessen - mittlere schwarz-grün regiert - setzt weiterhin auf G8. Doch die neue Landesregierung will die Wahlfreiheit der Schulen stärken. Gymnasien und kooperative Gesamtschulen sollen selbst entscheiden, wie lange die Zeit bis zum Abitur dauern soll. Und so bunt sieht es deswegen derzeit in Hessen aus: 67 Gymnasien und 102 kooperative Gesamtschulen bevorzugen den neunjährigen Bildungsgang, während 24 Gymnasien und neun kooperative Gesamtschulen bei G8 geblieben sind. 16 Gymnasien und zwei Gesamtschulen bieten G8 und G9 parallel an. Das rot-grün regierte Nordrhein-Westfalen hat sich für den Schulversuch "Abitur an Gymnasien nach 12 oder 13 Jahren" entschieden. 13 Gymnasien nehmen seit Beginn des Schuljahres 2011/12 daran teil. Eine Rolle rückwärts zu G9, so Schulministerin Sylvia Löhrmann, werde es aber in NRW nicht geben.

Schleswig-Holsteins neue Regierung mit einer Koalition aus SPD, Grüne und SSW setzt zwar ebenfalls weiter auf das achtjährige Gymnasium, hier können aber Gymnasien auch parallel den acht- und den neunjährigen Bildungsgang anbieten - das sogenannte Y-Modell. Vier Gymnasien arbeiten damit. Elf Gymnasien bieten ausschließlich den neunjährigen Bildungsgang an und 84 Gymnasien setzen auf das achtjährige Gymnasium.

Das Land Rheinland-Pfalz war von Beginn an zurückhaltend: Das achtjährige Gymnasium darf hier nur an Ganztagsschulen eingerichtet werden. Und das heißt: Nur 13 öffentliche und sechs private Gymnasien setzen bislang auf G8. In einigen Bundesländern allerdings ist die Rückkehr zu G9 allerdiungs kein Thema: In den neuen Bundesländern, in Berlin, in Bremen und im Saarland führen die Gymnasien im achtjährigen Bildungsgang zum Abitur. Und in ganz Deutschland gilt: Gesamtschulen, Sekundarschulen, Oberschulen, Gemeinschaftsschulen oder das Berufliche Gymnasium lassen den Schülern neun Jahre Zeit.

In Hamburg und in Bayern scheiterten in diesem Jahr Volksbegehren zur Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums. In Hamburg wird das Gymnasium also weiterhin nach acht Jahren zum Abitur führen, während die Stadtteilschule ihren Schülern neun Jahre Zeit lässt. Auch Bayern bleibt bei G8, startet aber an ausgewählten Schulen den Pilotversuch MittelstufePlus, bei dem sich die Schüler in der Mittelsstufe für ein weiteres Jahr Lernzeit entscheiden können. G8 oder G9? Diese Frage scheint noch lange nicht beantwortet und wird auch auf der didacta 2015 wieder für reichlich Diskussionsstoff sorgen.

G 8 oder G9? – Ein Überblick

Ein Hauptargument für die Umstellung auf den achtjährigen Bildungsgang war die internationale Konkurrenzfähigkeit der Jugendlichen, die durch die vergleichsweise lange Schulzeit in Deutschland geschwächt sei. Doch viele Eltern kritisierten die Einführung des verkürzten Bildungsgangs als überstürzt und konzeptlos. Sie sahen ihre Kinder übermäßig gestresst, ihnen fehlen die notwendige Zeit, auch einmal über den Tellerrand des engen Stundenplans zu gucken und persönlich zu reifen. Auch unter der Lehrerschaft wuchs die Kritik. Und schließlich wurde auch in der Politik der Ruf nach einer Umkehr immer lauter.

Bundesland Start von G8 Rückkehr zu G9
Baden-Württemberg 2004/2005 Seit 2012/2013 im Rahmen eines Schulversuchs möglich, der an 44 Modellschulen läuft.
Bayern 2004/2005 Bayern will im Pilotversuch MittelstufePlus Schülern in der Mittelstufe ein Jahr mehr Lernzeit gönnen.
Berlin 2006/2007
Brandenburg 2006/2007
Bremen 2004/2005
Hamburg 2002/2003
Hessen 2004/2005 Seit 2013/2014: Schulen sollen selbst entscheiden, wie lange die Zeit bis zum Abitur dauert.
Mecklenburg-Vorpommern 2004/2005
Niedersachsen 2004/2005 Flächendeckende Rückkehr zu G9 mit dem Schuljahr 2015/2016; Option auf G8 für leistungsstarke Schüler.
Nordrhein-Westfalen 2005/2006 2011/2012: 13 (von 630) Gymnasien im Rahmen eines Schulversuchs.
Rheinland-Pfalz erste Gymnasien starten 2008/2009 ausschließlich als Ganztagsschule
Saarland 2001/2002
Sachsen 1992
Sachsen-Anhalt 2003/2004
Schleswig-Holstein 2008/2009 Seit 2011/2012 können Gymnasien auch parallel den acht- und den neunjährigen Bildungsgang anbieten – das so genannte Y-Modell – oder sich ausschließlich für den neunjährigen Bildungsgang entscheiden bzw. beim Abitur nach acht Jahren bleiben.
Thüringen Seit 1991



Dazu auf der didacta 2015 in Hannover

Dienstag 24. Februar bis Samstag 28. Februar 2015

Das Niedersächsische Kultusministerium informiert auf einer Sonderschau über die aktuelle Bildungspolitik

Halle 15 / Stand F64

Dienstag, 24. Februar 2015

Schule in Niedersachsen: Chancen für jeden

Referentin: Frauke Heiligenstadt, Niedersächsische Kultusministerin, 14.00 bis 15.15 Uhr im Forum Bildung, Halle 16 / Stand E20

Donnerstag, 26. Februar 2015,

Leistung ja oder nein: Kein Schulfrieden in Niedersachsen?

Podiumsdiskussion mit Jan Haude, Parteivorsitzender DIE GRÜNEN Niedersachsen, Ulf Thiele, Generalsekretär CDU Niedersachsen, Stefan Politze, Fraktionssprecher für Kultus der SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, 12.30 bis 13.45 Uhr im Forum Bildung, Halle 16 / Stand E20

Rückkehr zu G9: Chance für ein neues Gymnasium?

Podiumsdiskussion mit Heiner Hoffmeister, Abteilungsleiter Niedersächsisches Kultusministerium, Horst Audritz, Vorsitzender Philologenverband Niedersachsen, Sabine Hohagen, 1. Vorsitzende Landeselternrat, Prof. Dr. Dorit Bosse, Universität Kassel, Donnerstag, 14.00-15.15 Uhr im Forum Bildung, Halle 16 / Stand E20

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