Ganztagsschule: Motor einer neuen Lernkultur
(Carina Merth/Guido Seelmann-Eggebert) Der Ausbau der Ganztagsschule in Hessen voranzubringen war das Ziel der Fachtagung mit dem Thema "Ganztagsschule und Lernkultur" des Hessischen Ganztagsschulverbands am 23. April 2015 an der Heinrich-Böll-Schule. Der Einladung zu der Konferenz in Hattersheim waren rund 350 Vertreterinnen und Vertreter aus allen Bildungsrichtungen, der Politik und der Wirtschaft gefolgt.
19.05.2015 Artikel17 Schulen der Region präsentierten ihr pädagogisches Konzept zum Thema "Lernkultur" im Rahmen einer Ausstellung. 15 Verlage und Firmen stellten sich ebenfalls im Rahmen einer Ausstellung in den Räumen der Schule vor. Hinzu gesellten sich zahlreiche Kooperationspartner für ganztägig arbeitende Schulen. Neben dem Hessischen Sportbund waren auch die Jugendfeuerwehr, der Hessische Golfverband, das Deutsche Jugendrotkreuz, die Landesschülervertretung sowie der Landeselternbeirat vertreten.
Am Biorhythmus der Schüler orientiert
In seiner Eröffnungsrede machte der Vorsitzende Guido Seelmann-Eggebert deutlich, wie wichtig der Ausbau der gebunden Ganztagsschule in Hessen ist: "Die Ganztagschule ist der Motor einer neuen Lernkultur". Im Rahmen seines Vortrags zeigte er auf, dass die neuen Zeitressourcen an zahlreichen Schule dazu führen, über eine neue Zeitstruktur nachzudenken. Eine Zeitstruktur, die den Erfordernissen einer anspruchsvollen Lernkultur entgegenkommt. "Viele Schulen haben sich bereits auf dem Weg gemacht, ein Stundenmodell zu entwickeln, das sich am Biorhythmus der Schüler orientiert und Lern- und Entspannungszeiten in den Tagesablauf integriert."
Im weiteren Verlauf seiner Rede befasste sich Seelmann-Eggebert mit den Vorteilen der gebundenen Ganztagsschule gegenüber der Halbtagsschule. Wenn die Ganztagschule als Lern und Lebensraum, aber auch als Erfahrungsraum und Kulturraum gesehen und verstanden wird, dann kann Lernen besser gelingen, in dem sie das selbstständige, selbstorganisierte und selbstverantwortete Lernen durch eigenverantwortliches Arbeiten in Ateliers, Lernbüros, Werkstätten, Bibliotheken und Computerräumen unterstützt. Indem die Ganztagsschule Unterstützungs- und Förderangebote durch Fachpersonal für differenzierte Leistungsanforderungen und besondere Herausforderungen anbietet, kann dadurch ein konstruktiver Umgang mit Fehlern durch eine hohe Selbstwirksamkeit der Lernenden ermöglicht werden.
Eine bildungspolitische Fehlentscheidung
Kritik übte der Vorsitzende an der Halbtagsschule. "Die Halbtagsschule ist eine bildungspolitische Fehlentscheidung von großer Tragweite. Sie hat neben der Dreigliedrigkeit des Bildungswesens die Chancen- und Bildungsungerechtigkeit in Deutschland verstärkt." Es ist an der Zeit, diese Bildungsungerechtigkeit wieder abzubauen, so der Referent. "Je schneller, desto wirkungsvoller, auch durch den Ausbau von rhythmisierten Ganztagsschulen." Es geht um den Abbau schulischen Scheiterns, aktive Teilhabe von Kindern aus benachteiligten Familien an gesellschaftlichen Prozessen und die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund und Handicaps. Darauf könne die Ganztagsschule besser vorbereiten als die Halbtagsschule oder weitere additive Betreuungsmodelle, verdeutlichte der Vorsitzende.
Die Ganztagsschule in Hessen – Eine Perspektive für die Zukunft
Im weiteren Verlauf seines informativen Vortrags beschäftigte sich Seelmann-Eggebert mit der Ganztagsschulentwicklung in Hessen und verwies darauf, dass die Ganztagsschule im Sinne des Hessischen Schulgesetzes als bildungspolitische und nicht nur als sozialpolitische Notwendigkeit von der regierenden Landespolitik anerkannt wird. Weiter führte er auf, dass Kultusminister Prof. Dr. Lorz in einem Interview beim Amtsantritt in der Presse mitteilen ließ, sich um die Ganztagsschulentwicklung in Hessen zu kümmern, damit mehr Kinder eine förderliche Bildung erhalten.
In den Koalitionsvereinbarungen von Schwarz-Grün in Hessen werden dazu deutliche Aussagen für die laufende Legislaturperiode gemacht, erklärte der Vorsitzende und fasste wesentliche Eckpunkte zusammen. Als Ziele werden sowohl die Verbesserung der Bildungschancen als auch die bessere Vereinbarkeit von Schule und Beruf genannt. In Hessen sei vorgesehen, bis zum Ende der Legislaturperiode einen "Pakt für den Nachmittag" gemeinsam mit den Kommunen umzusetzen. Dieser zielt darauf ab, eine Bildungs- und Betreuungsgarantie für Grundschulkinder zu verwirklichen.
Der Pakt für den Nachmittag bietet positive Ansätze durch eine deutlich verbesserte Lehrerversorgung gegenüber dem Profil 1, so Seelmann-Eggebert. Unter Umständen könne es auch zu einer verbesserten Verzahnung von Betreuungsaktivitäten und Unterricht kommen, zu einer förderlichen Kooperation von Schule und Hort in einem gemeinsamen Konzept. Der Pakt für den Nachmittag schafft jedoch keine neuen echten und rhythmisierten Ganztagsschulen, betonte der Pädagoge. Es sei zu befürchten, dass durch den Pakt das Betreuungssystem in Hessen verbessert werde aber durch die Freiwilligkeit der Angebote kein weitergehendes rhythmisiertes Konzept den Schulen erlaube.
Hessen sei im Hinblick auf echte und rhythmisierte Ganztagsschulen ein Ganztagsschulentwicklungsland. Daran trage die jetzige Landesregierung nur teilweise die Verantwortung, jene sei jedoch in der Verantwortung, dies wieder zu ändern. "Die Zukunft eines jeden Landes ist unmittelbar von der Bereitschaft abhängig, den Kindern faire und gerechte Bildungschancen bereit zu stellen", zitierte der Vorsitzende den Präsident des Didacta Verbands, Prof. Dr. Wassilios Fthenakis.
Die Position des Ganztagsschulverbands auf dem Bildungsgipfel
"Beim Bildungsgipfel sind wir vertreten!", betonte Seelman-Eggebert im Namen des Verbandes. "Wir werden dort unsere Forderungen nach deutlich mehr rhythmisierten Ganztagsschulen und teilgebundenen Modellen deutlich machen aber nicht nur für Grundschulen, sondern für alle Schulformen, die dies wünschen und beantragen."
Der Anstoß dazu müsse aber von unten, von den Schulen und Kommunen kommen. Am Ende seines Vortrags stellte der Landesvorsitzende klar: Der Ganztagsschulverband verstehe sich als Anwalt der Schulen, die ganztägig arbeiten oder ganztägig in Zukunft arbeiten wollen. Der Verband wisse um die Nöte der Schulen vor Ort, die finanzielle Probleme haben, ein attraktives Ganztagsangebot umzusetzen. Besonders die Schulen im Profil 1 leiden unter der geringen personellen Substanz. Die große Herausforderung und der damit verbundene Druck auf die Schulen dürfe nicht auf den Rücken der Lehrerinnen und Lehrer ausgetragen werden. Die Pädagogen in Hessen seien bereit, den Weg der pädagogischen Innovation hin zum ganztägigen Lernen aber auch zur Inklusion zu gehen. Dafür erwarten sie sowohl vom Land als auch von den Kommunen, dass die Schulen entsprechend ausgestattet werden. Hessen brauche daher eine verlässliche Lehrerversorgung an ganztägig arbeitenden Schulen auf der Grundlage des Konzeptes und des tatsächlichen Bedarfs.
Im Anschluss an den Vortrag des Vorsitzenden stellte Wolf Schwarz vom Hessischen Kultusministerium den "Pakt für den Nachmittag" vor. Das Konzept der Gastschule stand im Mittelpunkt der Ausarbeitungen von Schulleiter Karl Hildebrand.
Die Ganztagsschule: Es geht um das Ganze!
Noch bevor Otto Herz im Anschluss an Karl Hildebrand seine Thesen zur gelingenden Ganztagsschule preisgab, zog er die Besucher der Fachtagung durch sein freundliches Lächeln und seine humorvolle Art sofort in den Bann. Für den charismatischen Pädagogen steht die ganzheitliche Bildung des Kindes im Mittelpunkt: Vielfältig soll Bildung sein! Wenn die Ganztagsschule herauskommen will aus der Gefahr, die Verlängerung der falschen Halbtagsschule über den ganzen Tag zu werden, ist ein Umdenken erforderlich, mahnte der Referent. Seine GUTE SCHULE speist sich aus der Vielfältigkeit der Lernorte und der Lernbegleiter. Sie führt zu vielfältigen Lernergebnissen mit dem Ziel, die Lebenslagen der Schützlinge zu verbessern. Für diese Vielfalt bedarf es angemessener Formen der Prozess- und Ergebnisdokumentation sowie wertschätzender Rückmeldeformen. Mit den Worten "Schule soll das Gelingen organisieren und nicht das Misslingen dokumentieren", beendete der Redner mit Herz seinen beeindruckenden Vortrag.
Eine Reise zum Ort der Potenzialentfaltung
Im Vortrag von Herrn Jürgen Fischer begaben sich die Teilnehmer gemeinsam mit dem Referenten auf die Reise, um zu schauen, wie es Pädagogen gelingt, die Potenziale ihrer Schützlinge bestmöglich zu fördern. Die Potenziale der Kinder zu entfalten ist die primäre Aufgabe von Schule und Unterricht, so der Kasseler Pädagoge. Vor diesem Hintergrund spricht er von einer Lernkultur, die die Eigeninitiative, die Eigentätigkeit und die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler stärker in den Fokus rückt. Im Rahmen seines anschaulichen Vortrags ging er auf die Eckpunkte für das Gelingen einer offenen Lernkultur ein und zeigt zahlreiche, erprobte Beispiele aus seiner Unterrichtspraxis. Seinem interessierten Publikum gab er somit ein Materialkonzept an die Hand, um die vielfältigen Potenziale ihrer Schützlinge zu entdecken und zu fördern.
In 19 Workshops und Foren konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach einem geschmackvollen Mittagessen interessante Aspekte von Lernkultur an Ganztagsschulen kennen lernen, erörtern und diskutieren. Die Auswertung der Fachtagung zeigte ein überwältigendes Ergebnis.
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