Mittelschule in Bayern

Gravierende Mängel bei der Umsetzung

Zu überhastet und zu wenig durchdacht: Schulleiter und Lehrer bayerischer Mittelschulen sparen nicht mit Kritik an der Vorgehensweise, mit der das Kultusministerium die Weiterentwicklung der Mittelschule vorantreibt.

23.03.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Der Unmut ist an vielen Schulen groß", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München. Schulleiter und Lehrer fühlten sich wenig unterstützt. Sie und ihre Schüler seien ständigen Neuerungen ausgesetzt, die sie in Stress versetzten. "Wir sorgen uns um die Lehrer und Schüler, die jetzt auf pragmatische Lösungen angewiesen sind", betonte Wenzel. "Die Frage, ob die ständigen Veränderungen Verbesserungen mit sich bringen oder eher Schaden anrichten, spielt offenbar keine Rolle." In der Kritik stehen die neue Projektprüfung und die Neuregelung zur vertieften Berufsfeldorientierung. Für den größten Ärger sorgt im Augenblick jedoch die neue Aufnahmeprüfung in den M-Zweig. Das an sich neue Verfahren wurde in diesen Tagen abermals erneut geändert - und das Chaos ist an vielen Schulen perfekt. "Wie sollen Schulleiter Änderungen der Änderung noch vermitteln?", fragte Wenzel.

In einem vom BLLV-Landesvorstand einstimmig verabschiedeten Positionspapier heißt es, dass die Weiterführung der Hauptschulen in Mittelschulen an Rasanz zwar kaum zu übertreffen sei, die Neuerungen aber ohne Rücksicht auf den Vertrauensschutz eingeführt würden. Sie seien zudem für Lehrkräfte und Schulleitungen mit erheblichem Mehraufwand verbunden, ohne dass ein entsprechender Mehrwert zu erwarten sei. "Lehrer, Schüler und Eltern sind nicht nur verärgert, sie sind auch verunsichert", sagte Wenzel. Das schmälere die Attraktivität und das Ansehen der Schulart weiter. In dem BLLV-Positionspapier, das dem Kultusministerium bereits vorliegt, fordern die Pädagogen mehr Bedacht. "Die Konsequenzen, die die Veränderungen nach sich ziehen, müssen vorher überlegt und kommuniziert werden", so Wenzel. Für sämtliche Maßnahmen müssten die erforderlichen Rahmenbedingungen zur Verfügung gestellt werden.

Ein großes Ärgernis stellt im Augenblick die neue Aufnahmeprüfung in den M-Zweig dar: Nicht nur, dass die neue Prüfung ohne rechtliche Grundlage mitten im Schuljahr eingeführt wurde, jetzt wurde sie auch noch erneut kurzfristig verändert. Die erneuten Veränderungen bezüglich der Aufnahmeprüfungen führen zum Beispiel dazu, dass Schüler der sechsten Jahrgangsstufe die Aufnahmeprüfung in M-Kurse zwar schon absolviert haben, diese aber nun unnötig geworden ist. "Das würde bedeuten, die Lehrkräfte hätten umsonst Prüfungen abgehalten, umsonst Fragen konzipiert, Schüler umsonst Prüfungen geschrieben und Lehrer umsonst korrigiert", stellte Wenzel fest. Offen sei auch, was mit den Leistungsergebnissen nun geschehen soll. "Es gibt eine ganze Reihe solcher Unklarheiten und deswegen ist es kein Wunder, dass Lehrer inzwischen schäumen vor Wut. Schulleiter empfinden diese Vorgehensweise als unprofessionell und unkoordiniert. Sie geht zu Lasten der Schüler und Lehrer und ist den Kollegien nicht mehr zu vermitteln."

Die Kriterien für das Bestehen der Aufnahmeprüfung weichen auch erheblich von den Aufnahmeprüfungen in andere Schularten ab. Das führt dazu, dass der Wechsel in den M-Zug wesentlich erschwert wird", so Wenzel. "Der Aufwand für Erstellung, Durchführung und Korrektur der Aufnahmeprüfungen ist für die Lehrerinnen und Lehrer erheblich, die zusätzliche Belastung ohne Kompensation bringt aber keinen erkennbaren pädagogischen Nutzen", heißt es im BLLV-Positionspapier. Im Übrigen verstoße die Neuerung gegen den Vertrauensschutz: "Wenn mitten in einer Schullaufbahn die Bedingungen für Übertritte geändert werden und Informationen ihren Wert verlieren, beschädigt dies das Vertrauen und die Akzeptanz in Haupt- und Mittelschulen."

Stichwort Projektprüfung: Sie ist eine Weiterentwicklung der bisherigen praktischen, berufsorientierenden Prüfungen und der eher theoretischen AWT-Prüfung. Der BLLV begrüßt diese neue Prüfungsform ausdrücklich, denn sie stellt die Kompetenzen der Schüler in den Mittelpunkt und weist so den Weg zu einem veränderten Lern- und Leistungsverständnis. Allerdings wurden die Schüler nicht entsprechend auf die neuen Anforderungen vorbereitet. "Die Gefahr, dass sie überfordert werden, ist groß", gab Wenzel zu bedenken. Projektprüfungen verlangten außerdem projektorientierte Unterrichtsmethoden. Hinzu kommt der hohe organisatorische Aufwand: so müssen z.B. Teambesprechungen abgehalten werden oder Fachräume während der Prüfungszeit stets belegt werden. "Die Lehrkräfte brauchen Zeit zur Einarbeitung, Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln und genügend Raum für Entwicklungsprozesse. Zudem muss ausreichend Personal vorhanden sein", betonte der BLLV-Präsident.

Auch die Neukonzeption der vertieften Berufsorientierung sorgt für Ärger: War es bisher den Schulen erlaubt, regionalisierte Angebote zu konzipieren, haben sich nun die Ausschreibungsbedingungen drastisch verändert: Die Berufsorientierung wird so vereinheitlicht, sie wird bürokratisch, verkompliziert und in aller Regel auch teurer, anonymer und kommerzieller. Wenzel: "In der Summe erhöht das die Ineffizienz. Lehrerinnen und Lehrer pochen auf Weiterführung des alten und in ihren Augen bewährten Modells."

Das Positionspapier "BLLV fordert Weiterentwicklung der Mittelschule mit Bedacht" ist auf der BLLV-Homepage zu finden unter bit.ly/fm381Y und bit.ly/fHZuUb.


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