Große Defizite im Schulfach Geschichte - Keine Ahnung von Demokratie
(red/pm) Deutsche Schüler haben große Defizite im Fach Geschichte. Das belegt nach einem Bericht der Wochenzeitung DIE ZEIT eine Studie der Freien Universität Berlin. Bei der Untersuchung wurden 4600 Schüler der Klassen neun und zehn nach ihren Urteilen zur Nazi-Zeit, zur DDR sowie der alten und der wiedervereinigten Bundesrepublik befragt. Die Ergebnisse nannte der Leiter der Studie, Professor Klaus Schroeder, im Interview mit der ZEIT "schockierend".
27.06.2012 ArtikelJeder vierte Schüler glaubt laut Studie, das Nazi-Regime sei durch freie Wahlen legitimiert worden. Jeder Dritte ist davon überzeugt, es habe in der DDR freie Wahlen gegeben. Ein Viertel weiß nicht, dass es im heutigen Deutschland freie Wahlen gibt. Nur ein Teil der Schüler hält die alte Bundesrepublik für eine Demokratie. Eine große Zahl der Schüler weiß nicht, was eine Demokratie auszeichnet.
Schroeder sagte der ZEIT: "Das sind Schüler, die fast überhaupt keine politischen Kenntnisse haben. Sie identifizieren sich mit der Bundesrepublik und ihrem Leben hier, können sich aber unter Begriffen wie Meinungsfreiheit, Wahlen oder Menschenrechte nichts vorstellen."
Zudem belegt die Studie, dass Kinder von Eltern, die in der DDR aufgewachsen sind, diese positiver bewerten, als es Kinder von BRD-Eltern tun. Dies erklärte Schroeder damit, dass in den DDR-Familien historische Alltagserfahrungen von den Älteren oft positiv dargestellt werden. Auffallend war auch, dass Kinder von Migranten die DDR und das Dritte Reich im Schnitt positiver bewerteten als deutschstämmige Schüler. "Viele fasziniert zudem die Idee der Volksgemeinschaft", sagte Schroeder. Eine Ursache sieht er in dem fehlenden Wissen der Kinder über die politisch-historische Situation. Nach Ansicht von Schroeder wird das Fach Geschichte oder Sozialkunde zu wenig oder nicht gut genug unterrichtet.
Nordrhein-Westfälische Schüler am schlechtesten abgeschnitten
Für das vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, den beteiligten Bundesländern sowie dem Forschungsverbund SED-Staat finanzierte Forschungsprojekt wurden Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 9 und 10 in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befragt. In verschiedenen Untersuchungsteilen wurden das Wissen und die Urteile über den Nationalsozialismus, die DDR sowie die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung erfragt. Außerdem wurden der Einfluss von Gedenkstättenbesuchen sowie in einer Längsschnittuntersuchung die Veränderung zeitgeschichtlichen Wissens und Urteilens über den Zeitraum von eineinhalb Jahren untersucht. Dabei wurden die Jugendlichen beispielsweise gefragt, was am 8. Mai 1945 geschah oder wie die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland heißt.
Insgesamt ist das politisch-historische Wissen vieler Schüler gering, wie die Studie weiter ergab. Am besten schnitten Schüler aus Thüringen und Sachsen-Anhalt ab, am schlechtesten Schüler aus Nordrhein-Westfalen. Quer durch alle Bundesländer und Schulformen zieht sich der Befund, dass die Schüler am meisten über den Nationalsozialismus wissen, deutlich weniger dagegen über die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung sowie die DDR.
Aus diesem geringen Wissen resultiert vor allem die Unfähigkeit, zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden zu können. So ordnet nur etwa die Hälfte der Schüler den NS-Staat zweifelsfrei als Diktatur ein, in Bezug auf die DDR vermag dies sogar nur etwas mehr als ein Drittel. Die Identifikation einer Demokratie gelingt den Jugendlichen kaum besser: Nur rund die Hälfte der Befragten schätzt die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung als demokratisch ein, lediglich rund 60 Prozent halten das wiedervereinigte Deutschland für eine Demokratie.
Mehr solider Geschichtsunterricht
Zusätzlich wurde der Einfluss von Gedenkstättenbesuchen erforscht. Dabei konnte kein eindeutig positiver Effekt dieser Besuche festgestellt werden. Hauptgrund hierfür ist nach Einschätzung der Wissenschaftler die mangelnde Kontextualisierung der in den Gedenkstätten angebotenen Informationen. Hier seien vor allem die Schulen gefordert, weniger aktionistisches "Gedenkstättenhopping" zu betreiben, sondern mehr in soliden Geschichtsunterricht einschließlich Vor- und vor allem Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen zu investieren.
Die auf rund 18 Monate angelegte Längsschnittuntersuchung zeigt den Wissenschaftlern zufolge eindeutig, dass der Unterricht die entscheidende Wissensquelle für Jugendliche ist und zu einem Kenntnisgewinn führt. Auch in diesem Untersuchungsteil gingen mit höherem Wissen angemessenere Urteile einher. So konnten die Schüler beispielsweise besser einordnen, ob in einem System Meinungs- und Pressefreiheit gewährleistet waren. Aber auch hier zeigen sich befremdliche Einschätzungen, wenn etwa in der ersten Befragung rund ein Drittel der Schüler die DDR als Demokratie charakterisiert. In einer zweiten Befragung wuchs in den alten Bundesländern – nach der Behandlung im Schulunterricht – der Anteil derer, die die DDR als Demokratie einstuften, auf über 40 Prozent. Im Osten ging der Anteil der Schüler mit einem solchen Urteil nach der Behandlung im Unterreicht dagegen leicht zurück.
Als Konsequenz dieser Ergebnisse halten die Wissenschaftler eine wertorientierte Kenntnisvermittlung im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Schulunterricht dringend geboten.
Homepage Professor Klaus Schroeder
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