Halbzeit für Schwarz-Gelb

"Bis zur Halbzeit hat die schwarz-gelbe Landesregierung viele bildungspolitische Fragen nicht beantwortet", erklärt Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft VBE NRW. "Darüber hinaus neigt sie in Bezug auf drängende Fragen dazu, sich hinter Floskeln zu verstecken."

12.11.2007 Nordrhein-Westfalen Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRW

Auf nahezu alle Fragen, die der Landesregierung in Bezug auf die Weiterentwicklung der Schulen bzw. des Schulsystems gestellt werden, hört man die stereotype Antwort: "Die Koalition der Erneuerung setzt auf individuelle Förderung." Dieser Satz ist in den Landtagsdebatten inzwischen zur Phrase verkommen. Wie weiter mit der Hauptschule? Mit individueller Förderung. Wie stellt man Bildungsgerechtigkeit her? Mit individueller Förderung. Wie sichert man die Durchlässigkeit im Schulsystem? Mit individueller Förderung.

"Die Landesregierung gibt mit dieser Floskel jegliche Verantwortung an die Lehrerinnen und Lehrer ab", so Beckmann weiter. "Sie erweckt den Eindruck, alles würde gut, wenn Lehrer nur ausreichend individuell fördern. Damit führt sie eine sehr einseitige Debatte über Schulentwicklung und verdrängt die Erkenntnis, dass innere und äußere Schulreform zwei Seiten einer Medaille sind."

Lehrerinnen und Lehrer können zwar ihren Unterricht verbessern, nicht aber die Strukturen, in denen sie arbeiten. Hier hat die Politik einen Gestaltungsauftrag, den sie aber offenbar nicht wahrnehmen will.

"Der VBE fordert die Landesregierung auf, sich in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode auf diesen Gestaltungsauftrag zu besinnen", so Beckmann weiter. "Andreas Schleicher hat ihr ins Stammbuch geschrieben, dass man in den Strukturen des 19. Jahrhunderts die Kinder des 21. Jahrhunderts nicht optimal fördern und ausbilden kann."

Der VBE erkennt an, dass wir rein rechnerisch im Landesdurchschnitt mehr Lehrerinnen und Lehrer und (vielleicht) weniger Unterrichtsausfall an den Schulen haben. Darauf kann sich aber die Landesregierung nicht länger ausruhen. Es ist an der Zeit, die Probleme anzupacken, die immer drängender und von der Landesregierung offenbar verdrängt werden. Dazu gehört die Frage, welche Schulstruktur eine zukunftsweisende Antwort auf die sinkenden Schülerzahlen und den berechtigten Wunsch der Eltern nach höherwertigen Schulabschlüssen für ihre Kinder sein kann. Dazu gehört auch die Frage, wie wir in NRW den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen entkoppeln und der Chancengleichheit näher kommen können.

"Mit einem Festhalten an veralteten Begabungslehren und aus der Mottenkiste hervor gekramten Methoden wie Prognoseunterricht wird das sicher nicht gelingen", so Beckmann abschließend. "Es ist höchste Zeit, dass die Landesregierung in bildungspolitischen Fragen hinter der selbst gebauten Mauer hervor- und im 21. Jahrhundert ankommt."

Eine Umfrage der WDR-Sendung "Westpol" ergab, dass 64 Prozent der Befragten mit der Bildungspolitik der Landesregierung unzufrieden sind. Ein solches Ergebnis sollte einer Landesregierung zu denken geben.


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