Hessen leitet nächste Runde der Lehrerabwerbung ein

"Die hessische Landesregierung feiert die Abwerbung von Lehrkräften aus anderen Bundesländern als großen Erfolg und stellt heraus, dass insbesondere der Bedarf in den Mangelfächern Physik und Chemie abgedeckt wurde. Genau die Bereiche, in denen auch NRW einen hohen Bedarf hat", kritisiert der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann anlässlich der Bilanz-Pressekonferenz zur Lehrer-Werbekampagne in Hessen. "Bereits jetzt gibt es im hessischen Kultusministerium Planungen, die Abwerbung zum 1.2.2009 fortzusetzen, zu dem Zeitpunkt zu dem die frisch ausgebildeten Lehrer/innen aus den Seminaren kommen."

11.08.2008 Nordrhein-Westfalen Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRW

Fachlehrermangel

Das Land Hessen hat mit seiner Werbekampagne 234 Lehrerinnen und Lehrer mit besseren Einstellungskonditionen (Höhere Einstiegsbesoldung, deutliche Heraufsetzung der Altersgrenze für die Verbeamtung) weggelockt. Davon sind 189 Quereinsteiger. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat nichts unternommen, um diese Kolleginnen und Kollegen zu halten, obwohl sie hier dringend gebraucht werden. Beckmann: "Im Gegenteil - durch Streichung des Mangelfacherlass vom 23.6.2006 hat sie die Abwerbung von dringend benötigten Lehrkräften aus NRW noch erleichtert."

Nach Informationen des VBE wird Hessen die begonnene Abwerbung fortsetzen. Zum 1.2.2009 wird Hessen weitere 600 Vollzeitstellen unter den gleichen Konditionen wie im jetzigen Verfahren anbieten. Ein geschickt gewählter Zeitpunkt, da zu diesem nicht nur in NRW die Lehrkräfte zur Verfügung stehen, die frisch ausgebildet aus den Seminaren kommen. "Das wird in NRW den Fachlehrermangel noch mehr verschärfen, da uns dann viele originär ausgebildete Lehrkräfte verloren gehen werden. Hinzu kommt, dass Baden-Württemberg in gleicher Weise wie Hessen, in anderen Bundesländern um Lehrkräfte werben will."

Hessen will noch einen Schritt weiter gehen. Die in Hessen in der Ausbildung befindlichen Referendare sollen frühzeitig gebunden werden, in dem man ihnen bereits während der Ausbildung eine Übernahmegarantie gibt.

Zu wenig beachtet wird in der Diskussion um den Fachlehrermangel in NRW, dass die aktuell mit Fachlehrern nicht zu besetzenden Stellen nur einen Teil des Problems ausmachen. Der tatsächliche Fachlehrermangel an Haupt- und Realschulen wird dadurch verschleiert, dass ein hoher Anteil des Unterrichts fachfremd erteilt wird.

Wir haben in NRW vor allem an Haupt- und Realschulen eine deutliche Unterversorgung in Englisch, Mathematik und Physik. So wurden an den nordrhein-westfälischen Hauptschulen im Schuljahr 2007/08 insgesamt 38,2 Prozent der erteilten Unterrichtsstunden von Lehrerinnen und Lehrern erteilt, die keine Lehrbefähigung für das jeweilige Fach besitzen. In Physik wurden sogar 44 Prozent der Stunden fachfremd erteilt. Im Fach Englisch stellt sich die Situation so dar, dass der insgesamt anfallende Unterricht nur dann von Fachlehrern erteilt werden könnte, wenn fast alle Lehrer, die für das Fach Englisch ausgebildet sind, ausschließlich Englisch unterrichten würden.

Ein weiterer Grund für den hohen Fachlehrermangel besonders an Haupt- und Realschulen liegt auch darin, dass die Bezahlung und die Beförderungschancen deutlich schlechter sind als an den Gymnasien.

"Die Landesregierung ist zwingend aufgefordert, sich mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Eine Anhebung der Lehrerbesoldung und die Heraufsetzung der Altersgrenze sind längst überfällig", so Beckmann. "Wer Qualitätsentwicklung in den Schulen ganz oben auf der Agenda hat, der muss alles tun, um die entsprechende personelle und fachliche Ausstattung sicherzustellen. Davon sind wir in NRW wenige Tag vor Beginn des Schuljahres 2008/2009 noch weit entfernt."


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