Digitalpakt

Holzweg aus Bits und Bytes

Der „Digitalpakt Schule“ ist am Freitag in Kraft getreten: „Ein absoluter Holzweg der Bildungspolitik“, kritisiert Prof. Ralf Lankau vom „Bündnis für humane Bildung“. „Statt eine gesunde Entwicklung der Kinder ins Auge zu nehmen, wird einseitig auf Technik gesetzt.“

20.05.2019 Bundesweit Pressemeldung Bündnis für humane Bildung
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Im Mittelpunkt stünden die ökonomischen Interessen der IT-Industrie, die „mit einem Marketing der Angst Hard- und Software in die Schulen drücken“, so Lankau. Die fünf Milliarden Euro würden in die digitale Aufrüstung des Bildungssystems gesteckt - im Irrglauben, bereits Kinder in der Grundschule für digitale Technologie fit machen zu müssen. „Gerade auf dieser Stufe der Bildung“, so Lankau, „zählen ganz andere Ziele: emotionale Intelligenz, Impulskontrolle oder soziale Fähigkeiten.“

Das sei alles viel besser zu erreichen, wenn Technik nicht den direkten Kontakt störe, der sich täglich im Klassenzimmer zwischen Lehrern und Schülern ergibt. 

Kinder in der Grundschule brauchen keine digitalen Medien, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Im Gegenteil: „Wir brauchen in den Grundschulen und Kindergärten digitalfreie Räume, um das Übermaß medialer Reizüberflutung in den Elternhäusern zu kompensieren“, fordert Lankau. 

Dazu hat seine Organisation zum ersten Mal die aktuelle Kritik an digitaler Bildung gebündelt - und aus vier wesentlichen Perspektiven auf den Punkt gebracht. Titel: „Digitale Medien im Kreuzfeuer der Kritik“.

1. Perspektive: Es wird die individuelle Situation von Kindern beleuchtet, wenn sie zu früh mit digitalen Medien konfrontiert werden. Das kann negative Folgen für die psychische Entwicklung haben, etwa bei der emotionalen Intelligenz oder kognitiven Reifeprozessen (Impulskontrolle, Belohnungsaufschub, Suchtverhalten etc.). Daher ist eine evidenzbasierte Forschung zu fordern, um den Einfluss digitaler Technologie auf die Gesundheit der Kinder zu untersuchen.

2. Perspektive: Mit Hilfe der Neurobiologie lässt sich zeigen, wie stark digitale Medien in das Gehirn von Kindern eingreifen, indem sie u. a. suchtauslösende Impulse setzen. „Dauerhaft trainierte Muskeln vollbringen gute körperliche Leistung“. Das gilt auch für das Gehirn, das nur durch eine „größtmögliche Eigenaktivierung“ zu geistigen Leistungen in der Lage ist.

3. Perspektive: Schule ohne Überwachung. Digitale Konzepte für Unterricht kommen oft nicht aus der Pädagogik, sondern aus Kybernetik und Behaviorismus. Lernen wird zu einem mess- und steuerbaren Prozess umgedeutet, Bildung zu einer Ware, obwohl sie eigentlich an menschliches Bewusstsein gebunden ist, nicht an Medien(technik). Daher ist Lernen endlich wieder als individueller und sozialer Prozess zu verstehen.

4. Perspektive: Gesellschaftliche Dimensionen. Die moderne Daten-Ökonomie beginnt im Bildungssystem, wo sich bereits wertvolle Erkenntnisse über Schüler gewinnen lassen, etwa durch Lernprogramme, die jeden Schritt am Rechner dokumentieren (Learning Analytics). Der Mensch wird zum Datenlieferanten, das Ideal einer freien Gesellschaft mit autonomen Bürgern ist bedroht.

Prof. Lankau: „Unsere Botschaft an die Bildungspolitiker: Werft Euch  angesichts dieser fundierten Kritik nicht in den Rachen eines ökonomisch und technologisch getriebenen Hypes.“


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Ein Kommentar vorhanden

  • 21.05.2019 20:20 Uhr
    Prof. Lankau hat vollkommen Recht. Kinder brauchen Menschen zum Lernen und keine Computer.
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