In der Schule aussortiert – im Studium erfolgreich

In Deutschland fehlen trotz der hohen Arbeitslosigkeit viele qualifizierte Fachkräfte und es laufen schon wieder Anstrengungen, diese Kräfte im Ausland anzuwerben. "Wieso werden in Deutschland so viele Schüler wegen Rechtschreibproblemen in der Schule aussortiert und auf der anderen Seite qualifizierte Mitarbeiter im Ausland angeworben, die wahrscheinlich auch über keine besseren Rechtschreibkompetenzen verfügen, wenn sie dann in einem Land arbeiten, wo sie erst mal die Sprache lernen müssen. Für mich macht diese Praxis absolut keinen Sinn", so Fabian Joas, Mitglied im Bundesvorstand des BVL (Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V.).

03.08.2006 Pressemeldung

Fabian Joas ist selbst Legastheniker und hat eine Schulzeit hinter sich, die stellvertretend für viele Legastheniker sein dürfte. "Schon seit meinen ersten Schultagen versagte ich kläglich in den Bereichen Lesen und Schreiben. Egal ob Deutsch, Französisch oder Englisch, rein rechnerisch lagen meine Diktatnoten eher im Bereich zwischen 10 und 12", sagt Fabian Joas mit einem Schmunzeln. Heute kann er alles viel gelassener sehen, denn Dank des noch zur rechten Zeit in Kraft getretenen Erlasses in Bayern, konnte er 2001 sein Abitur machen. Ohne diesen Nachteilsausgleich, der ihm einen Notenschutz bei Rechtschreibleistungen sowie Zeitverlängerungen bei den Prüfungen gegeben hat, würde er heute kein Abitur haben. Sein Studium der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre läuft nun ohne jegliche Probleme, obwohl er jede Menge Literatur und Fachzeitschriften bewältigen muss. Die Nutzung des Computers ist an der Universität selbstverständlich und so kann er seine Legasthenie problemlos bewältigen.

Fabian Joas sieht das größte Problem in unseren Schulen in dem Wunsch nach "genormten" Schülern. Es stehen die Schwächen im Vordergrund und werden bewertet, anstatt die Stärken von Schülern zu sehen und darauf aufzubauen. "So verschwendet man viel Zeit, alle Schüler auf ein Durchschnittsniveau zu bringen, anstatt die vorhandenen Talente von Schülern auszubauen und sie in Berufsfelder zu führen, wo ihre Talente gebraucht werden", erklärt Joas. Fabian Joas studiert in Großbritannien und ist begeistert, wie perfekt man dort mit Legasthenikern umgeht. Mit Schulbeginn bis zum Studienabschluss nimmt man Rücksicht auf die Legasthenie und verschafft den Schülern die notwendige Unterstützung. "Ich war, als ich ein Jahr in der Oberstufe in den USA war, positiv überrascht, wie unproblematisch der Umgang mit Legasthenikern gehandhabt wurde und wie ein Nachteilsausgleich eine Selbstverständlichkeit war. Wie oft musste ich mir in Deutschland anhören, dass ich zu dumm und zu faul sei und Legasthenie nur eine Entschuldigung für Kinder, die sonst nicht die Schule schaffen", kritisiert Joas. Den Vorwurf, man würde Legasthenikern durch Nachteilsausgleiche Vorteile verschaffen, lehnt Joas mit folgender Argumentation ab: "Wenn jemand ein zu kurzes Bein hat und nur humpeln kann, hilft es auch nichts, jeden Tag das Laufen zu trainieren. Im Hundertmeterlauf wird er immer langsamer sein als die anderen in der Klasse. Logisch und gerecht ist es, diesen Schüler im Sportunterricht nicht zu bewerten oder nur in den Disziplinen, an denen er teilnehmen kann. Selbiges sollte für Legastheniker gelten, denn die Kompetenz nur an den Rechtschreibfertigkeiten zu bewerten ist überholt. Im Zeitalter von Computern, die die Rechtschreibung korrigieren, dürfen die Rechtschreibfertigkeiten nicht überbewertet werden."

Es ist an deutschen Schulen noch immer an der Tagesordnung, Legastheniker auf Schulen auszusortieren, die weit unter ihrer Begabung liegen und ihnen damit den Zugang zum Studium zu versperren. Dabei sind die meisten Legastheniker, wenn sie sich auf ihre Stärken konzentrieren können, im Studium sehr erfolgreich. Legastheniker haben in Deutschland bis heute keine Chancengleichheit. Schaut man über die Landesgrenzen hinaus, gehört Deutschland zu den Entwicklungsländern im Umgang mit Kindern mit Teilleistungsschwächen. Bildung ist gerade für Deutschland einer der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren und das Potenzial von Legasthenikern und Dyskalkulikern wird in Deutschland einfach verschenkt!

Freies Bildmaterial unter www.bvl-legasthenie.de / Rubrik Presse


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