Gastbeitrag

Inklusiv trotz Pandemie

Wie kann man Inklusion am besten umsetzen? Italien zeigt, wie inklusive Bildungssysteme funktionieren können – selbst und gerade unter Pandemiebedingungen. Gastbeitrag Heidrun Demo und Simone Seitz

17.06.2021 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • © www.pixabay.de

In Italien ist es bereits seit Jahrzehnten selbstver ständlich, dass alle Kinder, unabhängig von i Voraussetzungen, Seit den 70er Jahren lernen h die allgemeine Schule besuchen. ier alle Kinder über hrenacht Schuljahre hinweg gemeinsam in einer Klasse. Die Region Südtirol ist ein gutes Beispiel für Inklusion, denn es gibt Familien, in denen nur italienisch, deutsch oder ladinisch – ein romanischer Dialekt mit Status als Amts- und Schulsprache – gesprochen wird. Je nachdem, ob sie eine Schule ihrer Muttersprache besuchen oder nicht, benötigen Kinder einer anderen Muttersprache von Anfang an unterschiedliche Förderung. Die Inklusionsforschung untersucht die gesellschaftlichen Unterschiede und ihre Auswirkungen auf Schule und Unterricht. Auch die unterschiedlichen Lernbedingungen
aufgrund der Corona-Pandemie sind aktuell ein wichtiges Thema der Forschung.

Heidrun Demo ist Professorin für den Bereich Inklusionspädagogik und inklusive Didaktik. Sie leitet das Kompetenzzentrum für Inklusion der Freien Universität Bozen.

Besseres Lernen und höhere soziale Kompetenzen

In Italien hat sich gezeigt, dass Lehrkräfte in inklusiven Klassen vielfältige didaktische Ansätze verfolgen und kooperative Lernformen sowie unterschiedliche Methoden einsetzen. Kinder in inklusiven Klassen entwickeln besonders hohe soziale Kompetenzen. Die Erklärung hierfür ist, dass sich der Unterricht durch Inklusion verändert. Geht man davon aus, dass jede Lerngruppe heterogen ist und aus vielen Persönlichkeiten mit Vorerfahrungen und Potenzialen besteht, entwickelt sich ein Unterricht, der die Unterschiede im Lernen
berücksichtigt und zugleich das Wir-Gefühl, die soziale Zugehörigkeit, festigt. Die Schülerinnen und Schüler lernen in der Gruppe voneinander und es entsteht eine respektvolle, pädagogische Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen. Ein professioneller Umgang mit Heterogenität ist lernbar und bringt einen Innovationsschub für den Unterricht.

Simone Seitz ist Professorin für den Bereich Allgemeine Didaktik mit Schwerpunkt Inklusion und stellvertretende Leiterin des Kompetenzzentrums für Inklusion an der Freien Universität Bozen.

Mit etwas Kreativität funktioniert es

Dieses Wissen nutzte die Universität Bozen, um Konzepte für den Unterricht unter Pandemiebedingungen zu entwickeln. Bereits im Frühjahr 2020 hat das Kompetenzzentrum für Inklusion der Universität gemeinsam mit Lehrkräften Ideen entwickelt, wie Kinder trotz Fernunterricht zusammenarbeiten und sich weiterhin als Gruppe fühlen können. Dabei zeigte sich, dass Schüler/-innen sich tatsächlich in kleineren Gruppen digital via Video austauschten und zusammenarbeiteten. Lehrkräfte, deren Klassen kooperatives Arbeiten und selbstorganisiertes Lernen gewohnt waren, gelang die Umstellung zum Fernunterricht meist schnell. Während der Sommermonate 2020 bereiteten die Behörden eine mögliche zweite Phase des Online-Unterrichts mit klaren Regelungen vor. Diese räumten Schüler/-innen
mit Beeinträchtigungen das Vorrecht ein, anstelle des Online-Unterrichts Präsenzformate an den Schulen in Anspruch nehmen zu können.

Wie digitales Lernen funktioniert

Für Kinder ist Schule weit mehr als nur der Ort zum Lernen. Kinder und Jugendliche nehmen untereinander auch die Rolle von einem Peer ein. Davon ausgehend entwickelten die Lehrkräfte kreative Ideen, etwa für die gemeinsame Schulpause im Fernunterricht: Beispielsweise erzählten sich die Kinder in dieser Zeit Witze oder sie stellten sich gegenseitig Quizfragen. Eine Lehrerin aus Neapel berichtete von Frühstückspausen, einer Stunde informeller Gespräche mit ihren Schülerinnen und Schülern über das Internet. Eine andere Lehrkraft aus dem Piemont organisierte in ihrer Klasse Dreiergruppen, deren Mitglieder auch während der Online-Unterrichtsphasen täglich Kontakt hielten, miteinander telefonierten und sich gegenseitig unterstützten. So blieb trotz der räumlichen Distanz die soziale Zugehörigkeit erhalten. Außerdem zeigte sich bei der Ideenfndung, dass digitales Lernen nicht funktioniert, wenn Lehrkräfte sich auf ihre Lehrtätigkeit und den Lernstoff konzentrieren. Es zwingt die Lehrkräfte vielmehr dazu, sich auf das Lernen zu fokussieren und die Fähigkeit der Schüler/-innen zum selbstgesteuerten Lernen zu stärken. Dies regt sowohl die Lehrenden als auch die Kinder und Jugendlichen dazu an, über das Lernen nachzudenken und sich selbst zu organisieren. Auf diese Wirkung des digitalen Lernens weisen auch internationale Forschungsergebnisse hin.

Unterstützung tut Not

Es gab auch Schwierigkeiten, beispielsweise durch ungleiche Wohnbedingungen der Familien und ungünstige häusliche Lernbedingungen für manche Kinder. So machte die Forschung der Universität Bozen deutlich, dass digitales Lernen soziale Ungleichheiten verschärft, beispielsweise, weil einigen Kindern nicht die notwendigen Geräte zur Verfügung standen, oder keine stabile
Internetverbindung vorhanden war. Oder sie schafften es in ihrem häuslichen Umfeld nicht, selbstorganisiert zu lernen. Neben der technischen Ausstattung müssen Schülerinnen und Schüler begleitet und unterstützt werden, ihr Lernen selbst zu organisieren. Tragfähige pädagogische Beziehungen zwischen Lehrkräften und Kindern und Jugendlichen bilden hierfür eine zentrale
Voraussetzung.

Durch Inklusion anpassungsfähiger

Die Pandemieerfahrungen in Italien und Südtirol belegen, dass Schulen weit mehr sind als bloß Orte der Wissensvermittlung. Sie sind Orte eines vielfältigen sozialen Miteinanders und vermitteln Kindern Eigenschaften wie Selbstständigkeit und Kreativität. Inklusive Schulen nutzen und fördern diese Kompetenzen durch den Unterricht in heterogenen Gruppen besonders. Dadurch war es der gewachsenen inklusiven Schulkultur in Südtirol und Italien auch unter Pandemiebedingungen möglich, schnell neue Wege für den Unterricht zu fnden.


Weitere Informationen

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2021, S. 22-23
www.didacta-magazin.de


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Ein Kommentar vorhanden

  • 18.06.2021 17:07 Uhr
    Unterstreichen kann man sicher die Aussage, dass schulische Inklusion das soziale Lernen fördert. Ob das (mit einer üblichen räumlichen und personellen Ausstattung) auch in anderen Lernbereichen (Wissen, Kenntnisse, Zusammenhänge...) funktioniert, sei dahingestellt. Ob eine Klasse, in der die Kinder unterschiedliche Muttersprachen sprechen, in diesen anderen Lernbereichen wirklich funktioniert, waage ich zu bezweifeln.
    Weitere Frage: Wie inklusiver Unterricht den digitalen Unterricht (wg. Pandemie) besser umsetzen soll, bleibt unklar. Die Aussage, dass selbständiges Lernen beim digitalen Unterricht besonders wichtig sei, ist sicher richtig, aber warum soll das bei inkusiven Gruppen besser funktionieren als bei homogenen Lerngruppen?
    In dem Abschnitt "Unterstützung tut Not" wird dann interessanterweise dargestellt, dass Inklusionsunterricht in Verbindung mit digitalem Unbterricht gerade für sozial benachteiligten Schichten problematisch ist, weil die Medien fehlen oder keine entsprechenden Räume (zuhause) da sind oder weil die Selbstdisziplin fehlt. Dieses Problem kann man weder mit noch ohne Inklusionsunterricht lösen. Wege, um den Unterricht in Pandemiezeiten (mit Wissens- und sozialen Zielen) ist eben für alle SchülerInnen schwierig und für die Benachteiligten und Schwächeren noch viel schwieriger. Die Überschrift "Inklusiv trotz Pandemie" ist schlicht und einfach "Fake".
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