Bayern

Innovationen am G8 sind nicht in Sicht

Der doppelte Abiturjahrgang ist "abgewickelt", Ruhe wird an den nun durchgängig achtjährigen Gymnasien trotzdem nicht einkehren. So ist es trotz zahlreicher Nachbesserungen nicht gelungen, Lehrern und Schülern den schulischen Alltag zu erleichtern: Die Lehrpläne wurden nur oberflächlich verändert, es gibt kein neues Lern- und Leistungsverständnis und keine Antworten auf die steigende Heterogenität der Schülerschaft. Große Lücken klaffen beim Personal und beim Ausbau rhythmisierter Ganztagsschulen.

04.07.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Stattdessen vertröstet das Kultusministerium Schüler, Eltern und Lehrer mit Ankündigungen oder konfrontiert sie mit neuen Anweisungen. Der wachsende Bürokratismus bei gleichzeitigem Personalmangel und Unterrichtsausfällen kostet viel Nerven, er bindet auch Zeit, die den Lehrkräften zur individuellen Förderung ihrer Schüler fehlt," kritisierte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München. Zufrieden dürften einzig die Nachhilfeinstitute sein. "Sie sind die Gewinner dieser Schulpolitik." Wenzel forderte das Kultusministerium auf, Maßnahmen zur Qualitätssicherung des bayerischen Gymnasiums zu ergreifen. "Was wir vor wenigen Wochen bei der Benotung der G8-Abiturienten erleben durften, ist an Dilettantismus nicht zu übertreffen." Mit solchen Entscheidungen werde der Ruf des Gymnasiums beschädigt. Noch viel schlimmer aber sei, dass junge Menschen das Gefühl entwickeln könnten, politischer Willkür ausgesetzt zu sein.

Der BLLV-Präsident bezeichnete es als "schul- und bildungspolitischen Skandal", dass es ohne privat finanzierten Förderunterricht nur wenige Schüler bis zum Abitur schafften. Viele Eltern seien unzufrieden und besorgt, die Schüler gestresst und ausgepowert. Daran habe sich auch im Jahr sieben nach Einführung des G8 wenig geändert.

Er mache sich inzwischen große Sorgen um den Erhalt der Qualität des bayerischen Gymnasiums, betonte Wenzel und appellierte an das Kultusministerium, das achtjährige Gymnasium auf den Prüfstand zu stellen. Bekanntlich hatte das Kultusministerium nachträglich die Hürden für das Bestehen des ersten G8-Abiturs korrigiert, um eine zu hohe Zahl von Sitzenbleibern zu vermeiden. "Diese Vorgehensweise belegt, wie wenig Noten und Berechtigungen über den tatsächlichen Kompetenzerwerb junger Menschen aussagen", erklärte Wenzel. Durch die hohe Zahl von Einserabiturienten im G8 sähen sich nun die G9-Abiturienten bei der Vergabe von Studienplätzen mit Numerus Clausus benachteiligt.

Der BLLV-Präsident verlangte eine neue, zeitgemäße Ausrichtung für das bayerische Gymnasium: "Ich habe den Eindruck, alles ist beim Alten geblieben, die Schulzeit hat sich lediglich um ein Jahr verkürzt - mit allen negativen Folgen für Schüler und Lehrer." Wirkliche Innovationen könne er nicht sehen. Außerdem würden die Klagen über die unverändert hohe Belastung und Prüfungsdichte nicht abreißen. "Für individuelle Lernprozesse gibt es keine Zeit, auch nicht für Projektarbeit und andere moderne Unterrichtsmethoden." Ziel der Gymnasien müsse sein, möglichst viele Schüler für Wissen und Verständniszusammenhänge zu begeistern, sie neugierig zu machen, Talente zu fördern und Bildungshorizonte zu erweitern. Im Vordergrund sollte ein ganzheitlicher Bildungsbegriff stehen und nicht die Ansammlung von Faktenwissen. Schüler müssten dazu aber aus ihrer passiven Rolle herausgeholt und selbst aktiv werden können. Gymnasien müssten sich stärker als bisher der Entwicklung anspruchsvoller Lernarrangements öffnen. "Das kann nur gelingen, wenn die Voraussetzungen an den Schulen stimmen: Genügend Personal, kleinere Lerngruppen und ausreichend Zeit", betonte Wenzel und forderte in diesem Zusammenhang einen bedarfsgerechten Ausbau rhythmisierter Ganztagsschulen, die optimal ausgestattet sind. "Der schleppende Ausbau solcher pädagogisch sinnvoller Angebote steht den Ankündigungen aus dem Kultusministerium entgegen und einer erfolgreichen Weiterentwicklung des achtjährigen Gymnasiums im Weg."

Noch immer hat das Kultusministerium keine Antwort auf die Herausforderungen gegeben, die die steigende Heterogenität der Schülerschaft mit sich bringt: Besuchten im Jahr 1966 in Bayern 18,3% der Schüler das Gymnasium, sind es heute über 40%. "Die Vorbildung der Schüler, ihre Lernmotivation und ihr familiärer Hintergrund weichen stark voneinander ab. Bei unzumutbar großen lassenstärken und extremen Arbeitsbedingungen - es gibt Lehrkräfte, die an einem Tag über 200 Schüler unterrichten - kann auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Heranwachsenden nicht angemessen eingegangen werden. "Bei der seit Jahren mangelhaften Lehrerversorgung sind viele Schulen schon froh, wenigstens die Unterrichtsversorgung sicher stellen zu können."

Fazit: Das achtjährige Gymnasium hat sich etabliert - aber auf Kosten der Schüler, Eltern und Lehrer. Faktisch handelt es sich um die Verkürzung um ein Jahr, die Chance auf eine Neuausrichtung wurde vertan. "Spätestens jetzt sollte damit begonnen werden", forderte Wenzel und verwies auf das im Februar 2010 vorgestellte BLLV-Diskussionspapier "Aufbrechen. Gymnasium neu denken". Zu finden auf der Homepage unter gymnasium.bllv.de/diskussionspapier.


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