Umfrage

Integration junger Flüchtlinge und heterogene Schülerschaft: Schulen fordern mehr Unterstützung

Eine zunehmend heterogene Schülerschaft wird Schulen auf lange Sicht fordern, wie eine Umfrage der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung unter Lehrern und Schulleitern der Sekundarstufe I zeigt.

05.12.2016 Bundesweit Pressemeldung Gemeinnützige Hertie-Stiftung
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Zwar gibt es häufig eine übergeordnete Schulstrategie, um junge Flüchtlinge gut zu integrieren – dennoch fühlt sich jeder vierte Befragte von dieser Aufgabe überfordert. Der Wunsch nach mehr Unterstützung durch externe Akteure ist groß.

Für die Umfrage wurden online-basiert Lehrer und Schulleiter befragt, die mit ihren Schulen an Deutschlands größtem Schulwettbewerb „Starke Schule. Deutschlands beste Schulen, die zur Ausbildungsreife führen“ teilgenommen haben. Als „Starke Schule“ werden alle zwei Jahre allgemeinbildende Schulen der Sekundarstufe I – beispielsweise Gesamtschulen, Förderschulen, Hauptschulen, Realschulen – ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise für die schulische Entwicklung ihrer Schüler einsetzen. An der Umfrage haben insgesamt 102 Lehrer teilgenommen.

Heterogene Schülerschaft: übergeordnete Schulstrategie häufig vorhanden – dennoch fühlt sich jeder vierte Lehrer überfordert

Der Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft gehört aktuell zu den großen Herausforderungen an Schulen. Die Umfrage bestätigt dies: 90 Prozent der befragten Lehrer nehmen demnach eine zunehmende Heterogenität in ihrer Schülerschaft wahr.

Die Schulen nehmen sich aus Sicht der befragten Lehrer grundsätzlich der damit verbundenen Herausforderungen an. Knapp drei von vier Lehrern (74 Prozent) geben an, dass es eine übergeordnete Schulstrategie mit verschiedenen Maßnahmen gibt, um die Heterogenität in der Schulgemeinschaft zu gestalten. Demgegenüber berichten knapp 20 Prozent der Befragten, dass jeder Lehrer eine eigene Strategie verfolge, um mit der heterogenen Schülerschaft umzugehen. Trotz des offensichtlich verbreiteten Vorhandenseins einer übergeordneten Schulstrategie gibt es bei der Umsetzung Verbesserungsbedarf: Jeder vierte Lehrer (26 Prozent) erklärt, sich mit den Herausforderungen überfordert zu fühlen, an Schulen in sozialen Brennpunkten steigt dieser Wert sogar auf 35 Prozent.

„Es ist erfreulich, dass Schulen auf die Herausforderungen einer zunehmend heterogenen Schülerschaft mit strategisch fundierten Maßnahmen reagieren. Jedoch benötigen sie stärkere Unterstützung insbesondere von außen, um diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu meistern“, sagt John-Philip Hammersen, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. „Einige Schulkollegien sind sogar an ihrer Belastungsgrenze angekommen.“

Integration von jungen Flüchtlingen an Schulen: Sprachförderung und Unterstützung durch Sozialpädagogen werden überwiegend angeboten

Bei der Frage, welche Maßnahmen an Schulen bereits angeboten werden oder geplant sind, um junge Flüchtlinge an Schulen zu integrieren, steht das Thema Spracherwerb klar im Fokus. 92 Prozent der befragten Lehrer und Schulleiter geben an, dass Sprachfördermaßnahmen wie die Begleitung im Unterricht oder zusätzliche Deutsch-Stunden an ihren Schulen für junge Flüchtlinge angeboten würden. 87 Prozent der Befragten nennen die Unterstützung durch Sozialpädagogen oder Sozialarbeiter, entweder im Schulalltag, im Unterricht oder beratend, als Maßnahmen. 70 Prozent erklärten, dass an ihren Schulen Willkommens- oder Integrationsklassen vorhanden seien. Bei 22 Prozent der Befragten seien diese an ihren Schulen in Planung. Mentoren-Programme – in erster Linie Mentoring durch Mitschüler – sind an 63 Prozent der Schulen vorhanden und bei 24 Prozent in Planung.

Mehrheit der Schulen wünscht sich mehr Unterstützung durch externe Akteure – vor allem Kultusministerien sind stärker gefordert

Obwohl externe Akteure bereits viel leisten, sind sie nach Ansicht der befragten Lehrer und Schulleiter bei der Integration junger Flüchtlinge an Schulen noch stärker gefordert als bisher: 68 Prozent der Befragten geben an, dass sie sich mehr Unterstützung von außen wünschen. Die Befragten wünschen sich in relativ gleichem Ausmaß mehr Einsatz vom zuständigen Schulamt (59 Prozent), dem zuständigen Kultusministerium (57 Prozent) sowie der Kommune (56 Prozent). Doch auch andere Akteure wie die regionale Wirtschaft (24 Prozent) sowie lokale Bildungseinrichtungen (22 Prozent) und Stiftungen beziehungsweise private Akteure (22 Prozent) sind aus Sicht der Lehrer und Schulleiter gefordert.
Vergleicht man den Wunsch nach mehr Unterstützung mit der tatsächlich erhaltenen Unterstützung durch externe Akteure wird deutlich, wo der Bedarf besonders groß ist. Demnach gibt es mit Blick auf das jeweils zuständige Kultusministerium aktuell einen erhöhten Unterstützungsbedarf, ebenso bei den Kommunen. Auch die regionale Wirtschaft könnte sich demnach noch stärker bei der Integration junger Flüchtlinge an Schulen engagieren.

Erhaltene Unterstützung vs. Wunsch nach Unterstützung durch externe Akteure bei der Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher (Befragte: Schulen der Sekundarstufe I)

© Gemeinnützige Hertie-Stiftung

Bessere Verteilung von jungen Flüchtlingen an Schulen gewünscht

Auf die offen formulierte Frage, welche Maßnahmen sich Lehrer und Schulleiter von den externen Akteuren hinsichtlich der Integration junger Flüchtlinge wünschten, wird mit Blick auf das zuständige Kultusministerium vor allem der Ausbau von Lehrerstunden genannt. Auch die Reduzierung von Verwaltungsaufgaben wird häufiger angeführt. Kritisch gesehen wird zudem, dass es keine klare Regelung für die weitere Beschulung der Schüler nach Besuch der Vorbereitungsklassen gebe – die einzige Schulform, die junge Flüchtlinge beschulen müsse, sei die Hauptschule, so dass andere Schulformen sich dieser Verantwortung leichter entziehen könnten.

Auch mit Blick auf die Schulämter überwiegt der Wunsch nach mehr personellen Ressourcen. Idealerweise sollte zusätzliches Personal im Umgang mit jungen Flüchtlingen geschult sein. Auch Dolmetscher würden zum Teil noch vermehrt benötigt. Zudem wird der Wunsch geäußert, dass Jugendliche nicht nur in die Ballungsräume zugewiesen würden, „sondern in die Breite“. Dort könne in der Regel bessere Integration stattfinden, weil es weniger Kinder mit Migrationshintergrund gebe und Vereine und andere Institutionen den Schulen dabei wertvolle Unterstützung böten.

Auch an die Kommunen wird der Wunsch gerichtet, die Verteilung von jungen Flüchtlingen auf Schulen zielgerichteter mitzusteuern. Kreise und Kommunen sollten sich bei der Verteilung der Flüchtlingskinder daran orientieren, welche Schulen möglichst gut sozial aufgestellt seien, damit Integration gelingen könne.

Mit Blick auf die regionale Wirtschaft wird beispielsweise der Wunsch formuliert, dass diese das Angebot von Praktikums- und Ausbildungsplätzen speziell für junge Flüchtlinge ausweiten und sich auch bei der Finanzierung von Deutschkursen engagieren sollte.

„Die Umfrage offenbart einerseits, dass sich Lehrer von externen Akteuren neben zusätzlichen personellen Ressourcen vor allem eine verbesserte Verteilung von jungen Flüchtlingen auf Schulen beziehungsweise Schulformen wünschen. Andererseits zeigt sich auch, dass eine klarere Abgrenzung von Zuständigkeiten zwischen Kultusministerium, Schulamt und auch Kommunen nötig ist. Vielen Lehrern ist offenbar nicht klar, in welche Zuständigkeit die Verteilung junger Flüchtlinge im Einzelnen fällt“, erklärt John-Philip Hammersen.

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