"Jede Schule sollte einen Arzt engagieren"

(bikl) Prof. Dietrich Grönemeyer hat jetzt sein erstes Kinderbuch geschrieben: "Der kleine Medicus". Grönemeyer, geboren 1952, ist Inhaber des Lehrstuhls für Radiologie und Mikrotherapie der Universität Witten/Herdecke sowie Gründer und Leiter des Grönemeyer-Instituts für Mikrotherapie Bochum. Der Mediziner erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem Man of the Year (USA), Man of the Millenium (England) und den World Future Award (Hamburg). Seine Sachbücher "Mensch bleiben" und "Mein Rückenbuch" wurden Bestseller. Vor kurzem forderte der Autor Gesundheitsunterricht an Schulen. bildungsklick.de wollte von Grönemeyer wissen, wie sich Kinder für Gesundheit und Medizin begeistern lassen.

25.11.2005 Artikel

Millionen einsparen


Gerade stecken wir wieder dick in der PISA-Diskussion und die neuesten Ergebnisse zeigen, dass sich die Schüler in Sachen Lesekompetenz kaum nach vorn entwickelt haben. Hier gibt also dringenden Nachholbedarf und jetzt kommen Sie mit der Forderung nach einem neuen Fach Gesundheitsunterricht. Ist das überhaupt realistisch?

Grönemeyer: Wenn man bedenkt, dass die Schule eine Vorbereitung für das spätere Leben ist, ist das Thema Gesundheitsunterricht einfach unglaublich wichtig. Zu einem entstehen immer mehr Jobs im Gesundheitsbereich, und zum anderen ist jeder irgendwann einmal Patient. Ebenso ließen sich durch eine bessere und vor allem frühere Aufklärung eine Menge Krankheiten vermeiden. Durch entsprechende Schulprojekte würden wir Milliarden Behandlungskosten für kranke Kinder und später chronisch kranke Erwachsene einsparen. So können wir jeden Unterricht und jede Vorsorge finanzieren, ohne dass in anderen Fächern gespart werden müsste.

Spannender Unterricht


Was sollte in diesem Fach vermittelt werden? Wie der Körper funktioniert, erfahren Kinder ja irgendwann im Biologie-Unterricht.

Grönemeyer: Dieses Fach könnte in Zusammenarbeit mit den Sportlehrern auch Teil des Biologieunterrichts werden. Außerdem sollte jede Schule einen Arzt engagieren, der nicht nur die Gesundheitsvorsorge leistet, sondern die Schnittstelle zwischen Lehrern, Eltern und Sportvereinen bildet. Im Gesundheitsunterricht geht es nicht nur darum, wie der Körper funktioniert. Die Kinder sollten lernen, was der Körper braucht, und wie man damit umgeht, wenn er einmal nicht so funktioniert, wie man es gewohnt ist. Es geht also um eine Wahrnehmung dem eigenen Körper, der eigenen Gesundheit, dem eigenen Leben gegenüber. Aber durch eine rein theoretische Wissensvermittlung wird oft eine Distanz geschaffen. Ich möchte aber gerade einen spannenden Unterricht, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Spaß macht und Faszination und Interesse weckt. Am schlimmsten wäre es, wenn Gesundheit nur ein Unterrichtsstoff unter vielen anderen Fächern würde, den die Kinder büffeln und anschließend sofort wieder vergessen.

Gesundes Kochen


Gehört zu einem Gesundheitsunterricht zum Beispiel auch Kochen, ein Fach, das sich in den letzten Jahrzehnten beinahe komplett aus der Schule verabschiedet hat?

Grönemeyer: Ja, das könnte ein Teil des Gesundheitsunterrichts werden, im Hinblick auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Schön wäre es, wenn die Kinder dort auch lernen könnten, Essen zuzubereiten, selbst wieder gemeinsam mit Genuss zu essen, und nicht - wie leider allzu oft üblich - das Essen beim Fernsehen oder in einem Fastfoodrestaurant herunterzuschlingen. Das Fach gesunde Ernährung und gesundes Kochen wäre für Jungen und Mädchen gleichermaßen wichtig.

Können Sie sich Ihr Buch auch als Schullektüre, gar als Schulbuch vorstellen?

Grönemeyer: Ich selbst kann mir das schon vorzustellen – vor allem, wenn man das Prinzip anwendet, das ich im "Kleinen Medicus" vorgestellt habe: nämlich spannende Geschichte um Medizin und Gesundheit, und dann konkretes Wissen, anschaulich aufbereitet, und außerdem noch Rezepte wie Kräutertees oder Verbände, die auch von Kindern unter Anleitung durch Erwachsene zubereitet oder angelegt werden könnten.

Gemeinsam schwimmen


Sie sagen "Kinder sind die besten Gesundheitsbotschafter". Tatsächlich aber gab es noch nie so viele dicke und falsch ernährte Kinder wie heute – sind da ausschließlich die Eltern Schuld, hören sie womöglich gar nicht auf die Kinder?

Grönemeyer: Wir haben es leider mit einem generellen Problem zu tun. Stress, ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung sind ein gesellschaftliches Problem. Kinder bewegen sich im Schnitt nur noch eine Stunde am Tag und sitzen mehr als vier Stunden vor dem Fernseher oder Computer. In vielen Haushalten wird gar nicht oder kaum noch selbst gekocht. Ich bin aber überzeugt: Wenn man Kinder ganz plastisch vor Augen führt, dass es auch anders geht, und sie dafür begeistert, werden sie diese Erfahrung in die Familie einbringen und auf diesem Weg auch ein Umdenken anstoßen. Und Eltern sollten mit ihren Kindern wieder gemeinsam in einen Sportverein gehen oder gemeinsam sportlich tätig sein, z.B. regelmäßig schwimmen gehen.

Moderne Pippi Langstrumpf


Neben Nano gibt es in ihrem Buch noch eine interessante Protagonistin: Micro Minitec, die Assistentin von Dr. X. Wollten Sie damit den Mädchen Mut machen?

Grönemeyer: Ja, das war schon eine Absicht. Micro Minitec ist so eine Mischung aus Daniel Düsentrieb und Pippi Langstrumpf. Sie ist äußerst intelligent und kreativ, übrigens auch attraktiv und selbstbewusst. Ich wollte unbedingt zeigen, dass Mädchen mit Technik sehr gut umgehen können, ganz viel wissen und auf keinen Fall dümmer sind als Jungs.

Von leicht nach schwer


Omi Rosa steht in Ihrem Buch für Naturheilverfahren und Hausmittel – immer wieder findet man ihre Rezepte in dem Buch. Sollten Kinder (und Eltern) zunächst einmal auf die Natur vertrauen und der Schulmedizin mit Skepsis begegnen?

Grönemeyer: In der Medizin sollte meiner Überzeugung nach das Prinzip "von leicht nach schwer" eingehalten werden. Ich bin absolut für moderne Medikamente, wenn sie nötig sind. Eine Lungenentzündung oder vereiterte Mandeln therapieren Sie nicht mit Wadenwickeln. Aber bei einem Schnupfen muss man nicht gleich zum Arzt. Wir haben verlernt, in unseren Körper hineinzuhören, und wir wissen auch zu wenig über erprobte Hausmittel. Ich selbst stehe für ein undogmatisches Zusammenwirken der verschiedensten diagnostischen und therapeutischen Ansätze: Alle sollten voneinander lernen – zum Wohl des Patienten. Von Dogmatismen halte ich gar nichts. Aber von "leicht nach schwer" medizinisch zu behandeln, das ist die Devise der Zukunft.

Aufklärungskampagnen funktionieren nicht


Sie hätten ja einfach nur ein Sachbuch schreiben können, ein Genre, das durchaus im Kinder- und Jugendbuchbereich seinen Stellenwert hat, haben sich aber für den eher schwierigen Spagat zwischen Sachbuch und Roman entscheiden. Warum?

Grönemeyer: Kinder sind, wie Sie eben erwähnten, die besten Gesundheitsbotschafter. Sie sind offen und unverbraucht. Sie sind wissbegierig und begeisterungsfähig. Wir Erwachsene wissen meistens wenig über unseren Körper. Wir wissen ungefähr, wo die Nieren liegen, und wenn der Magen schmerzt, sagen wir: "Im Bauch tut´s weh." Viel mehr wissen wir nicht. Das kann man nur ändern, wenn man die junge Generation anspricht. Über sie können wir ein Bewusstsein schaffen für uns selbst. Kinder sollen ihre Eltern an die Hand nehmen. Das war meine Überlegung. Und ich wollte auf eine neue Art Interesse am Körper wecken. Ich habe mich also gefragt, wie man Faszination schafft. Wie man das Wunderbare, das tagtäglich in unserem Körper passiert, Kindern vermitteln kann. Aufklärungskampagnen funktionieren nicht. Und mit erhobenem Zeigefinger dazustehen und zu sagen, mach dies oder lass das, hilft auch nicht weiter. Also versuche ich es mit einer spannenden Abenteuergeschichte durch den Körper, die fasziniert, aber gleichzeitig ganz viel spannendes Wissen vermittelt.

Hat der Mediziner und Sachbuchautor Spaß am Schreiben für Kinder gefunden und wird es ein nächstes Werk für Kinder geben?

Grönemeyer: Mir selbst hat dieses neues Genre sehr viel Spaß gemacht, wenngleich es unglaublich kraft- und zeitintensiv war. Wenn mein Buch so bei Kindern und Familien ankommt, wie ich mir es wünsche, möchte ich da gern weiter machen, denn eine Fülle von Themen konnte ich in diesem ersten Buch gar nicht unterbringen.

Buchbesprechung

Eine ausführliche Rezension von "Der kleine Medicus" ist nachzulesen auf lernklick.de.

Link

Homepage "Der kleine Medicus"


Weiterführende Links

  • "Der kleine Medicus" - Softwarerezension
  • "Der kleine Medicus" - Buchrezension

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