Klassenfahrten verbinden und bilden
(ber) Klassenfahrten fördern den Gruppenzusammenhalt. Dass Reisen auch bildet, ist ebenfalls eine bekannte Tatsache.
16.08.2005 ArtikelMr. Date ist kein bisschen müde. Und das, obwohl der englische Lehrer mit seiner Schulgruppe gerade 20 Stunden im Bus verbracht hat. So lange dauert es, von Aylesbury in Großbritannien bis nach Berlin. Date unternimmt diese Reise zum fünften Mal, immer mit einem Geschichtskurs und immer zum Thema Holocaust. „Das kann man am besten vermitteln, wenn man vor Ort ist“, meint er. Deshalb stehen auf der fünftägigen Reise auch Krakau und Auschwitz auf dem Programm.
Dass Reisen bildet, ist keine neue Erkenntnis. Wären in den letzten Jahren nicht immer mehr Lehrer der Schulreisemüdigkeit verfallen, hätte es wohl auch niemand für nötig befunden, dies wissenschaftlich zu begründen. Doch seit einigen Jahren fahren Lehrer nicht mehr selbstverständlich einmal jährlich mit ihren Schülern ins Landschulheim. Die Gründe sind mannigfaltig: Viele Lehrkräfte fühlen sich überfordert von der Gruppendynamik, haben keine Lust auf Überstunden und schon gar nicht auf die Verantwortung, 24 Stunden am Tag eine Horde Pubertierender unter Kontrolle zu halten. Dazu kommt, dass Lehrer immer häufiger für die Teilnahme an der Klassenfahrt selber bezahlen müssen, wie etwa in Mecklenburg-Vorpommern.
Lernen an neuen Orten
Teils aus Sorge um die ausbleibende Klientel, teils aus pädagogischen Gründen trafen im Februar diesen Jahres Vertreter des Deutschen Jugendherbergswerks, des Bundeselternrats und des Verbands Deutscher Schullandheime in Hannover zu einer Fachtagung zusammen, die sich mit der Ganzheitlichkeit des Lernens und der Bedeutung von Klassenfahrten im Schulalltag beschäftigte. Eine Kernaussage: „Neue Lernorte bieten neue Lernchancen.“ Durch Arbeit, Sport und Spiel, Anspannung und Entspannung könnten neue Fähigkeiten entdeckt und neue Lernmöglichkeiten bewusst entwickelt werden.
Unter den Gastrednern war auch Michael Krüger, deutscher Koordinator der OECD-Lehrerstudie. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Reform der Lehrerausbildung und das Thema Ganzheitlicher Unterricht. „Das Lernen soll auch außerhalb der Schule stattfinden“, so der Ministerialrat im Hessischen Kultusministerium. Ganzheitliches Lernen komme häufig erst auf Klassenfahrten zu Stande. „Hinderlich ist heute die starke Verfächerung. Jeder Lehrer definiert sich über einzelne Fächer, und die Schüler sind fixiert auf Schulnoten.“ All das werde aufgehoben, wenn Lehrende und Schüler zusammen auf Reisen gingen. Künftig sollen deshalb bereits bei der Lehrerausbildung Klassenfahrten und projektbezogenes Lernen eine wichtige Rolle spielen. Das Zauberwort heißt fachübergreifender Unterricht. Am schleswig-holsteinischen Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen gibt es bereits ein entsprechendes Fortbildungsangebot. Titel: „Erlebnispädagogische Gestaltung von Klassenfahrten“. Auch andere Landesinstitute für Pädagogik, etwa in Hessen, wollen künftig ähnliche Seminare anbieten.
Ab dem kommenden Schuljahr sollen Schulen, hofft Krüger, verstärkt in die Lage versetzt werden, Lehrer auf Reisen zu schicken. Dann greift erstmals das neue Gesetz, das Schulen einen eigenen Etat zuspricht. „Das Geld kann für verschiedenen Zwecke genutzt werden, u.a. auch für Landschulaufenthalte.“ Natürlich komme es vor allem auf das Engagement der Lehrer an, denn längst nicht immer sei die Ursache für den Wegfall von Klassenfahrten ausschließlich im Finanziellen zu suchen. „Wir müssen“, so der Bildungsexperte, „die Pädagogen motivieren und ihnen die Vorteile einer Klassenfahrt vor Augen führen.“
Unterstützung durch Spezialreiseanbieter
Um Lehrenden und Lernenden das Reisen so angenehm wie möglich zu machen, gibt es eine Vielzahl von Reiseveranstaltern, die sich auf Klassenfahrten spezialisiert haben. Größter Anbieter ist immer noch das Deutsche Jugendherbergswerk e.V. (DJH): 4,3 Millionen Schüler nächtigten 2004 in den Häusern des DJH, was einem Anteil von 43% aller Übernachtungsgäste entspricht. Vor 20 Jahren waren es noch 5 Millionen Schüler, die 49% aller Jugendherbergsbesucher stellten. „Die Aufenthalte werden immer kürzer“, sorgt sich Knut Dinter, Pressesprecher des Verbands. Er vermutet, dass auch das hohe Alter vieler Lehrkräfte eine Ursache für die Reisemüdigkeit ist. Viele Lehrer wollen genau wissen, was sie vor Ort unternehmen könnten – „ihnen machen wir Vorschläge“. Der vor 30 Jahren übliche Landschulaufenthalt am Badesee sei heute undenkbar. Immer häufiger buchen Schulklassen ihre Reise als Komplettarrangement. So gibt es organisierte Paddeltouren, Städtereisen oder auch Auslandsaufenthalte. Der Berliner Veranstalter Zugvogel e.V. etwa bietet viertägige Survival-Touren inklusive Floßbauen für Schulklassen an. Abenteuerpädagogen betreuen die Gruppe während der Aktivitäten, die Lehrer nehmen teil, jedoch ohne selber viel mitzugestalten. Die pädagogische Arbeit der Reiseanbieter muss von den Eltern bezahlt werden – und das ist keineswegs billig.
Erfolgsfaktor Teamteaching
„Wenn Lehrer die pädagogische Verantwortung abgeben, wird’s kritisch“, meint Wilfried Steinert, Vorsitzender des Bundeselternrats: „Lehrer müssen in die Vorbereitung und Durchführung miteinbezogen werden.“ Teamteaching heißt das im Fachjargon, will heißen: Der Lehrer lernt selber noch etwas dazu. Trotzdem sieht Steinert das interessenspezifische Angebot der Reiseveranstalter eher positiv.
„An der Finanzierung darf allerdings kein Schüler scheitern“, so der Schulleiter einer Waldorfschule im brandenburgischen Templin. Die ersten Klassen seiner Schule gehen sogar schon vor der Einschulung auf Klassenfahrt: „Da herrscht hinterher ein tolles Gruppenklima in der Klasse; deshalb haben wir diese Reisen in unser Schulprogramm aufgenommen.“ Die Lehrer würden die Schüler ganzheitlich wahrnehmen und die Kinder erfahren häufig zum ersten Mal, wie es ist, sich in einer Gruppe zu bewegen. „Eine Herausforderung sind Klassenfahrten für Lehrer alle Mal“, so Steinert, und Date, der reisefreudige englische Lehrer, pflichtet ihm bei: „In Berlin sind die Kneipen 24 Stunden am Tag offen. Deshalb übernachten wir weit draußen am Wannsee.“
Fazit
Klassenfahrten haben bei Lehrkräften in den letzten Jahren aus verschiedenen Gründen an Attraktivität eingebüßt. Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrende und das Angebot von Spezialreiseanbietern sorgen derzeit dafür, dass die Fahrten wieder beliebter werden. Einen weiteren Schub soll die ganzheitliche Lernform durch die neuen Schuletats erhalten.
Ansprechpartner
DJH
Deutsches Jugendherbergswerk e.V.
Leonardi-da-Vinci-Weg 1, 32760 Detmold
Telefon: 0 52 31-7 40 10
DJH
Bundeselternrat e.V.
Albert-Buchmann-Straße 15,
16515 Oranienburg Telefon: 0 33 01-57 55-37
Bundeselternrat
Zugvogel e.V.
Jablonskistraße 35,
10405 Berlin
Telefon: 030-47 37 43 69
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