Kultur der Leistungsmotivation statt Kultur des Scheiterns

"Die soziale Sprengkraft deutscher Bildungspolitik wird noch immer kaum wahrgenommen", stellte heute in Berlin der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Ludwig Eckinger auf dem Bildungspolitischen Symposium von VBE und Arbeitskreis Hauptschule fest. Die Veranstaltung hatte das Thema "Integrieren – Fördern – Differenzieren. Impulse für die Neugestaltung der Sekundarstufe I".

16.09.2004 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung e.V. (VBE)

"Die Sekundarstufe I ist das Feld", so Eckinger, "auf dem sich erweisen wird, ob die schönen Worte vom Qualitätssteigerungsprozess im deutschen Bildungssystem Realität werden." Bislang verfestige das System die sozial unterschiedlichen Ausgangslagen und untergrabe damit den Auftrag zu Bildungsgerechtigkeit. "Die Durchlässigkeit des Schulsystems ist fatalerweise eine Rutschbahn und wirkt sich deshalb besonders verheerend für Kinder aus bildungsfernen Schichten und Migrantenfamilien aus." Die gesellschaftlichen Folgen seien eine halbe Million schulmüder Schüler, ein ungebrochener Zuwachs von Kindern und Jugendlichen an Sonderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen und zehn Prozent Schulabgänger ohne Abschluss und ohne berufliche Chance. Der Vorsitzende des Arbeitskreises Hauptschule Dietmar J. Bronder plädierte für eine "tabulose Debatte" über die Entwicklung der Sekundarstufe I. Alle bisherigen Reformbemühungen seien Flickwerk geblieben. "Nirgendwo konnte die Hauptschule ihren Part als ´Haupt´-Schule sichern. 30 Jahre wissenschaftliche Begleitung der Hauptschule zeigen, dass die Schulreform der 60er Jahre und mit ihr die gegliederte Sekundarstufe I grandios gescheitert sind. "

"Wir müssen der Kultur des Scheiterns eine Kultur der Leistungsmotivation entgegensetzen", unterstrichen die Vorsitzenden von VBE und AKH. "Alle Kinder und Jugendlichen haben ein Recht, durch die Schule gefordert und gefördert zu werden – in kognitiver, sozialer und emotionaler Hinsicht. Wir kommen also nicht weiter, wenn die Schüler noch ´zielgenauer´ als jetzt für die weiterführenden Schulen aussortiert werden. Das verschärft die Situation an den Pflichtschulen noch weiter."

Eckinger kritisierte in diesem Zusammenhang die von der KMK vorgelegten schulformabhängigen Bildungsstandards als "modisch-modern verbrämte Leistungsstandards" und sprach sich für schulformübergreifende Mindeststandards aus. "Vor einer Klassifizierung der Schülerinnen und Schüler durch Bildungsstandards müssen wir auf der Hut sein. Das ist genau die Kleinkariertheit und Ignoranz, die Deutschland nur in einem groß gemacht hat, in der Mittelmäßigkeit der Schülerleistungen."

Der VBE-Bundesvorsitzende sieht "im Zusammenspiel von Fordern und Fördern eine wesentliche Grundlage für die Zukunftsfähigkeit des Bildungssystems". "Die Zielperspektive muss darin bestehen, in den Schulen eine Diagnose-, Förder- und Evaluationskultur zu etablieren." Darauf müsse auch endlich die Lehrerbildung ausgerichtet werden, so Eckinger.


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