Lehrer müssen auf Sponsorensuche gehen
Schullandheimaufenthalte gelten als "pädagogisch wertvoll", ihre positiven Auswirkungen auf die Schüler werden von niemandem in Zweifel gezogen - wenn es aber um die dafür nötigen finanziellen Mittel und die erforderlichen organisatorischen Voraussetzungen geht, schaut es anders aus: Schulleitungen und Lehrkräfte werden im Stich gelassen.
14.06.2012 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.Weil das bereitgestellte Geld nicht ausreicht, sind sie gezwungen, Geld vorzustrecken, Kosten zu übernehmen oder auf eigene Faust Sponsoren zu suchen, wenn sie mit ihren Klassen Schullandheime besuchen wollen. "Das ist eine Zumutung", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München. Es könne nicht angehen, dass das zur Verfügung stehende Schulbudget grundsätzlich durch Spenden zu erhöhen sei, diese Einnahmen an die jeweiligen Regierungen abgeführt werden müssten, damit diese dann die Beträge wieder den Schulen zuweisen würden - so will es jedenfalls das Kultusministerium. "Das Vorgehen ist auch rechtlich problematisch und überbürokratisch." Einmal mehr zeige sich, wie sehr sich Rhetorik und Schulwirklichkeit voneinander unterscheiden. Wenzel forderte das Kultusministerium auf, den Fördertopf aufzustocken. Derzeit stehen den etwa 5000 Schulen in Bayern für Schullandheimaufenthalte pro Jahr 6 Mio. Euro zur Verfügung.
"Eigentlich handelt es sich um eine Zumutung in dreifacher Hinsicht", kritisierte Wenzel. "Erstens ist die Mittelzuweisung beschämend gering. Zweitens fordert das Kultusministerium die Schulleitungen unverblümt dazu auf, vor Reiseantritt auf Sponsorensuche zu gehen. Drittens sollen sogenannte "Freiplätze", sie sind eigentlich für notleidende Kinder gedacht, den Lehrkräften zur Verfügung gestellt werden, um so Geld einzusparen, was aus Sicht der BLLV-Rechtsabteilung als "rechtlich höchst fragwürdig" anzusehen ist.
Das Kultusministerium argumentiert, mit dieser Vorgehensweise die "Eigenverantwortung der Schulen stärken" und die "Schulgemeinschaft unterstützen" zu wollen. "Das empfinden viele Schulleiter als Missachtung und Hohn", stellte Wenzel fest. Den Schulleitungen würden Aufgaben im Sinne der Eigenverantwortung übertragen, die sie niemals befriedigend lösen könnten. "Hier zeigt sich, welchen Wert Schullandheimaufenthalte für das Kultusministerium tatsächlich haben." Es sei nicht nachzuvollziehen, warum von Schulleiterinnen und -leitern verlangt werde, für eine Sache betteln gehen zu müssen, die ganz klar Aufgabe der Bayerischen Staatsregierung sei, nämlich Kindern und Jugendlichen pädagogisch sinnvolle und überaus notwendige Schullandheimaufenthalte zu ermöglichen. Stattdessen müssten sich Lehrer wie Schulleiter mit vielen weiteren Problemen herumschlagen, die, wenn sie nicht so ernst wären, kurios erscheinen könnten:
Immer wieder treten z.B. Probleme auf, wenn ein Schullandheimaufenthalt kurzfristig abgesagt werden muss oder wenn zu klären ist, wer die Kosten einer Reiseausfallversicherung übernimmt. "Nicht selten übernehmen Lehrerinnen und Lehrer die anfallenden Beträge aus ihrer Privatschatulle", berichtete Wenzel. Aus dem Kultusministerium heißt es dazu lapidar: "Im Zuge der Übertragung der Entscheidungsbefugnis für die Zusammenstellung des Fahrtenprogrammes wird auch die Verwaltung des für die Begleitlehrkräfte zur Verfügung stehenden Reisekostenbudgets auf die Schulen übertragen."
Oftmals fehle das Geld für eine zweite Begleitperson. "Die Lehrkräfte sind dann gezwungen, Spenden einzusammeln oder tatsächlich Sponsoren zu suchen, so wie es das Kultusministerium offen anregt: "Eine Aufstockung des jeweiligen Schulbudgets (gemeint sind hier nur Reisekosten der Lehrkräfte) soll grundsätzlich durch Spenden eines Fördervereins der Schule, des Elternbeirats oder sonstiger Dritter ermöglicht werden." Und weiter: "Diese Einnahmen werden durch einen Haushaltsvermerk die Aufgabenbefugnis beim jew. Reisekostenansatz erhöhen. Die Vereinnahmung erfolgt durch die Regierung … Anschließend werden die vereinnahmten Mittel dem Reisekostenbudget der begünstigten Schule zugewiesen." Wenn genügend Geld zusammenkommt, springen i. d. R. Lehramtsstudierende ein und fahren mit. Kommt das Geld nicht zusammen, fällt die Fahrt aus, es sei denn, auch dieser Betrag wird von der Lehrkraft "vorfinanziert" - ohne genau zu wissen, ob das Geld erstattet wird, denn die Abrechnungen erfolgen erst zum Jahresende und verbindliche Kostenzusagen gibt es nicht.
"Die finanziellen Unwägbarkeiten lassen verständlicherweise viele Lehrkräfte davor zurückschrecken, überhaupt eine solche Klassenfahrt anzutreten", sagte der BLLV-Präsident, der inzwischen eine ganze Reihe von E-Mails verärgerter Lehrkräfte und Schulleiter bekommen hat. "Die meisten würden sehr gerne Schullandheimfahrten durchführen und sehen Notwendigkeit und pädagogischen Mehrwert, scheuen sich aber wegen des zeitlichen und organisatorischen Aufwandes sowie des finanziellen Risikos davor. Sie fühlen sich zu Recht im Stich gelassen. Im Grunde genommen wird Verantwortung auf die Schulen abgewälzt und möglichst kostengünstig kalkuliert. Die Folge: Immer weniger Kinder und Jugendliche erleben solche Fahrten." Mehr Infos unter bit.ly/GTY6Iz.
Die Schullandheimbewegung ging Ende der 1950er Jahre aus dem BLLV hervor. Heute leitet der Dachverband Bayerisches Schullandheimwerk (BSHW) in sechs Regionalvereinen und an derzeit angeschlossenen 34 Schullandheimen die Geschicke. Die Angebote sind vielfältig: Sie reichen von aktuellen Umweltthemen über mathematisch-naturwissenschaftliche Projekte, Sport, Gesundheitserziehung, Theaterpädagogik, Musische Bildung, Verkehrserziehung, Berufsorientierung und Wertevermittlung bis hin zu Programmen der Teamentwicklung und Förderung von Lebenskompetenzen. Geplant sind Philosophie- und Sprachkurse. Zu den Gütekriterien zählen u. a. ländliche Lage mit Zugang zur Natur und der Möglichkeit zu Spiel und Sport, ein eigener Unterrichtsraum je Klasse, weitere Fachräume und die Orientierung am schulischen Lehrplan.
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