Lehrer nach PISA in der Krise
(bikl) "PISA hat offenbar einer ganzen Berufsgruppe den Schneid abgekauft. Leistungsstarke Schüler brauchen aber starke Lehrer!" Professor Dr. Matthias Rath (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg) ist gemeinsam mit seiner Kollegin Professorin Dr. Gudrun Marci-Boehncke der Frage nachgegangen "Wer ist schuld an der neuen deutschen Bildungskrise seit PISA – Lehrer, Eltern, Schüler, Politiker? Und was hat das Selbstbild der Lehrer damit zu tun?"." Erste Ergebnisse haben die beiden Teammitglieder des Forschungsprojekts "Ravensburger Jugend-Medienstudien" heute auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt.
17.03.2005 ArtikelProfessorin Dr. Gudrun Marci-Boehncke und Professor Dr. Matthias Rath (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg) untersuchten in einer Umfrage unter 113 Lehrerinnen und Lehrern an baden-württembergischen Grund-, Haupt-, Realschulen und Gymnasien die aktuelle Selbsteinschätzung der Pädagogen. Das frappierende Ergebnis: Die Lehrer unterschätzen sich selbst. Das Fazit der beiden Forscher: Nicht das Bildungssystem an sich stecke in einer Wertekrise, sondern die Selbstwahrnehmung der Lehrerinnen und Lehrer an deutschen Schulen müsse gestärkt werden.
Durchschnittsnote 4,6
Unabhängig von ihrem Geschlecht, Alter, Schulart oder Unterrichtsfach schätzten die Befragten das öffentliche Image von Lehrern sehr schlecht ein. Sie erteilten die Durchschnittsnote 4,6 auf einer Skala von 1 bis 6 für die vermutete Bürgermeinung, wobei 65 % von ihnen die Note 5 oder 6 unterstellen. Durchaus anerkannt fühlen sich die Pädagogen aber ganz individuell von den Eltern ihrer eigenen Schüler (Note 2,45).
42,5 % derjenigen Lehrer, die in Gewerkschaften und Interessenvertretungen organisiert sind, betrachten vor allem die Bildungspolitiker als verantwortlich für die problematische Bildungssituation in Deutschland. Bei den nicht-organisierten Lehrern meinen dies nur 15,8 %. In dieser Gruppe sehen wiederum 47 % die Ursache der Bildungsmisere bei den Eltern der Schüler. Dieser Meinung schließen sich nur 23,4 % der organisierten Lehrkräfte an.
Burn-out kein Thema
Die meisten der befragten Lehrer (63,9 %) sind mit ihrer Berufswahl zufrieden und würden heute wieder in den Schuldienst gehen (Durchschnittsnote 2 für Zufriedenheit). Entgegen der häufig formulierten öffentlichen Meinung empfinden 70 % keine Resignation oder Burn-out-Gefahr.
Bezahlung: gut
Die Bezahlung von Lehrern in Deutschland wird von 80 % der befragten Pädagogen als "sehr gut" oder "gut" beurteilt. Im Vergleich mit anderen EU-Ländern werden die finanziellen Rahmenbedingungen als günstig betrachtet (Note 2,3), während vermutet wird, dass die gesellschaftliche Anerkennung des Lehrerberufsstandes in Deutschland wesentlich schlechter ist als in den anderen Staaten (Note 4,5). Die Qualität der Bildungsdiskussion beurteilen die befragten Lehrer mit Durchschnittsnote 4,5 eher niedrig. 90 % geben den Beiträgen von Politikern zum Thema eine Note 5 oder 6.
Bürger: Politiker sind schuld
Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die von den Forschern zitierten Zahlen des aktuellen "Bildungsbarometers" des Zentrums für empirisch-pädagogische Forschung der Universität Koblenz-Landau. Eine repräsentative Befragung der bundesdeutschen Bevölkerung ergab demnach: Die Mehrheit der Bundesbürger (52 %) nennt als hauptverantwortlich für die Bildungsmisere die Politik. Lediglich 9 % der Befragten sieht die Lehrer als Verursacher an.
"Nur selbstbewusste Lehrer machen selbstbewusste Schüler!"
"Diese Ergebnisse zeigen uns deutlich, dass wir keine Wertekrise der Bildung haben, sondern eine Krise der Selbstbewertung der Lehrer," erklärt der Ethiker Professor Rath. Dazu die Deutsch-Didakterin Professorin Marci-Boehncke: "Dies ist fatal, da nichts geht, wenn die Lehrerinnen und Lehrer nicht überzeugt sind, dass vor allem sie selbst bei ihren Schülern Bildungshunger wecken und erhalten müssen. Nur selbstbewusste Lehrer machen selbstbewusste Schüler!"
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