Neuerdings auch „Bock auf Buch“

(pf) Mädchen lesen lieber statt zu computern, entdeckte die Genderforschung Ende der 1990er-Jahre und startete daraufhin Initiativen für mädchengerechten Technik- und Computerunterricht. Gerade beginnen diese Bemühungen erste Früchte zu tragen, da taucht als Kehrseite der Medaille ein neues Problem auf. Die heranwachsenden Jungen haben keine Lust auf Bücher und sitzen dafür jeden Tag mehrere Stunden vor dem Computer. Inzwischen können viele männliche Schulabgänger nur noch ungenügend lesen und schreiben. Kreative Lösungsansätze sind gefragt.

19.04.2006 Artikel
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Im Gruppenraum Nummer fünf eines Stuttgarter Waldheims herrscht Hochbetrieb. Zwischen gemütlichen Sesseln und einer ausrangierten Matratze stehen 15 halbwüchsige Jungs in Fußballtrikots, alle in einer Reihe hintereinander, mit schwarzen Taschenbüchern in den Händen. Titel: „Die wilden Fußball-Kerle“, ein Jugendbuchbestseller aus der Feder von Joachim Masannek. Zum Abschluss des Ferienprogramms veranstaltet die Projektgruppe „Kicken & Lesen“ mit diesem Buch noch einmal ihre Lieblingsübung, ein so genanntes Kettenlesen. Jeder aus dem Team liest dabei einen kurzen Abschnitt aus der spannenden Fußball-Geschichte laut vor – eine witzige Übung, die dem „Team“ sichtlich Spaß macht. Die Jungen, fast alle notorische Leseverweigerer im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren, sind konzentriert bei der Sache. Kaum einer stockt oder stottert, wenn er mit Vorlesen dran ist, und das, obwohl die meisten noch nie freiwillig ein ganzes Buch gelesen haben.

Erst toben, dann lesen

Als sie das letzte Kapitel des immerhin 160 Seiten langen Romans gemeinsam bewältigt haben, klatschen sich 15 coole, aber auch unheimlich stolze Jungs gegenseitig nach Fußballer-Manier ab, so wie sie es nur knapp eine halbe Stunde zuvor auf dem Kickplatz draußen gemacht haben. Dort hat die Waldheim-Gruppe „Kicken & Lesen“ unter sachkundiger Anleitung fast den ganzen Vormittag gedribbelt, gestürmt und gegrätscht, „sich ausagiert“, wie die Pädagogen sagen.

Nur nach genügend körperlicher Bewegung könne sich die nötige Konzentration für die Lektüre eines Buches einstellen und pubertierenden Lesemuffeln das geschriebene Wort schmackhaft machen. Dieser Meinung ist Studiendirektorin Margrit Wienholz vom Landesinstitut für Schulentwicklung, und darum hat sie im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2006 das Projekt „Kicken & Lesen“ ins Leben gerufen – als von der Landesstiftung gefördertes Modellprojekt, dem weitere Initiativen ähnlicher Art folgen sollen.

„Die Probleme mit dem Lesen beginnen spätestens mit der Pubertät“, erklärt die Pädagogin ihr Konzept. „Das weist eindeutig darauf hin, dass Lesen die Jungs gerade im Bewegungsdrang des körperlichen Umbruchs nicht anspricht. Ein Junge sitzt den ganzen Vormittag in der Schule, danach sitzt er wenigstens noch zwei bis drei Stunden am Computer. Er kann also gar nicht mehr lesen, weil er ansonsten ja wieder stillsitzen müsste.“ So kommt es, dass der männliche Durchschnittsleser zwischen 12 und 14 Jahren der täglichen Lektüre gerade noch zwei Minuten widmet. Die Lesekompetenz leidet darunter ebenso wie die verbale Ausdrucksfähigkeit, was eine immer noch größere Leseunlust nach sich zieht.

Begeisterte Reaktionen

„Kicken & Lesen“ will diesen Teufelskreis aufbrechen: Zum einen mit Themen, die für Jungen in der Pubertät wirklich interessant sind, also in erster Linie alles ums runde Leder: Spielberichte, Biografien oder auch mal ein Fußball-Krimi. Zum anderen entspricht „Kicken & Lesen“ mit täglichem Fußballtraining und -spielen auch dem Bewegungsbedürfnis der halbwüchsigen Leser. „Wenn die Jungs nach dem Kicken richtig ausgetobt sind“, hat Wienholz beobachtet, „lassen sie sich auch davon überzeugen, dass Lesen Spaß machen kann.“

Tatsächlich sind die Reaktionen nach zwei Wochen Waldheim durchweg positiv. „Ich fand’s richtig gut“, erzählt der zehnjährige Yannik begeistert. „Wenn wir morgens voll wild waren und alle durcheinander gebrüllt haben, dann sind wir erst einmal zum Kicken raus auf den Platz gegangen. Und nach dem Mittagessen haben wir es uns in den Sesseln gemütlich gemacht und in aller Ruhe unsere Bücher gelesen.“ „Genau“, stimmt ihm sein Kumpel Marc zu, „dann haben wir beim Lesen richtig auschillen können. Und die Geschichten waren auch echt cool.“

Lehrende anleiten

Aus diesen Ergebnissen will das Landesinstitut für Schulentwicklung gemeinsam mit der Landesstiftung einen Leitfaden für Lehrer und Erzieher entwickeln. Schon bald soll dieser auf dem Landesbildungsserver zum kostenlosen Download und zur Anwendung im Unterricht verfügbar sein und das bereits bestehende Angebot an Fachliteratur zu diesem Thema ergänzen. Denn „Kicken & Lesen“ greift bewegungspädagogische Erkenntnisse auf, die beispielsweise auch in der Waldpädagogik oder in der Sportdidaktik zum Tragen kommen. Im Klett Verlag ist dazu unter dem Titel „Bewegte Schule – bewegtes Lernen“ eine dreibändige Reihe erschienen, die sich intensiv mit der Bedeutung von Bewegung im Schulunterricht und in der Schulentwicklung beschäftigt.

Das Ausagieren, das bei „Kicken & Lesen“ auf dem Bolzplatz stattfindet, hat das Konzept von „Bewegter Schule“ auf entsprechend gestaltete Pausenhöfen verlegt. Eine Sportstunde pro Tag, Schullandheimaufenthalte mit körperlicher Arbeit, Sportfeste, Wandertage und ein „bewegter Unterricht“ in allen Fächern sind weitere Möglichkeiten, dem Bewegungsbedürfnis und der Aufnahmefähigkeit pubertierender Jungen entgegenzukommen. „Stillsitzschulen“ und „Stillsitzunterricht“ wirken dagegen gerade in Zeiten von ständig wachsendem Leistungsdruck als echte Motivationskiller, sind sich die Redakteure des Klett Verlags und von „Kicken & Lesen“ einig. Außerdem machten sie aggressiv, weil sie natürliche Bewegungsimpulse unterdrückten.

Täglich eine Stunde Sport

Schulversuche in Hessen sind zu demselben Ergebnis gekommen. Eine Sportstunde täglich, verbunden mit freien Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten, bewirke, dass Aggressivität und Gewaltbereitschaft schon nach kurzer Zeit signifikant nachlassen, zeigt die Statistik. In gleichem Maße verbesserten sich bei den Versuchen die Leistungen in Deutsch und Mathematik, obwohl die Stunden für den zusätzlichen Sportunterricht gerade von diesen Fächern abgezweigt wurden.

„Das liegt gerade bei körperlich ausgelasteten Jungs zum einen an der besseren Konzentrationsfähigkeit“, vermutet Margrit Wienholz, „und zum anderen auch an der Bereitschaft, sich auf einsame Tätigkeiten wie Rechnen oder Lesen überhaupt einzulassen. In diesem Alter sind Jungen normalerweise nämlich nicht gern alleine. Sie suchen die Gemeinschaft mit Gleichaltrigen in einer Peer Group, und die gibt es beim Lesen nicht.“

Ganz anders geht es da bei „Kicken & Lesen“ zu. Es kann schon vorkommen, dass sich beim Lesen im Gruppenraum eine vollständige Fußballmannschaft tummelt. Und erstaunlicherweise herrscht selbst dann kein undiszipliniertes Chaos, sondern ein entspanntes Miteinander.

Hier hält man sich freiwillig an die drei selbst auferlegten Regeln, die sich die Jungen zur Erinnerung auf eine große Wandtafel geschrieben haben: Beim Vorlesen niemanden auslachen. Zuhören. Nicht stören. „Gar nicht so einfach“, geben die Jungs unumwunden zu, „und es funktioniert auch nicht immer.“ Aber schon nach zwei Wochen kicken und lesen ist man dem hoch gesteckten Ziel zumindest ein ganzes Stück näher gekommen.

Fazit

Die Konzentration aufs Lesen gelingt vielen pubertierenden Jungs nur, wenn sie sich zuvor austoben konnten. In den Unterricht sollten deshalb verstärkt Bewegungseinheiten integriert werden.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst

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