Klassenwiederholungen

Philologenverband kritisiert Unehrlichkeit bei der Sitzenbleiberdebatte

Als in hohem Maße unehrlich und in keiner Weise zu Ende gedacht hat der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger, die Ankündigung von Bildungspolitikern und Landesregierungen bezeichnet, das Sitzenbleiben abschaffen zu wollen.

19.02.2013 Pressemeldung Deutscher Philologenverband (DPhV)

"Wenn die Bildungspolitik die sowieso schon stark gesunkenen Sitzenbleiberquoten weiter verringern will, dann muss sie in massivem Ausmaß zusätzliche Ressourcen in die Schulen geben, um mehr Förderstunden und Kleingruppenunterricht zu ermöglichen. Das Pferd aber von hinten aufzuzäumen, also erst das Sitzenbleiben abzuschaffen und das dann schon als Erfolg zu feiern, ist in hohem Maße unehrlich und geht letztendlich auf Kosten der Qualität der Leistungsergebnisse. Hamburg z. B. wird so auf keinen Fall von den Abstiegsplätzen bei PISA wegkommen!" betonte der Verbandschef.

Meidinger prophezeite bei einem Wiederholverbot für Schüler außerdem stark steigende Versagerquoten bei den Abschlussprüfungen, also z. B. bei der Mittleren Reife oder dem Abitur, denn dort müsse dann Farbe bekannt werden. "Es sei denn", so Meidinger, "in logischer Konsequenz werde dann verfügt, dass diese auch mit mehreren Fünfen und Sechsen bestanden werden könnten!"

Der DPhV-Vorsitzende erklärte die Behauptung einzelner Bildungsforscher für nachweislich falsch, dass es empirisch unstrittig sei, dass Sitzenbleiben den Schülern schade. Die größte spezifische Sitzenbleiberstudie in Deutschland, die 2004 vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen mithilfe einer Vergleichsgruppenbildung von Sitzenbleibern und Nichtsitzenbleibern bei 2500 Schülerinnen und Schülern durchgeführt wurde, hatte eindeutig ergeben, dass bei der großen Gruppe der Entwicklungsverzögerten das Sitzenbleiben die Chance, den angestrebten Schulabschluss zu erreichen um 50 Prozent erhöhte.

"Deshalb ist es purer Unsinn, wenn gerade Bildungsforscher, Pädagogen oder Bildungspolitiker die Mehrkosten von Klassenwiederholungen beklagen. Entscheidend sind nicht die Kosten, sondern die Frage, ob das Wiederholungsjahr den Schüler seinem angestrebten Ziel und Schulabschluss nähergebracht hat!", erklärte Meidinger dazu.

Der Verbandsvorsitzende wandte sich auch gegen die Pauschalbehauptung, außerhalb Deutschlands gebe es das Instrumentarium des Sitzenbleibens kaum. Das, so Meidinger, sei nachweislich falsch: "40 Prozent aller EU-Staaten verfahren ähnlich wie Deutschland. Außerdem haben Staaten, die auf Pflichtwiederholungen verzichten wie etwa England andere Schul- und Abschlusssysteme. In England beispielsweise können leistungsschwächere Schüler in der Oberstufe so genannte harte Fächer wie Mathematik abwählen bzw. etwa durch Sozialwissenschaften ersetzen. Die Konsequenz sind nicht vergleichbare Abschlüsse und die Erfahrung mancher Absolventen, mit solchen weichgespülten Zeugnissen an renommierten Unis keine Aufnahme zu finden. Auch Finnland ist kein gutes Beispiel, weil dort nach der wiederholungsfreien Phase in der Primar- und Mittelstufe beim Übergang in die Oberstufe massiv selektiert wird."

Der DPhV-Vorsitzende sprach sich für mehr Ehrlichkeit in dieser Debatte aus. Es gebe vereinfacht betrachtet drei Gruppen von potenziellen Wiederholern. Die Gruppe, die aufgrund vorübergehender Leistungsprobleme mithilfe zusätzlicher präventiver Förderung an der Schule das Sitzenbleiben vermeiden könnte, eine zweite Gruppe, die an der jeweiligen Schulart dauerhaft überfordert und bei der ein Schulwechsel angesagt ist, sowie eben die Gruppe, die vom Wiederholungsjahr tatsächlich profitieren könnte. Meidinger dazu: "Ein Verbot des Sitzenbleibens nützt keiner dieser Schülergruppen!"

Es sei zwar richtig, dass das Sitzenbleiben ohne intensive pädagogische Betreuung bei Schülern zu Identitätskrisen und Versagensängsten führen könne, umgekehrt ist es aber auch oft die Chance zum Neustart in anderen Lerngruppen und zu neuen Erfolgserlebnissen.

Für die Unehrlichkeit der Politik führte der Philologenverbandsvorsitzende abschließend das Land Rheinland-Pfalz an. Dort habe man den Rückgang der Sitzenbleiberquote in den letzten Jahren dazu genutzt, rund 70 Lehrerstellen abzubauen, anstatt diese Ressourcen im System zu belassen und für zusätzliche Förderstunden zu nutzen. Man müsse befürchten, dass eine Abschaffung des Sitzenbleibens letztendlich eine Sparmaßnahme sei, die weder den Schülern helfe noch die Qualität verbessere.


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