BLLV

Realschule erfährt nur rhetorische Unterstützung

Obwohl der Ansturm auf Realschulen in Bayern ungebrochen ist und Schulleitungen wie Lehrkräfte mit steigenden Schülerzahlen fertig werden müssen, erfährt die Schulart meist nur rhetorische Unterstützung.

22.05.2012 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Die Lehrkräfte sind hohen Belastungen ausgesetzt. Vielfach schlägt sich dies auf ihre Gesundheit nieder, was zu erhöhten Krankheitsausfällen und Fehlstunden für die Schüler führt", kritisierte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, anlässlich des Anfang dieser Woche begonnenen Probeunterrichts. Gebetsmühlenartig werde zwar betont, wie beliebt die Realschule sei - konkrete Unterstützung würden Lehrer und Schüler aber wenig erfahren. "Die Realschulen kommen bei Eltern gut an, weil sie ihrem Kind den Besuch der Haupt- bzw. Mittelschulen ersparen", sagte Wenzel. Während dort die Schülerzahlen trotz Einführung der Mittelschulen und entgegen anderslautender Behauptungen weiter einbrechen, was zu erneuten Schulschließungen führen wird, platzen an den Realschulen die Klassen aus allen Nähten. Im vergangenen Schuljahr gab es über 1750 Realschulklassen mit mehr als 31 Schülerinnen und Schülern. Gleichzeitig ist die Personaldecke extrem dünn - über Möglichkeiten individueller Förderung, zusätzlicher Angebote oder Entlastung der Lehrerkollegien ist damit alles gesagt."

Besuchten vor zehn Jahren in Bayern 182.600 Schüler eine Realschule (25% eines Jahrgangs), sind es Schuljahr 2011/12 insgesamt 244.200 (34% eines Jahrgangs). Mit den steigenden Schülerzahlen werden die Klassen, ähnlich wie an Gymnasien, heterogener. "Viele Realschüler kommen vom Gymnasium und versuchen, wenigsten den Mittleren Abschluss zu schaffen. So wurden im Schuljahr 2010/11 knapp 7.400 Abgänger aus dem Gymnasium an Realschulen aufgenommen, das waren rund 800 mehr als im Schuljahr zuvor. Die Schüler, die vom Gymnasium auf eine Realschule wechseln, machen insgesamt 15% von allen Neuaufnahmen an den Realschulen aus. "Die Betroffenen sehen darin oftmals einen ´Abstieg´. Sie sind oft demotiviert, ihr Selbstwertgefühl ist angeknackst, sie müssen den Verlust früherer Schulfreunde verarbeiten und sich völlig neu orientieren. Manchmal ist der Schulwechsel mit einem neuen Schulweg oder sogar -ort verbunden, außerdem müssen sich die Jungendlichen in eine bereits bestehende Klassengemeinschaft einfügen", erklärte Wenzel.

Hinzu komme, dass Realschulen sicherlich auch von vielen Jugendlichen mit einer Empfehlung für das Gymnasium besucht würden. So treffen sehr unterschiedliche Begabungen und Bedürfnisse von Schülern aufeinander, die nur wenige Jahre zuvor voneinander getrennt wurden. "Hier wird deutlich, wie unsinnig, kostspielig und für die betroffenen Schüler auch demotivierend diese Auf- und Abstiege im bayerischen Schulsystem sind", folgerte Wenzel.

Grundsätzlich könnten junge Menschen von der Heterogenität in Klassen und Gruppen profitieren, "allerdings nur dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen

  • und das tun sie leider nicht." Vielmehr seien die Klassenstärken unzumutbar groß, die Arbeitsbedingungen für Lehrer und Schüler physisch und psychisch belastend, die Lehrerversorgung unzureichend und die Möglichkeiten, Schüler individuell zu fördern, schlecht." Die Lehrkräfte fänden einfach nicht die erforderliche Zeit, den unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Schüler gerecht werden zu können. Meistens seien sie damit beschäftigt, die Unterrichtsversorgung aufrecht zu erhalten. Auch die Ausstattung mit Schulpsychologen sei ungenügend: "Wie das Kultusministerium im Januar auf eine Anfrage der Freien Wähler mitteilt, stehen für die derzeit über 177.000 Schüler an staatlichen Realschulen nur etwa 80 Schulpsychologen zur Verfügung, d.h. ein Schulpsychologe kommt auf rund 2200 Schüler."

Die Realschullehrkräfte werden nur wenig auf die steigenden Anforderungen vorbereitet. "Ihre Ausbildung ist, ähnlich der gymnasialen Lehrerbildung, in erster Linie fachbezogen. Das macht es für einen Lehrer, eine Lehrerin zusätzlich schwer, zu den Schülern eine gute persönliche Beziehung zu entwickeln und so zum Helfer und Betreuer zu werden", erklärte Wenzel. Die Pädagogik trete so mehr und mehr in den Hintergrund, die individuelle Förderung des Schülers auch. Was zähle, sei prüfungsrelevantes Fachwissen. "Hier müssten aus Sicht des BLLV Reformen angedacht werden, die auch das Lern- und Leistungsverständnis an Realschulen kritisch hinterfragen, neue Unterrichtsmethoden befördern und die Lehrer-Schüler-Beziehung verbessern helfen."

In einem ersten Schritt aber müssten die Lehrerinnen und Lehrer wirksam entlastet werden. "Dazu ist der Aufbau vor allem einer integrierten Lehrerreserve erforderlich."


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