Referendare: Viel Leistung für wenig Geld
(dg) Rund elf Prozent der deutschen Studenten wollen laut Statistischem Bundesamt einmal Lehrer werden. Doch zwischen Studium und erhofftem Traumberuf liegt noch das Referendariat: Schlechte Bezahlung und Betreuung lassen viele zukünftige Lehrer an ihrer Berufswahl wieder zweifeln. Das ist umso problematischer, als mit der Qualität der Lehrerausbildung der Bildungsstandort Deutschland steht und fällt.
12.11.2007 ArtikelRund 1000 Euro brutto verdient ein Referendar im Monat. Je nach Schulart und persönlichen Umständen sind es ein paar Euro mehr oder weniger. Davon müssen Wohnung, Verpflegung und Versicherung bestritten werden – kaum ein anderer studierter Berufsanfänger wird so schlecht bezahlt. Und das, obwohl Referendare in Vollzeit Seminare besuchen, Unterricht vor- und nachbereiten und selbst vor einer Klasse stehen. Während auf der einen Seite viel Leistung erwartet wird, fühlen sich Referendare im Schulbetrieb oft nicht ausreichend unterstützt. Zur "14. Klasse" degradiert, ist die Qualität der Ausbildung häufig davon abhängig, wie viel Zeit sich die betreuenden Lehrer für die neuen Kollegen nehmen.
Theorie trifft Praxis
Nachdem die zukünftigen Lehrer ihr Studium mit dem ersten Staatsexamen beendet haben, absolvieren sie das Referendariat, um das zweite Staatsexamen zu erhalten. Die konkrete Gestaltung der Prüfungen und der Ausbildung liegt dabei in den Händen der jeweiligen Landesverwaltungen. Sie variieren von Bundesland zu Bundesland. "An den Universitäten wird oftmals nicht auf die sozialen Gefüge zwischen Schülern, Eltern und Lehrern hingearbeitet, sondern es werden hauptsächlich Fachwissen und didaktische Kompetenzen sowie erziehungswissenschaftliche Grundkenntnisse vermittelt", erläutert Martin Kohn, Lehrer an einem hessischen Gymnasium und langjähriger Mentor in der Lehrerausbildung. "Die universitäre Ausbildung vernachlässigt vor allem die Zusammenarbeit mit den Eltern, obwohl das ein enorm wichtiger und sensibler Schwerpunkt der schulischen Tätigkeit ist." Um das nötige praktische Wissen zu erwerben, übernehmen die Lehramtsanwärter dann im Referendariat an einer Schule eine bestimmte Anzahl von Unterrichtsstunden in verschiedenen Klassen. Dabei werden sie zunächst vom Lehrer dieser Klassen betreut. Teilweise unterrichten sie auch bereits vollkommen selbstständig. Dazu kommen Hospitationen und ergänzende Seminare, beispielsweise zur Medienkompetenz.
Stress und Resignation
Nicht selten geraten Referendare dabei in einen Widerspruch zwischen den hohen pädagogischen und fachdidaktischen Standards der Universitäten und dem Schulalltag, der häufig von Zeitdruck bestimmt wird. Viele Lehramtsanwärter geraten schnell an körperliche und psychische Grenzen. Das Phänomen "Burn-out-Syndrom" hat schon vor Jahren auch den Schuldienst erreicht. Ein Fragebogen des Deutschen Beamtenbundes im Internet soll helfen, im Vorfeld zu klären, ob Studenten für den Beruf Lehrer geeignet sind. "Mir fällt es leicht, mich mit meiner Stimme zu behaupten", "Ich bin bereit, Privates zugunsten der Arbeit zurückzustellen" oder "Ich kann Kränkungen gut wegstecken", heißt es dort – und bringt sicherlich manchen interessierten Abiturienten ins Grübeln.
Lehren lernen
Neben schlechten Arbeitsbedingungen, wie zum Beispiel dem fehlenden Arbeitsplatz in der Schule, macht Referendaren oft der Umgang mit Kollegen und Eltern zu schaffen. Häufig gehen – wie auch in jedem großen Betrieb – bei den Lehrern einer Schule die Meinungen über Unterrichtsstil und Berufsauffassung auseinander, und Referendare sitzen dabei gelegentlich zwischen den Stühlen.
Dass gerade das auch eine Chance ist, weiß Harald Weisshaar, Englischlehrer und Lehrbeauftragter am Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Tübingen. "Referendare sollten lernen, sich nicht hinter Materialschlachten zu verstecken, sondern unter Einsatz der eigenen Persönlichkeit zu unterrichten. In den Hospitationen lernen Referendare unterschiedliche Lehrer und Unterrichtsstile kennen und sie sollten das als Anreiz nehmen, selbst zu experimentieren und sich auszuprobieren", rät Weisshaar, der das sehr erfolgreiche Englisch-Lehrwerk Green Line im Ernst Klett Verlag herausgibt. Das gilt ebenso für den Umgang mit den Eltern. Viele Referendare sind überfordert, wenn sie einem dominanten Vater eine schlechte Benotung erläutern sollen oder einer ängstlichen Mutter erklären müssen, warum das Kind kein Handy mit auf die Klassenfahrt nehmen darf. Entsprechende Übungen, beispielsweise Rollenspiele, sind in den fach- und erziehungswissenschaftlichen Seminaren bislang jedoch eher selten, weiß Martin Kohn. "Viele Eltern haben einfach die Befürchtung, dass ihr Kind von einer nicht vollständig ausgebildeten Kraft unterrichtet und benotet wird", berichtet er aus der Praxis. "Sie haben Angst, dass diese Note, die das Schicksal des Kindes bestimmt, ungerecht erteilt werden könnte."
Selbstbewusstsein üben
"Die meisten Eltern wissen nämlich über die pädagogische Ausbildung der Lehrer gar nicht Bescheid", bringt Kohn das Problem auf den Punkt – und fordert: Eventuell aufkommende Zweifel an der Arbeit oder der Autorität sollten Referenten den Eltern gegenüber deshalb aktiv entkräften, beispielsweise durch eine Selbstvorstellung auf dem Elternabend.
Bei alledem sollten sich Referendare aber vor allem den Spaß an der Arbeit erhalten. "Das Referendariat besteht nicht nur aus Prüfungslehrproben, sondern schafft die Grundlage für ein langes Berufsleben", sagt Harald Weisshaar, "es gibt also keinen Grund für ein schlechtes Gewissen, wenn man mal nicht alles unter einen Hut bekommt."
Kompakt
Referendare haben an deutschen Schulen einen schweren Stand. Schlechte Arbeitsbedingungen sowie Geringschätzung der Kollegen und Eltern machen den Berufsanfängern zu schaffen. Ein selbstbewusstes Auftreten und gute kommunikative Fähigkeiten können helfen – und dafür sorgen, dass der Traumberuf auch einer bleibt.
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst
Keine Kommentare vorhanden