Ernährungsbildung

Schmeckt gut, der Lernstoff

Beim Thema Ernährung bieten sich zahlreiche Gelegenheiten zum Lernen außerhalb des Klassenzimmers. Auf einem Bauernhof werden ernährungsrelevante Fragen mit allen Sinnen erfahrbar.

24.06.2020 Bundesweit Artikel Christian Löhden
  • © www.pixabay.com

Es ist nicht unbedingt der Geruch feinsten Parfums, doch das gehört dazu. Im Kuhstall riecht es nun einmal nach Kuh. Dafür können Kinder hier hautnah Schritte unserer Lebensmittelproduktion kennenlernen: Wie oft werden die Tiere gemolken? Wie läuft das Melken ab? Und vor allem: Was geschieht mit der Milch nach dem Melken? Auf einem Bauernhof können Schülerinnen und Schüler lernen, was Tierhaltung bedeutet, wann welche Obst- und Gemüsesorten reif sind, welcher technischer Aufwand notwendig ist, um Nutzpflanzen im Gewächshaus gedeihen zu lassen, aber auch, was es bedeutet, wenn Regen ausbleibt und wenn Landwirte zu geringe Preise für ihre Produkte erzielen.

Hier sind Schülerinnen und Schüler ganz nah am Entstehungsprozess von Lebensmitteln, die sie ansonsten wie viele Menschen nur als Endprodukt verpackt im Supermarkt sehen. Heute haben nur noch wenige Kinder und Jugendliche direkte Einblicke in die Zusammenhänge von Natur, Bodenbearbeitung, Tierhaltung und die Entstehung von Nahrungsmitteln. Das liegt unter anderem daran, dass die Zahl an landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen hat.

Thema jenseits des Unterrichts

Im Unterricht wird das Thema Ernährung sehr unterschiedlich behandelt. Im Leben von Schülerinnen und Schülern kommt es gleichwohl in verschiedensten Kontexten vor und wird auch in der Schule besprochen: In Pausen unterhalten sie sich über ihren Lunch und darüber, was am Abend zuvor bei ihnen zu Hause auf den Tisch kam. Bei manchen sind Unverträglichkeiten ein Thema, andere essen aus Überzeugung keine Fleischprodukte. Ältere Schüler folgen Influencern auf Social Media-Kanälen oder betätigen sich selbst als solche. Es gibt Bezüge zu anderen Themen wie Fitness, Gesundheit, Tierwohl, Umweltschutz. Ernährungswissen verbreitet sich somit häufig auf informellen Wegen. Dr. Anke Oepping, Leiterin des Nationalen Qualitätszentrums für Ernährung in Kita und Schule ist der Meinung, dass diese Form der Ernährungsbildung „grundsätzlich handlungsleitender für die Alltagsentscheidungen eines Menschen ist, als es kognitive Lehr- und Lernansätze in der heutigen schulischen ‚formalen Bildung‘ leisten können“, wie sie in „SchulVerwaltung: Zeitschrift für Schulgestaltung und Schulentwicklung“ schrieb. Das legt nahe, jungen Menschen Wissen über die sinnliche Erfahrung an Orten der Lebensmittelproduktion wie einem Bauernhof zu vermitteln. Die Erfahrung vor Ort ist auch geeignet, Schüler zu selbstständigen Akteuren zu machen. So setzen sie sich nach Besichtigungen womöglich dafür ein, das Essen für die Schulmensa aus nachhaltiger Produktion zu beziehen.

Reichlich Interesse bei Schülern

Laut einer Studie des Vereins information.medien.agrar aus dem Jahr 2017 finden Besuche von Schulklassen auf Bauernhöfen vor allem mit jüngeren Schülern statt. Gleichzeitig würden sich jedoch auch die älteren solche Möglichkeiten wünschen. Von über 1.000 befragten 12- bis 15-jährigen gaben 82 Prozent an, Interesse an einem Besuch zu haben. Viele wünschten sich dabei, selbst Hand anlegen zu dürfen – den Stall auszumisten, Tiere zu füttern, bei der Ernte zu helfen.

In allen Bundesländern bieten Bauernhöfe lernorientierte Aufenthalte in unterschiedlicher Länge. In Bayern unterstützt das Landwirtschaftsministerium sogenannte Erlebnisbauernhöfe dabei, Lerneinheiten für Erlebnispädagogik zu erstellen. 2019 waren 440 Bauernhöfe an dem Programm beteiligt. Am Programm „Erlebnis Bauernhof“, das sich an Grundschulkinder richtet, haben in dem Bundesland seit 2012 über 270.000 Kinder teilgenommen.

Verantwortungsbewusstes Handeln erzeugen

Solch intensives Teilhaben am Leben auf dem Bauernhof lässt sich besser bei einem längeren Aufenthalt umsetzen. Viele Höfe, gerade biologisch wirtschaftende, bieten Aufenthalte über mehrere Tage oder eine Woche an. Ein mehrtätiger Aufenthalt ist geeignet, Einstellungen und Verhaltensweisen von Schülerinnen und Schülern zu beeinflussen, wie eine Untersuchung im Rahmen eines Tagungsbands zur Wissenschaftlichen Fundierung des Lernens auf dem Bauernhof zeigt, der von der Universität Vechta herausgegeben wurde. Demnach legten viele von ihnen nach einem Besuch beispielsweise gesteigerten Wert auf gesunde und frische Lebensmittel – womöglich auch der Erfahrung geschuldet, wie gut frische Produkte schmecken. Doch auch bei der Abfallproblematik gab es eine Sensibilisierung.

Nach einer anderen Untersuchung im selben Rahmen förderte ein Besuch auf einem Lernbauernhof vor allem bei älteren Schülern die Übertragung von Nachhaltigkeitsfragen in den Alltag. So wurden beispielsweise die Regionalität und Saisonalität vom Essen in der Schulkantine hinterfragt.

Auch die Deutsche UNESCO-Kommission sieht im Rahmen des Programms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ Lernbauernhöfe als geeignet, bei Kindern und Jugendlichen ein Verständnis für komplexe Zusammenhänge und die Folgen des eigenen Handels zu erzeugen.

Wenn zunehmend Schülerinnen und Schüler Erfahrungen auf einem Bauernhof machen, überlegen sie vielleicht in Zukunft häufiger, welches Gemüse gerade Saison hat, welche Herkunft das Steak auf dem Teller hat und dass man aufwendig hergestellte Nahrungsmittel nicht verschwenden sollte. Dann wäre mehr gewachsen als nur das Wissen der Kinder.



Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden