Schule als Spiegel der Gesellschaft

Lehrerinnen und Lehrer werden es in Zukunft mit noch vielfältigeren Schülergemeinschaften zu tun haben. Die wachsende Vielfalt der Gesellschaft kommt in den Klassenräumen an: Mehr migrantische Schüler, zunehmende soziale Unterschiede und die Inklusion von Schülern mit Förderbedarf stellen hohe Anforderungen an Lehrkräfte.

21.07.2015 Pressemeldung Cornelsen Stiftung Lehren und Lernen
  • © Michael Miethe

Wie viel Verschiedenartigkeit den Schulen guttut, wie Lehrer sie als Chance nutzen können und welches Umfeld es dafür braucht, darüber diskutierten gestern Praktiker und Wissenschaftler auf der öffentlichen Auftaktveranstaltung der diesjährigen Sommer-Uni der Cornelsen Stiftung Lehren und Lernen an der Freien Universität in Berlin. Bessere Rahmenbedingungen, vor allem eine ausreichende personelle Ausstattung und gute Weiterbildungsmöglichkeiten, dazu ein klares Bekenntnis der Schulleitungen zu den Chancen der wachsenden Heterogenität und eine verlässliche Zusammenarbeit in den Kollegien seien notwendig, um Vielfalt in den Schulen als Chance zu nutzen. Darin waren sich die Diskussionsteilnehmer einig.

Klaus Jürgen Tillmann, emeritierter Professor für Schulpädagogik an der Universität Bielefeld, der sich in seinem Einstiegsvortrag krankheitsbedingt durch Prof. Hilbert Meyer vertreten ließ, betonte, dass eine "begrenzte" Verschiedenartigkeit viele soziale, pädagogische und didaktische Vorteile für die Schüler habe. Er warnte allerdings vor zu viel Heterogenität "am unteren Ende", bei den sozial schwächeren und lernschwachen Schülern, weil diese nicht davon profitierten.

Viel kann man von den Grundschulen lernen, die schon immer wirkliche "Gesamtschulen" seien und über eine Menge Erfahrung im Umgang mit Heterogenität verfügten, so Hilbert Meyer, emeritierter Professor an der Universität Oldenburg in seinem eigenen Statement. Großen Nachholbedarf sieht er hingegen vor allem ab der Sekundarstufe I – auch wenn die Heterogenität an deutschen Schulen im internationalen Vergleich gar nicht so groß sei.

Prof. Birgit Lütje-Klose, die an der Universität Bielefeld vor allem zum Thema Inklusion forscht und dort auch eine Laborschule leitet, betonte, dass der vielfältige inklusive Unterricht Vorteile für die Schüler mit Förderbedarf habe, während Kinder und Jugendliche ohne Behinderung ebenfalls ihre Lernziele erreichten. Es gebe allerdings spürbare Unterschiede zwischen den Schulen. Individuell komme es darauf an, wie stark Vielfalt von der Schulleitung geschätzt und im Leitbild der Schule verankert werde und wie gut das Lehrerkollegium zusammenarbeite, um mit der Heterogenität der Schüler umzugehen.

Direkt aus dem praktischen Schulalltag brachten Heidemarie Brosche, Hauptschullehrerin in Augsburg, und Michael Felten, Gymnasiallehrer in Köln, ihre Erfahrungen ein. Während sie bei Pädagogen und Eltern oft eine abwehrende Haltung gegenüber der wachsenden Vielfalt in den Klassenzimmern spüre, erlebe sie unter ihren Schülern – 80 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, fast alle hätten Probleme im sozialen Umfeld zu schultern – selten, dass diese Schwierigkeiten mit ihrer Verschiedenartigkeit hätten, so Brosche. Akzeptanz und Respekt seien stark ausgeprägt. Für sie ist vor allem eine gute Lehrer-Schüler-Bindung entscheidend dafür, dass Vielfalt positiv genutzt wird. Außerdem bemüht sie sich um eine gute Zusammenarbeit mit der ebenso heterogenen Elternschaft. Ähnlich sieht es Felten, der sich von den Lehrern Führungsqualitäten erhofft: Die Schüler motivieren zu können, sie im positiven Sinne zu führen, sie zu mögen und Fehler tolerieren zu können – das prägt für ihn eine gelungene Lehrer-Schüler-Beziehung in heterogenen Klassen.

Ob denn der heterogenen Schülergemeinschaft nicht viel zu homogene Lehrerkollegien gegenüberstünden, warf eine Zuhörerin in die Diskussionsrunde ein und hatte dafür den Applaus in dem gut besuchten Hörsaal auf ihrer Seite. Einhellig bekräftigten die Diskutanten auf dem Podium und die engagiert mit diskutierenden Zuhörer, dass Schule der am besten geeignete Ort sei, um Kinder und Jugendliche auf die immer heterogenere Gesellschaft und ihre Anforderungen vorzubereiten.

Dabei sollte eines nicht zu kurz kommen: der Spaß am Unterrichten. Oder, wie es Michael Felten auf den Punkt brachte: "Sich mit schwierigen Schülern individuell zu beschäftigen, sollte für Lehrer die Krönung sein – und nicht der Sargnagel."

Ansprechpartner

Irina Groh
Cornelsen Stiftung Lehren und Lernen
c/o Cornelsen Verlag GmbH
Mecklenburgische Straße 53
14197 Berlin
Telefon: +49 30 897 85-563
Fax: +49 30 897 85-97-563
E-Mail: irina.groh@cornelsen.de
Web: www.stiftung-lehren-lernen.de


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