Schularchitektur

Schulen als Lern- und Lebensräume

(red) Aus der Not entsteht gelegentlich Kreativität. Beispiel: zwei marode Schulgebäude mit zwei Grundschulen in direkter Nachbarschaft. Die eine katholisch und mit einem verschwindend geringen Migrantenanteil, die andere städtisch und mit Klassen, in denen kaum noch deutsche Kinder angemeldet werden. Spätestens jetzt, im Jahr 2002, muss etwas geschehen. Schritt 1: Die Schulen werden zusammengelegt und entwickeln ein neues Konzept, Schritt 2: Das Konzept bekommt den passenden Rahmen, einen Schulcampus.

02.03.2012 Artikel

Im Bonner Stadtteil Mehlem treffen viele Nationen und viele soziale Schichten zusammen. Und nicht alle Eltern waren anfangs begeistert, als die beiden Grundschulen zum Schuljahr 2003 /2004 zur Katholischen Grundschule zusammengelegt wurden. Doch die Entwicklung der Schule überzeugte bald. Gemeinsam mit der Uni Köln hatte das Kollegium ein interkulturelles Gesamtkonzept erarbeitet. Dazu gehört neben dem katholischen und evangelischen auch der islamische Religionsunterricht, neben dem Deutschunterricht der Arabischunterricht, neben der Weihnachtsfeier auch die Ramadanfeier. Zwei Jahre lang versuchten Lehrer und Eltern dann, wenigstens etwas von diesem Konzept in den Räumen sichtbar zu machen, mit neuen Anstrichen, mit Farben und Vorhängen. Doch Wände konnten sie nicht einreißen und gegen die kaputten Fenster, die teilweise mit Brettern abgedichtet werden mussten, kamen sie nicht mehr an.

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  • Im Video: Lehrer und Planer berichten
    Mit Statements von Annie-Katherina Kawka-Wegmann, Schulleiterin in Bonn; Dr. Karl-Heinz Imhäuser, Vorstand Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft in Bonn; Andreas Becker-Brandt, Schulleiter in Bad Oeynhausen; Elke Maria Alberts, Architektin in Bielefeld.



"Dann erhielt ich einen Anruf der Montag-Stiftungen", erinnert sich Schulleiterin Annie-Katherina Kawka-Wegmann. Die von dem Bildenden Künstler und Bauunternehmer Carl Richard Montag gegründeten Montag Stiftung Urbane Räume sowie Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft gehören unterdessen zu den führenden Akteuren, wenn es in Deutschland um Konzepte für Bildungsbauten geht. Die Stiftungen initiieren und begleiten Planungsprozesse, sie beraten Schulen und Kommunen und liefern mit der Online-Datenbank "Lernräume Aktuell" Inspirationen für Bildungsbauten. Sie sind außerdem Projektpartner bei der Entwicklung und Gestaltung eines ganz besonderen Projekts: der Bildungslandschaft Altstadt Nord in Köln. Im Kölner Stadtteil rund um den Klingelpützpark soll ein Bildungsverbund aus sieben Bildungseinrichtungen entstehen, der die gesamte Bildungskette abbildet und verknüpft - von der Kindertagesstätte über Schulen und Jugendzentrum bis zum Weiterbildungskolleg.

Wenn Visionen auf Vorgaben treffen

Ein Jahr lang trafen sich die Mehlemer Lehrer und Eltern regelmäßig mit den Verantwortlichen der Stiftungen, sie diskutierten, sie entwickelten Pläne und änderten sie wieder. Konflikte und Kompromisse sind vorprogrammiert, wenn Visionen von pädagogischer Architektur mit Vorstellungen und Vorgaben der Verwaltung zusammenprallen. "Unsere Fragestellung war von Anfang an, wie wir das pädagogische Konzept vor Ort mit einer Architektur übersetzen können", erklärt Dr. Karl-Heinz Imhäuser, Vorstand der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Dazu gehörte neben dem interkulturellen Konzept auch der Wunsch, die Bildungskette vom dritten bis zum zehnten Lebensjahr durchgängig zu gestalten. "Eine für die Stadt Bonn zunächst etwas fremde Idee." Die aber dennoch Wirklichkeit wurde.

Was sich nicht realisieren ließ, war ein offeneres Raumkonzept, wie man es aus skandinavischen Ländern und auch von einigen deutschen Schulen kennt. Komplett aufschiebbare Klassenwände scheiterten an den Vorstellungen der Verwaltung und auch an dem deutlichen Hinweis, dass dies noch mehr Begehrlichkeiten bei andern Schulen wecken könnte. Gelungen hingegen ist etwas anderes: Hier gibt es drei statt nur ein Lehrerzimmer, und die sind dicht an den Klassenräumen. "Denn", so Karl-Heinz Imhäuser, "es ist wichtig, dass Schüler ihre Lehrer auch jenseits der Unterrichtssituation arbeiten sehen."

Dorf im Dorf

Das bunte Ensemble aus zwei Schulgebäuden, dem Verwaltungsgebäude und dem Kindergarten wirkt wie ein Dorf im Dorf und der Schulhof wie der Dorfplatz. Bestimmend sind Farbe und Licht: warme Orangetöne, Fenster, die bis zum Boden reichen und Glastüren, die aus den Klassenzimmern ins Freie führen. In einigen Klassen laden Liegestühle auf den Freiflächen die Kinder zum Lesen oder zum Träumen ein.

Es gibt keine traditionellen Klassenräume, sondern Einheiten, bestehend aus dem Klassenvorraum mit einem Waschbecken, der auch Platz für Schuhe und Jacken bietet. Vom 90 qm großen Klassenraum zweigt außerdem noch ein Nebenraum ab, der für individuelle Förderung, für Sprachunterricht, zur Computerrecherche oder zum konzentrierten Lernen genutzt werden kann.

Das Herz der Schule aber ist die große Eingangshalle des mittleren Gebäudes. "Die Kinder lieben diese Aula, erzählt Annie-Katherina Kawka-Wegmann. "Hier werden die Schüler gekürt, die sich durch etwas ausgezeichnet haben, was nicht im Zeugnis steht. Hier präsentieren sie die Projekte ihrer Klassen. Dieser Raum schafft eine große Gemeinschaft." Und zwar längst nicht mehr nur für Schüler und Lehrer: "Es ist doch mittlerweile klar, dass Kommunen einen Mehrwert haben, wenn sie Bildungsorte auch als Zentren für kommunale Angelegenheiten verstehen", weiß Karl-Heinz Imhäuser.

Sternförmig zweigen von der Aula die sechs Räume der Offenen Ganztagsschule ab. Hier verbringen 150 der insgesamt 340 Kinder ihre Nachmittage. In Räumen, die sich mit großen Fenstern und Türen nach außen öffnen, die Platz zum Essen, zum Lernen aber auch zum Toben oder zum Ausruhen bieten.

Die Kita schließlich ist der Schule in Farbgestaltung und Architektur sehr ähnlich, auch hier reichen die Fenster bis zum Boden, bestimmen warme Farben die Räume. Im offenen Eingangsraum sitzen heute Mittag einige Erst- und Zweitklässler bei den Hausaufgaben. "Für die Kinder gibt es keine Grenzen zwischen Kita und Schule", erklärt Kita-Leiterin Angelika Zehnder. Früh schon haben ihre Schützlinge Kontakt zur Schule und später besuchen die Schüler gern ihre alte Kita. Die Einrichtung in Mehlem arbeitet nach einem teiloffenen Konzept: Am Morgen spielen und lernen die unter Dreijährigen und die größeren Kinder getrennt in ihren Gruppenräumen. Später treffen sie sich im Konstruktionsraum, im Rollenspielraum oder im Bewegungsraum.

Teil der Kommune

Katholische Grundschule, Offene Ganztagsschule und Kita: Diese Bildungslandschaft im Kleinen ist in kurzer Zeit sowohl Lebens- und Lernraum für Kinder, Lehrer und Eltern als auch Teil der Kommune geworden. "Ich habe hier nicht das Gefühl, dass ich unbedingt nachmittags nach Hause gehen muss", sagt Annie-Katherina Kawka-Wegmann. So geht es auch vielen Müttern. Für sie ist die Schule zum wichtigen Treffpunkt geworden. Und dafür muss die Bauplanung wohl noch einmal aktiv werden. "Was fehlt, ist ein Pavillon oder eine Teestube." Immer wieder sind es also Etappenziele, die erreicht werden. Und künftig werden andere Schulen gebaut werden müssen, da ist sich Karl-Heinz Imhäuser sicher. Für neue Konzepte sorgt allein schon die angestrebte Inklusion. "Wenn die großen Förderschulen aufgelöst werden, dann werden wir in Schulen ganz andere Räumlichkeiten brauchen und wir werden die Schulen anders ausstatten müssen."

Der pädagogische Bauausschuss

Ein gutes Beispiel dafür: die Schule Wittekindshof in Bad Oeynhausen. Hier leben und lernen Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen. Und für sie alle sollte eine gemeinsame Schule gebaut werden. Eine Herausforderung, der sich die Bielefelder Architektin Elke Maria Alberts mit Ihrem Team und einem besonderen Konzept gestellt hat. Seit Jahren arbeitet auch Marc Wübbenhorst als pädagogischer Mitarbeiter in ihrem Architekturbüro. Der Pädagoge sieht sich als "Übersetzer" zwischen der Welt der Architektur und der Welt der Schule. Außerdem geht Elke Alberts mit dem pädagogischen Bauausschuss konsequent neue Wege. "Der pädagogische Bauausschuss wird weit vor den ersten Zeichnungen ins Leben gerufen", erklärt sie. "Wir sprechen erst miteinander – das kann auch zwei Jahre dauern - ehe dann die konkreten Planungen stattfinden."

Im pädagogischen Bauausschuss versuchen interessierte Lehrer und die Schulleitung gemeinsam mit dem Architekten, das pädagogische Konzept in ein Baukonzept zu übertragen. Mit im Boot ist auch der Hausmeister. "Er gehört zu den wichtigsten Personen im Bauausschuss, er kennt jede Ecke des Schulgebäudes und auch alle Mängel." Die Interessen der Schüler, so sieht es das Konzept vor, werden von den Lehrern in den Ausschuss getragen. Die Vorstellungen des Ausschusses landen dann dort, wo die Entscheidungen fallen: beim Schulträger. Etliche Wünsche werden realisiert, einige scheitern an festgefahrenen Vorstellungen, andere an finanziellen Hürden, erklärt die Architektin. "Wenn auch aus Kostengründen nicht jeder Wunsch umgesetzt wird, wie zum Beispiel hier der nach einem baubiologischen Gutachten, konnte doch ein Großteil verwirklicht werden."

Ideal ausgestattet für die Inklusion

Auch hier gibt es keine einzelnen Klassenräume, sondern Lerneinheiten, bestehend aus einem großen Unterrichtsraum, einem Gruppenraum mit einer Küchenzeile und einem Materialraum. Mit leicht transportierbaren Hockern, die an den Wänden gestapelt werden, können die mittleren Flure außerdem in Unterrichtsräume verwandelt werden. Beamer und Leinwände sorgen für die notwendige technische Ausstattung. Im September sind die Schüler mit Pauken und Trompeten in ihre neue Schule eingezogen. Bald schon werden die demografische Entwicklung und der inklusive Unterricht für einen deutlichen Rückgang der Schülerzahlen sorgen - und dann wird die Schule nicht mehr ausgelastet sein, es sei denn aus der Förderschule wird eine Schule für alle Kinder. "Wir sind für solche Inklusionskonzepte offen", erklärt Schulleiter Andreas Becker-Brandt. Und: "Vieles von dem, was eine Schule sich an Ausstattung wünscht, ist hier vorhanden."


Erstveröffentlichung: Erziehung und Wissenschaft (E&W), Frankfurt am Main 10/2011


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